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Muscheln in meiner Hand

Vielleicht suche ich das, was Sokrates in seinem Gebet in PHAIDROS erflehte, wenn er sagt: “Laß den äußeren und den inneren Menschen eins werden. Anne Morrow Lindbergh Die Salzkruste, die zurückbleibt, lange nachdem das Meer die Muschel an die Küste gespült hat. Die Kruste auf der schiefermatten Oberfläche mit den Rillen und Furchen und dem scharfen Rand. Und darin verborgen das Perlmutt. Bleiben wir für einen Moment bei der nachweislich falschen, aber romantischen Idee, dass die Perle in der Muschel ein Schutz vor dem reibenden Sandkorn ist, das sich den Weg hinein gebahnt hatte, reingespült wurde. Das Sandkorn gehört da nicht hin, ist ein Fremdkörper und die Muschel bildet Schicht um Schicht Perlmutt um diesen Eindringling und am Ende entsteht etwas Wunderbares, Kostbares. Die Taktik erinnert mich an die Japaner, die Risse in Gefäßen mit Blattgold schlossen und den Makel zur Einzigartigkeit formten. Kintsugi. So scheint es mir mit der Muschel und ihrer Perle zu sein. Das Meer schleift das Sandkorn in Äonen von Wellen und Strömen und es reibt und zerrt an dem zarten …

Mädchen mit Perle

Ich wusste nicht, dass sie hier sein würde. Der Gedanke wäre mir nie in den Sinn gekommen, schon gar nicht, sie hier zu suchen. Umso überraschter sog ich die Luft ein, als ich in Bruchteilen von Sekunden begriff. Sie war es. Kein Abbild, keine billige Kopie, kein Schatten. Und dann schaute ich sie an. Ganz bewusst. Vermeers Das Mädchen mit dem Perlenohrgehänge. Mein erster Gedanke war, das ist unser Bild! Das gehört hier nicht her! Und doch hing sie dort, schutzlos den Blicken unzähliger Menschen ausgeliefert. Im gleichen Moment wurde mir die Absurdität bewusst. Natürlich gehörte uns das Bild nicht. Trotzdem fühlte ich mich eigenartig, entblößt. Sie war so fremd in diesem roten Raum. Ich war gerade geboren worden, als meine Mutter das alte Haus mit den knarzenden Dielen und den blind gewordenen Spiegeln renovieren ließ, in dem schon Generationen vor uns ihre Spuren hinterlassen hatten. Trotzdem blieben einige Dinge so, wie sie schon immer gewesen waren und die Zeit konnte ihnen wie durch Zauber nichts anhaben. So auch die Bilder in der Galerie, zu …