little edition by Toni Scott

Klein, Stark … Tödlich!

little edition by Toni ScottAn der Mosel begann die Ostersaison bei schönstem Sonnenschein. Dr. Gernot Acker zerrte an seiner Krawatte, trank einen Schluck Wasser. Kein Wunder, dass er sich verkühlt hatte. In Daun regnete es seit Tagen, inklusive Nachtfrost. Er legte einen Arm um die junge Frau, lächelte in das Handy. Klick. Die nächste. Kalter Schweiß lief ihm den Rücken herunter. Gernot Acker setzte sich und begann aus seinem Buch »Kreativ mit Hypnose« zu lesen. Seine Brust schmerzte. Er hustete. Peinlich berührt sah er den blutigen Auswurf, der auf den aufgeschlagenen Seiten klebte. Bevor er den eitrigen Klumpen mit einem Taschentuch entsorgen oder in Erwägung ziehen konnte, die Lesung ganz abzubrechen, wurde ihm schwarz vor Augen.

„Kommst Du mit einen Döner holen? In der Kantine gibt es heute Prummewärmp.“
„Zuckersuppe? Wie sind die denn drauf! Klar komme ich mit.“
Uwe Glanz zog seine Jacke vom Stuhl, als das Telefon klingelte.
Er nahm das Gespräch an und grinste Hauptkommissarin Claudia Werner zu, die bereits an der Tür wartete. Dann grinste er nicht mehr.
»Die von der Seuche haben angerufen. Verdacht auf Lungenpest.«
»So’n Quatsch. Das ist Grippe. Meine Nachbarin ist auch krank, geht gerade im Kindergarten um.“
„Steck mich bloß nicht an, ob Pest oder Grippe, am Wochenende spielt Eintracht Trier.“
»Seh‘ ich aus, als ob ich die Pest … schon gut, ich kümmere mich.«
»Und immer schön Abstand halten!«

Krankenhäuser riechen alle gleich. Kommissarin Werner atmete flach. Sie war mit Dr. Dr. Dörte Messner verabredet, die die eilends eingerichtete Isolierstation betreute.
»Kripo Daun, Werner.« Sie zeigte ihren Dienstausweis.
Die Ärztin trug unter ihrem Kittel ein Batikshirt mit dem Aufdruck ‚Nerd goes viral‘. Neben ihr auf dem Schreibtisch dampfte ein Thermobecher Kaffee mit dem Werbeaufdruck einer lokalen Kaffeerösterei. Kommissarin Werner sog den Geruch frisch gemahlenen Kaffees ein.
»Wie sieht die Lage aus?«
»Ein Toter, elf Infizierte. Mit Yersinia pestis ist nicht zu spaßen. Drei Tage Inkubationszeit und wenn nicht innerhalb von 24 Stunden therapiert wird, war’s das.«
»Der Tote …?«
»Gernot Acker, 53 Jahre, Psychologe. Ist auf einer Lesung kollabiert.«
»Kreativ durch Hypnose.«
»Sie waren dort?«
»Nur kurz … ich hatte Rufbereitschaft … ich wusste nicht …«
Dr. Dr. Messner griff zum Telefon und nach einem kurzen Moment betrat ein Mann im Schutzanzug den Raum, der wie ein Astronaut wirkte.
»PCR, Blutbild und Thorax. Und ich brauche mehr Streptomycin.«
»Ich sterbe?«
»Frau Werner, versuchen Sie ruhig zu bleiben. Wir testen Sie jetzt und in 15 Minuten haben wir das Ergebnis. Mit dem Antibiotikum können wir das Virus gut therapieren.«
»Ich bin doch nur zu der Lesung gegangen, weil meine Nachbarin Grippe hat und mir die Karte geschenkt hat.«
»Wir haben hier soweit alles unter Kontrolle. Und Sie bleiben erst einmal auf der Quarantänestation unter Beobachtung.«

Kommissarin Werner fühlte Übelkeit in sich aufsteigen. Lungenpest. Sie sah die Masken aus düsteren Mittelalterfilmen vor sich, Ratten, Dreck und der Gestank nach Kot und Pisse. Ihr Mund war trocken. Dieser Gernot Acker hätte bei den Guldenburgs mitspielen können. Wie Sigmar Solbach, in den sie als kleines Mädchen unsterblich verliebt gewesen war. Dr. Acker hatte auch so schlanke Hände. Bestimmt war sie nicht die einzige, der das aufgefallen war. Wo hätte sich ein Mann, der offensichtlich zur Maniküre ging, mit dem schwarzen Tod anstecken sollen? Sie rieb sich die kaltschweißigen Hände an der Jeans.

