Über Schreibräume

„Das Haus ist in besonderer Weise ein sinnliches Ding, das Haus ist sinnliches Haus“, schreibt Ute Guzzoni in Wohnen und Wandern.[1] Natürlich, ist mein erster Gedanke. Was sollte es sonst sein? Das Haus, der Raum ist eine Erweiterung meiner selbst, belebt und ausgedrückt durch die Dinge, mit denen ich den Raum fülle. Auch das schreibt Guzzoni an anderer Stelle. Da sind wir uns einig.

Ich möchte im Folgenden Guzzonis Referenz auf Marguerite Duras aufgreifen und ein paar Gedanken zu Schreibräumen entwickeln.

Guzzoni zitiert Marguerite Duras mit folgenden Worten, hier fragmentarisch, auf das Wesentliche beschränkt, wiedergeben: „Frauen seien in den Raum inkrustiert […] nur eine Frau kann sich im Haus so wohl fühlen, kann vollständig mit ihm verwachsen sein […] Ich gehe nie durch das Haus – denke ich – ohne es anzuschauen. … es ist eine Art ekstatischer Blick, der Blick der Frau an sich auf das Haus, auf ihre Wohnstätte und auf die Dinge, die offensichtlich den Inhalt ihres Lebens ausmachen.“[2] Guzzoni interpretiert dies nun als „das Bild der Frau als Hüterin des Herdes“.[3] Das mag zu Teilen seine Berechtigung haben, ich denke allerdings, das hier und gerade in Bezug auf Duras viel zu kurz gegriffen wird.

Marguerite Duras schreibt. Und in dem ich es genauso sage, drücke ich das beherrschende Moment der Tätigkeit aus. Sie ist Autorin, Schriftstellerin, wie auch immer man das Label bezeichnen möchte. Sie schreibt. Das Schreiben als Seinsform, als Raum, um überhaupt überleben zu können, spielt bei Marguerite Duras die zentrale Rolle. Sie ist das Schreiben selbst. Natürlich lebt, wohnt sie physisch an einem Ort, Sa-Dec, Saigon, Paris, Trouville, Neauphle. Sie bewohnt Räume, die eine äußere Grenze bilden, die der innere Schreibraum der Duras nicht hat. Daran lässt sich vielleicht schon erahnen, welche opiate Wirkung das Schreiben hat. Rauschhaft, wie die Opiumhöhlen, in denen der Chinese in L’Amant sich dem väterlichen Raum entzieht, nebelhaft und in diesem Nebel den Raum verschleiernd, der vom inneren Raum nur ablenkt. Das Schreiben als Sucht, als Suche, als sicherer Hafen in einer äußeren, verstörenden, brutalen Welt.

Ich glaube, ihr Schreiben selbst war brutal, in seiner Hingabe an das Wort, in Duras rücksichtsloser Entschlossenheit, sich ihrem Schreiben hinzugeben. Zuviel Brutalität, wenn es innen wie außen so aussieht. In Schreiben nimmt Marguerite Duras Stellung zum äußeren Schreibraum

. „Was ich sagen kann, ist, daß die Einsamkeit von Neauphle von mir gemacht worden ist. Für mich. Und daß ich nur in diesem Haus allein bin. Um zu schreiben.“ [4]

Das Haus ist die Grenze gegen die Welt, erweiterter physischer Schreibraum, um dem physischen Schreibkörper einen Ort zu geben, wo er geschützt am Leben gehalten wird, um Wort zu erzeugen und diese Worte zu Sätzen zu reihen und zu Geschichten.

Der äußere Schreibraum ist ein funktionales Konstrukt, er ist an Bedingungen gebunden, die das Schreiben ermöglichen. Der äußere Schreibraum bedingt die Schreibhandlung, nicht den inneren Schreibraum.

„Mein Zimmer, das ist nicht ein Bett, weder hier, noch in Paris, noch in Trouville. Das ist ein bestimmtes Fenster, ein bestimmter Tisch, Gewohnheiten mit schwarzer Tinte, nicht aufzutreibenden Sorten schwarzer Tinte, das ist ein bestimmter Stuhl. Und bestimmte Gewohnheiten, die ich immer wiederfinde, wohin ich auch gehe, wo ich auch bin, selbst an Orten, wo ich nicht schreibe …“[5]

Der äußere Schreibraum ist nicht zwangsläufig an das Konzept Raum gebunden, sondern manifestiert sich in Dingen, die in Räumen sind. Der innere Schreibraum wird hier durch Gewohnheiten markiert, die auch dann existieren, wenn das Schreiben nicht als Handlung ausgeführt wird. Der innere Schreibraum ist immer da, nicht zwangsläufig immer zugänglich und ich glaube, dass das Schreiben immer stattfindet, unabhängig von einer beobachtbaren Tätigkeit. Das Schreiben ist immer da, so wie der innere Schreibraum immer da ist. Man kann sich dem nicht mehr verschließen oder verwehren. Man ist dem Schreiben ausgeliefert.

„[…] in Neauphle ist sie angeekelt vom Geruch der Hunderte von Rosen im Garten, übersättigt von ihren schweren Düften, und sie hat ein Verlangen: Schreiben, ständig. Immer nur das. Die ganze Zeit.“[6]

Könnte man die Third-Space Theory darauf anwenden? Da ist der äußere Schreibraum. Und der innere Schreibraum. Der Autor existiert in beiden und bildet im Schreiben selbst, in der Handlung einen Third Space, in dem er beide Räume zu einem neuen Raum verbindet. Dieser Third Space ist der Autor selbst im Schreiben. Der Schreibprozess als Handlung ist an den Körper gebunden. Hat das Konsequenzen für den Text, für den Leser? Gilt der Third Space auch für den Leser, wenn er äußere und innere Leseräume aufmacht? Treffen sich Autor und Leser in diesem Third Space ohne direkt und unmittelbar zu kommunizieren? Barthes sagt nein. Der Text braucht keinen Autoren. Nach Genette wäre der reale Autor identisch mit dem impliziten Autor, den der Leser sich denkt und in seinem Third Space kreiert. Es ist nicht mehr als eine Spur. Dieser Third Space … vielleicht eine Sackgasse, die nirgendwohin führt.

Im Schreiben selbst lösen sich die Grenzen der Räume auf, das Innen fließt auf dem Papier in das Außen. Das Schreiben wird bezeugbar. Das innere Schreiben ist eine sichere Sache, erst in der äußeren Manifestation wird es verletzlich, wenn es den schützenden Körper verlässt.

Wenn Marguerite Duras von einem ekstatischen Blick schreibt, dann denke ich nicht, dass sie dabei Assoziationen eines weiblichen Rollenverständnisses im Blick hatte. Das mag für andere Frauen gelten. Für Duras nicht.  Vielmehr sieht sie den äußeren Schreibraum, der ihr sinnliche Schreiberfahrungen ermöglichte, der sie an die Momente von Schreiblust, Schmerz, Wahnsinn und Einsamkeit erinnert. Sie sieht sich selbst im Außen.


[1] Guzzoni, Ute (2017): Wohnen und Wandern. Karl Alber. Freiburg. München. S.36.
[2] Ebd. S. 40.
[3] Ebd. S. 40.
[4] Duras, Marguerite (1994): Schreiben. Suhrkamp. Stuttgart. S. 7.
[5 ] Ebd. S. 10.
[6] Vircondelet, Alain (1992/1994): Marguerite Duras. Genehmigte Taschenbuchausgabe. Goldmann. München. S. 400.