Alle Artikel mit dem Schlagwort: Prosa

Muscheln in meiner Hand

Vielleicht suche ich das, was Sokrates in seinem Gebet in PHAIDROS erflehte, wenn er sagt: “Laß den äußeren und den inneren Menschen eins werden. Anne Morrow Lindbergh Die Salzkruste, die zurückbleibt, lange nachdem das Meer die Muschel an die Küste gespült hat. Die Kruste auf der schiefermatten Oberfläche mit den Rillen und Furchen und dem scharfen Rand. Und darin verborgen das Perlmutt. Bleiben wir für einen Moment bei der nachweislich falschen, aber romantischen Idee, dass die Perle in der Muschel ein Schutz vor dem reibenden Sandkorn ist, das sich den Weg hinein gebahnt hatte, reingespült wurde. Das Sandkorn gehört da nicht hin, ist ein Fremdkörper und die Muschel bildet Schicht um Schicht Perlmutt um diesen Eindringling und am Ende entsteht etwas Wunderbares, Kostbares. Die Taktik erinnert mich an die Japaner, die Risse in Gefäßen mit Blattgold schlossen und den Makel zur Einzigartigkeit formten. Kintsugi. So scheint es mir mit der Muschel und ihrer Perle zu sein. Das Meer schleift das Sandkorn in Äonen von Wellen und Strömen und es reibt und zerrt an dem zarten …

Schreiben

Die Einsamkeit des Schreibens, das ist die Einsamkeit, ohne die Geschriebenes nicht entsteht oder zerbrökelt, blutleer von der Suche, was man noch schreiben könnte.Marguerite Duras Es war immer da. Das Schreiben. Manchmal schreibe ich über das Schreiben. Von innen heraus. Keine analytische Betrachtung oder wegweisende Richtlinien, die anderen als Vorgabe dienen könnten. Es ist mehr so, als ob das Schreiben aus sich selbst heraus erzählt. Es ist da. Das Schreiben bricht aus mir heraus. Ergießt sich auf dem Papier. In modernen Zeiten ist es ein Bildschirm. Das ist egal. Es bricht aus. Das Schreiben hatte eine eigene, eigenständige Persönlichkeit, lange bevor ich Stimmen fand, die den gleichen Klang hatten. Das scheint mir vermessen, denn es beinhaltet einen Vergleich. Wer bin ich schon. Also lange, bevor ich Stimmen fand, denen ich mich nah fühlte, von denen ich glaube, zu verstehen, was sie sagen. Es ist 1994. Der 17. Oktober. Ich kann mich nicht mehr an diesen Tag erinnern. Da ist nichts mehr. Ich war an diesem Tag in einem Buchladen und habe ein Buch von Marguerite …

Das innere Haus der Bücher

Die Welt wartet nicht. Früher war das anders. Oder ist das nur eine altersbedingte Wahrnehmung? Die Welt dreht sich und die Informationen, die durch den Äther rauschen, erscheinen mir wie die Rücklichter, die im Zeitraffer zu einem namenlosen roten Strom werden. Im Alltag fühle ich mich oft wie ein Blutkörperchen in diesem Fluss gefangen. Ich kann nicht anhalten, nicht aussteigen, mich nicht einmal gegen den Strom bewegen. Monotones vorwärts drängen. Als Kind erschien mir ein Buch zu lesen als die sinnvollste Möglichkeit zu sein. Auf dem Boden sitzend an die Heizung gelehnt in dem kleinen Zimmer mit dem Dachfenster. Der Blick nach draußen ohne Grenzen. Der Blick nach innen unendlich. Ich habe auf jeden neuen Band von Lucy Maud Montgomerys “Anne of Green Gables” gefiebert, die gab es zu Weihnachten und zum Geburtstag. Mit kindlicher Glückseligkeit jede Zeile eingeatmet und jedes Umblättern bedauert, weil die gelesenen Wörter und Sätze nun nicht mehr neu und unberührt auf mich warteten. Ich habe früh Hermann Hesse gelesen. Mit 17. Ist das überhaupt früh? Der Grundstein war ja schon …