Muscheln in meiner Hand

Vielleicht suche ich das, was Sokrates in seinem Gebet in PHAIDROS erflehte, wenn er sagt: “Laß den äußeren und den inneren Menschen eins werden.

Anne Morrow Lindbergh

Die Salzkruste, die zurückbleibt, lange nachdem das Meer die Muschel an die Küste gespült hat. Die Kruste auf der schiefermatten Oberfläche mit den Rillen und Furchen und dem scharfen Rand. Und darin verborgen das Perlmutt. Bleiben wir für einen Moment bei der nachweislich falschen, aber romantischen Idee, dass die Perle in der Muschel ein Schutz vor dem reibenden Sandkorn ist, das sich den Weg hinein gebahnt hatte, reingespült wurde. Das Sandkorn gehört da nicht hin, ist ein Fremdkörper und die Muschel bildet Schicht um Schicht Perlmutt um diesen Eindringling und am Ende entsteht etwas Wunderbares, Kostbares.

Die Taktik erinnert mich an die Japaner, die Risse in Gefäßen mit Blattgold schlossen und den Makel zur Einzigartigkeit formten. Kintsugi. So scheint es mir mit der Muschel und ihrer Perle zu sein. Das Meer schleift das Sandkorn in Äonen von Wellen und Strömen und es reibt und zerrt an dem zarten Muschelfleisch, gräbt sich ein und schmerzt. Unaufhörlich. Ich kann nicht sagen, woher die Muschel die Kraft nimmt sich dem Schmerz entgegenzustellen, aber sie tut es. Und vorsichtig beginnt sie eine hauchdünne Schicht um das Sandkorn zu legen. Zu zart, zu fragil ist diese erste dünne Schicht und es nimmt dem Schmerz nicht die Intensität.

Die zweite Schicht – und das Perlmutt schließt sich porzellangleich um den Fremdkörper, der hinter dem Silber nur noch erahnbar ist. Und langsam wird der Schmerz weniger und mit jeder Schicht Perlmutt der Panzer dichter und fester und stärker … der das Sandkorn umschließt und dem Schmerz seine Grenzen weist, bis der Ursprung nicht mehr erkennbar ist und das dunkle Geheimnis hinter dem Glatt verbogen ist und der Schmerz vergangen und die Perle nun Teil der Muschel, so wie das Sandkorn Teil der Muschel bleibt, zu ihr gehört wie das Perlmutt und das Silber und die salzige Kruste auf den Rillen und Furchen und den scharfen Kanten.


Textfragmente … Anne Morrow Lindbergh schrieb ein Buch mit demselben Titel. Über das Dasein und das Frausein. Und den Strand. Ich liebe den Strand. Ich kann dort denken und schreiben, auch, wenn Lindbergh meint, das ginge nicht. Vielleicht ist mein Strand ein anderer Strand? Vielleicht denke oder schreibe ich anders? Vielleicht bin ich eine andere Sorte Frau aufgrund meiner eigenen Zeit?

Anne Morrow Lindbergh: Muscheln in meiner Hand. JubiläumsEdition. Piper. München. 2004. S. 21.