denkbewegungen

#denkbewegungen

„The place in which I’ll fit will not exist until I make it.“

James Baldwin

Es geht um soziale Räume. Um normative Erwartungshaltungen und um Macht. Wer bestimmt darüber, welche Räume für wen unter welchen Bedingungen offen sind und für wen nicht zugänglich? Ich halte Baldwins Zitat für zeitlos aktuell. Für mich steckt darin die Spannung zwischen erzählter Utopie und erlebter Realität, zwischen dem, was wir möchten, das soziale und damit gesellschaftliche Wirklichkeit ist und dem, was tatsächlich ist. Baldwin lässt sich so lesen, dass ich nicht darauf warten brauche, dass Räume für mich verfügbar sind oder gemacht werden, dass ich mir meinen Raum selber verfügbar machen muss. Und dieses „Müssen“ kann ermutigend verstanden werden, aber ebenso als Notwendigkeit in Ermangelung von Alternativen.


„Es genügt nicht, dass man zur Sache spricht, man muss zu den Menschen reden.“

Stanisaw Jerzy Lec

Wenn nur KI’s kommunizieren, dann bleibt der Mensch dahinter verborgen, wie in dem Film „Surrogates“. Die Sache ist kontrollierbar, weitestgehend vorhersehbar und damit planbar; Menschen nicht immer und unbedingt. Menschen haben Gefühle und Bedürfnisse und diese sind Teil kommunikativer Handlungen. Nur zur Sache zu sprechen, die Sache selber sprechen zu lassen, ist bequem und risikoärmer, aber gleichzeitig verhindert es den Begegnungsraum, in dem Austausch und damit Verbindung entstehen könnte.


vi
If we make stories for each other
about what is in the room
we will never have to go in

Margaret Atwood

Das Wir als Raum der Selbstbegegnung durch und mit dem anderen. Wer kann und darf ich mit dem anderen, durch den anderen sein? Wenn Ich den Raum schon eingerichtet, möbliert und dekoriert habe, bleibt kein Platz mehr für das Du. Und aushalten, dass der Raum kein festes Konstrukt ist, dass er immer wieder neu verhandelt wird


„Wer lernt, riskiert seine Identität.“

Mirjana Pehar

Sprache ist nicht abstrakt. Emotionale Wörter, Wörter, die etwas in uns auslösen, führen zurück in den Körper, aus dem sie ursprünglich entstanden sind. Wir verarbeiten sie schneller, erinnern sie besser, reagieren stärker auf sie als auf neutrale Begriffe.

Ich übertrage den Gedanken auf Mehrsprachigkeit. Wenn ich eine neue Sprache lerne, heißt das also den Körper neu zu kartieren. Neue Wörter für Gefühle finden, die ich schon kenne, aber noch keine Sprache dafür habe. Jede neue Sprache bildet somit auch eine neue Identität, in der man sich sprachlich erst einwohnen muss, bevor man sie verkörpert. Und das führt zu dem Phänomen, dass mehrsprachige Menschen eher in ihrer Herkunftssprache fühlen und in ihrer Zweitsprache denken.
In welcher Sprache fühlst Du?


„Der Sitz der Seele ist da, wo sich Innenwelt und
Außenwelt berühren.
Wo sie sich durchdringen – ist er in jedem Punkte
Durchdringung.“

Novalis

Novalis bestimmt den Ort der Seele, aber nicht ihre Beschaffenheit … oder doch? Der Ort ist dieses diffuse Dazwischen, wo sich Identität und Alterität reiben, wo das Fremde inkorporiert und Identität als fremd erfahren werden muss, bevor sie mit dem Fremden zu einer neuen Identität zusammenwächst.
Das muss man gedanklich erst mal greifen können.
Wenn Seele in diesem Zwischen existiert, dann wäre sie immer noch nicht oder schon nicht mehr und entzöge sich damit jeder Gegenwart.


Mit dem Gefühlsausdruck betreten wir einen Bereich, wo
Eigen- und Fremderfahrung sich verflechten.

Bernhard Waldenfels

Der Ausdruck als Reaktion auf einen Eindruck. Etwas wirkt auf mich ein, bewegt mich und löst etwas aus. Beiden Beschreibungen ist das räumliche Moment gemein: ein und aus. So wie das Atmen. Der für mich zentrale Begriff ist der der Bewegung. Ich vollziehe eine innere Bewegung aus dem sicheren Ich zu einem aufgelösten Ich und kehre zurück. Die Frage ist, in welchem Zustand kehrt das Ich zurück? Ist es ein neues sicheres Ich, ein transformiertes Ich, ein weiter aufgelöstes Ich und gibt es ein sicheres Ich in einem aufgelösten Zustand?


Gemeinsam nenne ich ein Wissen, das Einverständnis konstituiert, wobei Einverständnis in der intersubjektiven Anerkennung von kritisierbaren Geltungsansprüchen terminiert.

