Klein | Stark | Tödlich

An der Mosel begann die Oster­sai­son bei schöns­tem Son­nen­schein. Dr. Ger­not Acker zerr­te an sei­ner Kra­wat­te, trank einen Schluck Was­ser. Kein Wun­der, dass er sich ver­kühlt hat­te. In Daun reg­ne­te es seit Tagen, inklu­si­ve Nacht­frost. Er leg­te einen Arm um die jun­ge Frau, lächel­te in das Han­dy. Klick. Die nächs­te. Kal­ter Schweiß lief ihm den Rücken her­un­ter. Ger­not Acker setz­te sich und begann aus sei­nem Buch »Krea­tiv mit Hyp­no­se« zu lesen. Sei­ne Brust schmerz­te. Er hus­te­te. Pein­lich berührt sah er den blu­ti­gen Aus­wurf, der auf den auf­ge­schla­ge­nen Sei­ten kleb­te. Bevor er den eit­ri­gen Klum­pen mit einem Taschen­tuch ent­sor­gen oder in Erwä­gung zie­hen konn­te, die Lesung ganz abzu­bre­chen, wur­de ihm schwarz vor Augen.

Kommst Du mit einen Döner holen? In der Kan­ti­ne gibt es heu­te Prum­me­wärmp.“
„Zucker­sup­pe? Wie sind die denn drauf! Klar kom­me ich mit.“
Uwe Glanz zog sei­ne Jacke vom Stuhl, als das Tele­fon klin­gel­te.
Er nahm das Gespräch an und grins­te Haupt­kom­mis­sa­rin Clau­dia Wer­ner zu, die bereits an der Tür war­te­te. Dann grins­te er nicht mehr.
»Die von der Seu­che haben ange­ru­fen. Ver­dacht auf Lun­gen­pest.«
»So’n Quatsch. Das ist Grip­pe. Mei­ne Nach­ba­rin ist auch krank, geht gera­de im Kin­der­gar­ten um.“
„Steck mich bloß nicht an, ob Pest oder Grip­pe, am Wochen­en­de spielt Ein­tracht Trier.“
»Seh’ ich aus, als ob ich die Pest … schon gut, ich küm­me­re mich.«
»Und immer schön Abstand hal­ten!«

Kran­ken­häu­ser rie­chen alle gleich. Kom­mis­sa­rin Wer­ner atme­te flach. Sie war mit Dr. Dr. Dör­te Mess­ner ver­ab­re­det, die die eilends ein­ge­rich­te­te Iso­lier­sta­ti­on betreu­te.
»Kri­po Daun, Wer­ner.« Sie zeig­te ihren Dienst­aus­weis.
Die Ärz­tin trug unter ihrem Kit­tel ein Batikshirt mit dem Auf­druck ‘Nerd goes viral’. Neben ihr auf dem Schreib­tisch dampf­te ein Ther­mo­be­cher Kaf­fee mit dem Wer­be­auf­druck einer loka­len Kaf­fee­rös­te­rei. Kom­mis­sa­rin Wer­ner sog den Geruch frisch gemah­le­nen Kaf­fees ein.
»Wie sieht die Lage aus?«
»Ein Toter, elf Infi­zier­te. Mit Yer­si­nia pestis ist nicht zu spa­ßen. Drei Tage Inku­ba­ti­ons­zeit und wenn nicht inner­halb von 24 Stun­den the­ra­piert wird, war’s das.«
»Der Tote …?«
»Ger­not Acker, 53 Jah­re, Psy­cho­lo­ge. Ist auf einer Lesung kol­la­biert.«
»Krea­tiv durch Hyp­no­se.«
»Sie waren dort?«
»Nur kurz … ich hat­te Ruf­be­reit­schaft … ich wuss­te nicht …«
Dr. Dr. Mess­ner griff zum Tele­fon und nach einem kur­zen Moment betrat ein Mann im Schutz­an­zug den Raum, der wie ein Astro­naut wirk­te.
»PCR, Blut­bild und Tho­rax. Und ich brau­che mehr Strep­to­my­cin.«
»Ich ster­be?«
»Frau Wer­ner, ver­su­chen Sie ruhig zu blei­ben. Wir tes­ten Sie jetzt und in 15 Minu­ten haben wir das Ergeb­nis. Mit dem Anti­bio­ti­kum kön­nen wir das Virus gut the­ra­pie­ren.«
»Ich bin doch nur zu der Lesung gegan­gen, weil mei­ne Nach­ba­rin Grip­pe hat und mir die Kar­te geschenkt hat.«
»Wir haben hier soweit alles unter Kon­trol­le. Und Sie blei­ben erst ein­mal auf der Qua­ran­tä­ne­sta­ti­on unter Beob­ach­tung.«

