Mit Hemingway am Strand

Das Ein­zi­ge, was Dir den Tag ver­der­ben konn­te, waren Men­schen, und wenn Du Ver­ab­re­dun­gen aus dem Weg gehen konn­test, waren die Tage gren­zen­los.
Ernest Heming­way

Ich war zum Schrei­ben gekom­men und jetzt sind mei­ne Bei­ne san­dig und ich kann das Notiz­heft nicht able­gen. Ich kann auch nicht schrei­ben, denn der Wind hat mei­ne Fin­ger kalt und steif gepus­tet. Ich sit­ze im Sand, der kühl und leicht feucht ist, in Erwar­tung der kom­men­den Flut. Das Rau­schen der Wel­len geht im Wind unter, ver­mischt sich zu einem Strom von Was­ser und Wind, der über­all ist, ohne Gren­ze, ohne Anfang, ohne Ende … ohne Bestim­mung.

Also lese ich.

Mei­ne klam­men Fin­ger hal­ten das Buch und der sal­zi­ge Wind frisst sich in die Buch­sei­ten. Ich könn­te mir vor­stel­len, dass ein Herr, wohl­ge­merkt ein Gen­tle­man, am Strand ent­lang spa­ziert. Er wür­de einen hel­len Lei­nen­an­zug tra­gen und einen Hut und viel­leicht wür­de der Gen­tle­man sogar Phan­ta­sie und Wage­mut zu sei­nen Cha­rak­ter­ei­gen­schaf­ten zäh­len, was er natür­lich gut ver­ste­cken könn­te, und wegen der Phan­ta­sie wür­de er sei­ne Buda­pes­ter aus­zie­hen und mit nack­ten Füßen durch den Sand gehen.
Er wür­de grü­ßen, denn sowas tut ein Gen­tle­man und sich höf­lich nach mei­ner Lek­tü­re erkun­di­gen. Ich könn­te also ant­wor­ten:« Heming­way. Ich lese Heming­way.« Und damit wäre alles gesagt. Dann könn­te ich gedan­ken­ver­lo­ren auf das Meer schau­en und mich fra­gen, ob ich ein guter Schrei­ber bin. Ob ich Heming­way als Vor­bild nach­ei­fern soll­te, ob das über­haupt mög­lich ist oder von vor­ne her­ein zum Schei­tern ver­ur­teilt. Der Gen­tle­man wür­de sei­nen Hut zie­hen und mir noch einen schö­nen Tag wün­schen und sei­nen Spa­zierganz fort­set­zen und ich wäre wie­der allein. Mit mir und dem Schrei­ben und dem Buch und Heming­way.


Es ist nur ein Gedan­ke. Alles ist Gedan­ke.

Ich sit­ze am Strand und ich will gar nicht, dass die­ser Moment, die­ses Sein im sal­zi­gen Strom auf­hört. Mir ist abso­lut klar, dass ich spä­ter auf­bre­chen muss, zurück gehen, bevor mich die Flut ver­schluckt, bevor der Tag der Dun­kel­heit weicht. In die­sem Moment ist das Sein auf­ge­löst und Teil des Mee­res … der Luft. In die­sem Moment bin ich und bin nicht. Es gibt kei­ne Gren­ze zwi­schen den Gedan­ken und dem Schrei­ben, so wie es kei­ne Gren­ze zwi­schen den Was­ser­trop­fen im Meer gibt und kei­ne Gren­ze zwi­schen dem Meer und dem Hori­zont. Ich bin gren­zen­los, im Sein … im Schrei­ben.
Ich weiß, dass ich zurück muss und das macht mich trau­rig. Die Trau­rig­keit zer­stört das Sein und den Moment und das Eins. Und so weiß ich nicht, ob ich jetzt schon gehen soll, damit ich beim Gehen die Trau­rig­keit über­win­de oder ob ich ver­wei­le. Aber jetzt bin ich trau­rig, weil der Abschied vom Strand naht und das hat das Glück über den Tag am Strand genom­men. War­um also das Unglück noch län­ger hin­aus­zö­gern und sich dem Unver­meid­li­chen fügen?

Ich könn­te zurück gehen und einen Kaf­fee trin­ken. Das wäre ein neu­es Glück und da es auch ein all­täg­li­ches Glück ist, wäre ich nicht so trau­rig, wenn auch die­ses Glück wie­der endet. Alles Glück endet und ver­rinnt wie das Meer in den Fur­chen, die sich mit den Wel­len in den Sand gra­ben. Das Glück endet in dem kur­zen Moment, im Inne­hal­ten und der Erkennt­nis des­sen End­lich­keit. Es ist wie ein kur­zer Tod im größ­ten Emp­fin­den der Freu­de.
Man darf sich von der Trau­rig­keit aber auch nicht über­rum­peln las­sen, denn sonst dürf­te man erst gar nicht an den Strand gehen und wür­de sich von vorn­her­ein des größ­ten Glücks berau­ben. Man muss den Schmerz ein­kal­ku­lie­ren und den rich­ti­gen Moment zum Abschied fin­den, bevor die Trau­rig­keit zu groß wird und das Glück ver­schlingt wie die Wel­len den Sand mit den auf­kom­me­nen Gezei­ten und man leb­los und starr vor Trau­rig­keit lie­gen bleibt, unfä­hig, durch den Schmerz einem neu­en Glück ent­ge­gen zu gehen.

So ist das. Im Leben und am Strand.


Heming­way, Ernest: Paris, Ein Fest fürs Leben. 10. Auf­lg. Rowohlt Taschen­buch Ver­lag. Rein­beck bei Ham­burg 2016. S. 41.