In einem kleinen Aufenthaltsraum gab es Kaffee, der in einer Thermoskanne zusammen mit trockenen Keksen auf einem Servierwagen stand.
»Haben Sie nicht gestern neben mir gesessen?«, fragte Kommissarin Werner eine junge Frau.
»Ich weiß nicht … ich fühle mich wie in einem Alptraum. Wer kriegt denn heute noch die Pest?«
»Wird schon. Die Ärztin sah aus, als wenn sie alles im Griff hätte.«
»Und was, wenn das Antibiotikum nicht wirkt. Das hört man doch immer, dass die resistent sind und so.«
»Waren Sie eigentlich vorher schon mal auf einer Lesung von Dr. Acker?«
»Ja, ich habe auch ein Coaching gebucht. Erst dachte ich, Hypnose, das klappt doch eh nicht, aber dann war ich ganz tief weg. Das war unglaublich. Gernot hatte total recht mit dem Zustand der schöpferischen Fülle.“
„Sie haben sich geduzt?“
»Gernot ist sehr einfühlsam. Für ihn ist ein enger Kontakt zu seinen Patientinnen ganz wichtig, um den Zustand der schöpferischen Fülle zu erreichen.«

Das Robert-Koch-Institut hatte ein Team aus Frankfurt losgeschickt. Der lokale Seuchenschutz war alarmiert, die Kollegen unterstützten vor Ort. Kommissarin Werner trommelte mit den Fingern auf die Tischplatte. Ihr war übel, aber herum zu sitzen machte die Sache nur noch schlimmer. Und außerdem war Karfreitag. Sie war doch mit ihrer Schwester verabredet. Sie rieb sich die Stirn. Wie zur Hölle war Dr. Acker an die Pest gekommen? Und wieso hatte es überhaupt nicht nach Pest ausgesehen? Die hatten doch immer diese Eiterbeulen oder war das Lepra?

Sie stand auf und wanderte durch das kleine Krankenzimmer der Isolierstation. Madagaskar kämpfte mit Pestepidemien, der Kongo. Aber mitten in Deutschland? Da musste mehr dahinter stecken. Kommissarin Werner schaffte es, unbemerkt die Station zu verlassen und schlich weiter zum Labor. Auf dem Tisch standen Plastikröhrchen mit Blutproben in einer quadratischen Halterung. Daneben lagen mehrere Listen mit Namen. Das mussten Teilnehmer der Lesung sein. Sie überflog die Daten, blieb bei ihrem Namen hängen, las weiter, stutzte, überlegte kurz und nahm einen Schutzanzug aus Plastik, Einmalhandschuhe und einen Mundschutz, stopfte die Sachen in ihre Tasche. Auf dem Weg zum Parkplatz tippte sie eine Nachricht in ihr Handy, dann erbrach sie sich in einen Busch.

Kommissarin Werner parkte in einiger Entfernung des Bungalows von Dr. Acker, zog sich den weißen Overall und die Handschuhe an und stülpte sich den Mundschutz über.
»Kripo Gerolstein«, nuschelte sie auf den fragenden Blick eines Beamten hin und hielt den Dienstausweis so, dass er weder ihren Namen, noch ihr Foto richtig erkennen konnte. Das Haus war modern und teuer eingerichtet. Mit Hypnose ließ sich offensichtlich Geld verdienen. Sie öffnete eine Zimmertür und schaute sich überrascht um. Traumfänger, Zimmerbrunnen, eine Liege mit Kissen, Buddhastatuen. Nach so esoterischem Zeug hatte Dr. Acker gar nicht ausgesehen. Sie blätterte durch ein paar Bücher. Nichtssagende Fachliteratur. Dazwischen ein speckiger Lederfoliant. Neugierig schlug sie den Deckel auf. »Sch…, das darf nicht wahr sein!“ Kommissarin Werner starrte auf eine Tube Gleitcreme und K.O.-Tropfen, die in dem ausgehöhlten Buch versteckt lagen. Schöpferische Fülle … er war so einfühlsam, die Worte der jungen Frau klangen in ihr nach. Ob sie auch …? Sie tippte eine Nachricht an ihren Kollegen ins Handy.

»Was kann ich für Sie tun?“
Dr. Dr. Dörte Messner saß an ihrem Schreibtisch. Hinter ihr hing ein Diplom des Friedrich Loeffler-Instituts an der Wand.
»Ich wollte mehr über das Bakterium erfahren. Mmmh, das riecht aber gut.“
»Mein Lieblingskaffee. Möchten Sie eine Tasse?“
»Gerne. Der Krankenhauskaffee ist ungenießbar.« Kommissarin Werners Blick fiel auf eine Aquarellzeichnung auf dem Schreibtisch. »Sie malen?“
»Kreativer Ausgleich zur Arbeit.«
»Ist es richtig, dass die Pest via Tröpfcheninfektion übertragen wird?«
»Das kommt auf den Wirt an, meistens sind es Flöhe. In Amerika sind Fälle durch Hauskatzen dokumentiert.«
»Ich habe gelesen, dass es trotz Impfung zur Erkrankung kommen kann. Bei der abrasiven Pest ist das aber anders?«
»Die abortive Pest verläuft von den Symptomen ähnlich einer Grippe und hinterlässt durch Bildung von Antikörpern eine lebenslange Immunität.«
»Sie waren auch erst kürzlich wegen eines grippalen Infektes krank gemeldet, Frau Dr. Messner?«, Claudia nippte einen Schluck Kaffee, »Wow, der ist ja stark. Wie heißt noch mal die Sorte?«
Dr. Dr. Dörte Messner sah auf einmal müde aus.
»Schwarzer Tod.«


Wer keine Angst vor dem „Schwarzen Tod“ hat und auf den Geschmack kommen möchte, HIER geht’s zur Dauner Kaffeeröstrei. Ich habe den Kaffee dort während mehrerer privater Besuche kennengelernt. Zwischen der Kaffeerösterei und mir besteht keine kommerzielle Verbindung. Meine Kurzgeschichte war übrigens für das Krimifestival Eifel eingereicht, bei knapp vierhundert Einsendungen … hat es nicht geklappt, macht aber nix. Es geht um das Schreiben!

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