Kom­mis­sa­rin Wer­ner fühl­te Übel­keit in sich auf­stei­gen. Lun­gen­pest. Sie sah die Mas­ken aus düs­te­ren Mit­tel­alt­er­fil­men vor sich, Rat­ten, Dreck und der Gestank nach Kot und Pis­se. Ihr Mund war tro­cken. Die­ser Ger­not Acker hät­te bei den Gul­den­burgs mit­spie­len kön­nen. Wie Sig­mar Sol­bach, in den sie als klei­nes Mäd­chen unsterb­lich ver­liebt gewe­sen war. Dr. Acker hat­te auch so schlan­ke Hän­de. Bestimmt war sie nicht die ein­zi­ge, der das auf­ge­fal­len war. Wo hät­te sich ein Mann, der offen­sicht­lich zur Mani­kü­re ging, mit dem schwar­zen Tod anste­cken sol­len? Sie rieb sich die kalt­schwei­ßi­gen Hän­de an der Jeans.

In einem klei­nen Auf­ent­halts­raum gab es Kaf­fee, der in einer Ther­mos­kan­ne zusam­men mit tro­cke­nen Kek­sen auf einem Ser­vier­wa­gen stand.
»Haben Sie nicht ges­tern neben mir geses­sen?«, frag­te Kom­mis­sa­rin Wer­ner eine jun­ge Frau.
»Ich weiß nicht … ich füh­le mich wie in einem Alp­traum. Wer kriegt denn heu­te noch die Pest?«
»Wird schon. Die Ärz­tin sah aus, als wenn sie alles im Griff hät­te.«
»Und was, wenn das Anti­bio­ti­kum nicht wirkt. Das hört man doch immer, dass die resis­tent sind und so.«
»Waren Sie eigent­lich vor­her schon mal auf einer Lesung von Dr. Acker?«
»Ja, ich habe auch ein Coa­ching gebucht. Erst dach­te ich, Hyp­no­se, das klappt doch eh nicht, aber dann war ich ganz tief weg. Das war unglaub­lich. Ger­not hat­te total recht mit dem Zustand der schöp­fe­ri­schen Fül­le.“
„Sie haben sich geduzt?“
»Ger­not ist sehr ein­fühl­sam. Für ihn ist ein enger Kon­takt zu sei­nen Pati­en­tin­nen ganz wich­tig, um den Zustand der schöp­fe­ri­schen Fül­le zu errei­chen.«

Das Robert-Koch-Insti­tut hat­te ein Team aus Frank­furt los­ge­schickt. Der loka­le Seu­chen­schutz war alar­miert, die Kol­le­gen unter­stütz­ten vor Ort. Kom­mis­sa­rin Wer­ner trom­mel­te mit den Fin­gern auf die Tisch­plat­te. Ihr war übel, aber her­um zu sit­zen mach­te die Sache nur noch schlim­mer. Und außer­dem war Kar­frei­tag. Sie war doch mit ihrer Schwes­ter ver­ab­re­det. Sie rieb sich die Stirn. Wie zur Höl­le war Dr. Acker an die Pest gekom­men? Und wie­so hat­te es über­haupt nicht nach Pest aus­ge­se­hen? Die hat­ten doch immer die­se Eiter­beu­len oder war das Lepra?

Sie stand auf und wan­der­te durch das klei­ne Kran­ken­zim­mer der Iso­lier­sta­ti­on. Mada­gas­kar kämpf­te mit Pest­epi­de­mi­en, der Kon­go. Aber mit­ten in Deutsch­land? Da muss­te mehr dahin­ter ste­cken. Kom­mis­sa­rin Wer­ner schaff­te es, unbe­merkt die Sta­ti­on zu ver­las­sen und schlich wei­ter zum Labor. Auf dem Tisch stan­den Plas­tik­röhr­chen mit Blut­pro­ben in einer qua­dra­ti­schen Hal­te­rung. Dane­ben lagen meh­re­re Lis­ten mit Namen. Das muss­ten Teil­neh­mer der Lesung sein. Sie über­flog die Daten, blieb bei ihrem Namen hän­gen, las wei­ter, stutz­te, über­leg­te kurz und nahm einen Schutz­an­zug aus Plas­tik, Ein­mal­hand­schu­he und einen Mund­schutz, stopf­te die Sachen in ihre Tasche. Auf dem Weg zum Park­platz tipp­te sie eine Nach­richt in ihr Han­dy, dann erbrach sie sich in einen Busch.

Kom­mis­sa­rin Wer­ner park­te in eini­ger Ent­fer­nung des Bun­ga­lows von Dr. Acker, zog sich den wei­ßen Over­all und die Hand­schu­he an und stülp­te sich den Mund­schutz über.
»Kri­po Gerol­stein«, nuschel­te sie auf den fra­gen­den Blick eines Beam­ten hin und hielt den Dienst­aus­weis so, dass er weder ihren Namen, noch ihr Foto rich­tig erken­nen konn­te. Das Haus war modern und teu­er ein­ge­rich­tet. Mit Hyp­no­se ließ sich offen­sicht­lich Geld ver­die­nen. Sie öff­ne­te eine Zim­mer­tür und schau­te sich über­rascht um. Traum­fän­ger, Zim­mer­brun­nen, eine Lie­ge mit Kis­sen, Bud­dha­sta­tu­en. Nach so eso­te­ri­schem Zeug hat­te Dr. Acker gar nicht aus­ge­se­hen. Sie blät­ter­te durch ein paar Bücher. Nichts­sa­gen­de Fach­li­te­ra­tur. Dazwi­schen ein spe­cki­ger Leder­fo­li­ant. Neu­gie­rig schlug sie den Deckel auf. »Sch…, das darf nicht wahr sein!“ Kom­mis­sa­rin Wer­ner starr­te auf eine Tube Gleit­creme und K.O.-Tropfen, die in dem aus­ge­höhl­ten Buch ver­steckt lagen. Schöp­fe­ri­sche Fül­le … er war so ein­fühl­sam, die Wor­te der jun­gen Frau klan­gen in ihr nach. Ob sie auch …? Sie tipp­te eine Nach­richt an ihren Kol­le­gen ins Han­dy.

»Was kann ich für Sie tun?“
Dr. Dr. Dör­te Mess­ner saß an ihrem Schreib­tisch. Hin­ter ihr hing ein Diplom des Fried­rich Loeff­ler-Insti­tuts an der Wand.
»Ich woll­te mehr über das Bak­te­ri­um erfah­ren. Mmmh, das riecht aber gut.“
»Mein Lieb­lings­kaf­fee. Möch­ten Sie eine Tas­se?“
»Ger­ne. Der Kran­ken­haus­kaf­fee ist unge­nieß­bar.« Kom­mis­sa­rin Wer­ners Blick fiel auf eine Aqua­rell­zeich­nung auf dem Schreib­tisch. »Sie malen?“
»Krea­ti­ver Aus­gleich zur Arbeit.«
»Ist es rich­tig, dass die Pest via Tröpf­chen­in­fek­ti­on über­tra­gen wird?«
»Das kommt auf den Wirt an, meis­tens sind es Flö­he. In Ame­ri­ka sind Fäl­le durch Haus­kat­zen doku­men­tiert.«
»Ich habe gele­sen, dass es trotz Imp­fung zur Erkran­kung kom­men kann. Bei der abra­si­ven Pest ist das aber anders?«
»Die abor­ti­ve Pest”, Dr. Dr. Mess­ner mach­te eine kur­ze Pau­se und zog die Augen­brau­en hoch, »ver­läuft von den Sym­pto­men ähn­lich einer Grip­pe und hin­ter­lässt durch Bil­dung von Anti­kör­pern eine lebens­lan­ge Immu­ni­tät.«
»Sie waren auch erst kürz­lich wegen eines grip­pa­len Infek­tes krank gemel­det, Frau Dr. Mess­ner?«, Clau­dia nipp­te einen Schluck Kaf­fee, »Wow, der ist ja stark. Wie heißt noch mal die Sor­te?«
Dr. Dr. Dör­te Mess­ner sah auf ein­mal müde aus.
»Schwar­zer Tod.«


Wer kei­ne Angst vor dem “Schwar­zen Tod” hat und auf den Geschmack kom­men möch­te, dem emp­feh­le ich die Dau­ner Kaf­fee­rös­te­rei. Ich habe den Kaf­fee dort wäh­rend meh­re­rer pri­va­ter Besu­che ken­nen­ge­lernt. Zwi­schen der Kaf­fee­rös­te­rei und mir besteht kei­ne kom­mer­zi­el­le Ver­bin­dung. Mei­ne Kurz­ge­schich­te war übri­gens für das Kri­mi­fes­ti­val Eifel ein­ge­reicht, bei knapp vier­hun­dert Ein­sen­dun­gen … hat es nicht geklappt, macht aber nix. Es geht um das Schrei­ben!