Jürgen Habermas

Gemeinsam heißt, da ist ein „Wir“. Aber woher weiß ich, dass der andere an diesem „Wir“ interessiert ist und nicht lieber ein „Ich“ bleiben möchte? Vielleicht will ich ja selbst auch ein „Ich“ bleiben? Wer weiß das schon? Kommunikation scheitert, wenn die Wirklichkeit des „Ich“ im „Wir“ zurückgewiesen, nicht anerkannt wird. Und dann kann ich aus vollem Halse schreien und werde doch nicht gehört. Und dann ist es so laut, dass ich den anderen nicht mehr höre. Und am Ende mich selber auch nicht mehr.  


„Attention is the rarest and purest form of generosity.“

Simone Weil

Aufmerksamkeit als Zustand der Ich-Auflösung, um sich dem Außen in aller (Vorurteils-) Freiheit öffnen zu können. Ich öffne mich, das ist aktiv und dann bin und bleibe ich offen? Im Weil’schen Sinne ein Rückschritt, denn eine Bewegung setzt ein Ich voraus, das sich bewegt. Das gilt ebenso für das offen bleibende Ich. Ich komme am Ich nicht vorbei.


Denn wenn innere Zustände des Menschen als verinnerlichte Wirklichkeitsverhältnisse aufgefasst werden, dann ist ihr Ausdruck eben Ausdruck dieser Verhältnisse.

Jörg Zimmer

Es geht um Kunst. Das vorweg. Wenn das Subjekt die Welt nur im Rahmen seiner Weltkenntnis wahrnehmen kann und der Ausdruck das Verhältnis des Subjekts zur Welt darstellt, müsste für Kunst gelten, dass das Kunstwerk rein subjektiv und limitiert ist und erst im Prozess des Wahrnehmens aus seiner Subjektivität befreit wird. Und damit auch aus seiner Limitation. Denn meine Kunst-Erfahrung, das in Verhältnis treten zum Kunstwerk als ein sich für die Erfahrung verletzlich öffnen, löst es aus seiner alten Eingebundenheit und bindet es in mein Weltverhältnis ein. Und in das jedes anderen, der geneigt ist, sich der Erfahrung hinzugeben.


Es herrscht immer eine Kluft zwischen dem Hier und Jetzt unmittelbarer Interaktion und den vergangenen Interaktionen, deren Ergebnisse die Bedeutungen konstituieren, mit denen wir das, was sich jetzt ereignet, begreifen. […] Das Kunstwerk ist somit für den, der es erfährt, eine Herausforderung und Organisation durch Imagination. […].

John Dewey

Die Interaktionen sind ein Klötzchenturm, das Klötzchen selbst die Bedeutung. Je breiter die Basis, umso stabiler das oberste Klötzchen. These: Imagination, also Vorstellung, bildet das gravitätische Feld, dass den Klötzchenturm im Raum stabilisiert.

Nach dieser Logik ist Imagination eine Grundvoraussetzung für Klötzchen. Ich muss die geistige/kognitive Fähigkeit zur Imagination als Anlage besitzen, die dann durch das erste Klötzchen ausgelöst wird. Nun hat jeder seinen eigenen Klötzchenturm und sein eigenes Gravitationsfeld.

Das heißt für das Kunstwerk, es muss zumindest in einem Klötzchen anschlussfähig sein. Aber sind es dann die gleichen Klötzchen, über die wir reden?


Im Unterschied zu den Gegenständen der reinen Kontemplation sind Kunstwerke Zeichen einer bestimmten Sicht der Welt. […] Kunst erfindet Darstellungen von Sichtweisen der Welt in ihrer Bedeutung für das Dasein und Handeln in einer so erschlossenen Welt.

Martin Seel

Wir sind noch bei Kunst & Klötzchen. Ich habe bei Zimmer von „für die Erfahrung verletzlich öffnen“ geschrieben und bei Dewey über Imagination als Gravitationsraum. Bei Seel sind es wieder die Klötzchen, hier jedoch im Verhältnis zum umgebenden Gravitationsraum.
Bedeutung bei Seel meint allerdings das Potenzial der Kunst, das Gravitationsräume transformieren kann und damit neue Klötzchenbedingungen schafft. Das heißt, Gravitationsräume und Klötzchentürme gehen eine symbiotische Beziehung ein und die Frage ist, ob Kunst zwischen unterschiedlichen Gravitationsräumen vermitteln kann, und wenn ja, unter welchen Bedingungen.


Affekte sind also keineswegs persönliche Gefühle, sondern nicht bewusste, vorsprachliche Erfahrungen.

Schadewaldt, Zobrist

Ich gucke mir den Erfahrungsbegriff an. Aus dem Resonanzverhältnis zwischen Fremden und Eigenem, dem Ich-Weltbezug als Positionierung dazu, scheint der Affekt genau die Stelle zu sein, die die Positionierung vollbringt. Wenn ich den Affekt als Bewertungssystem deute, welches auf Grundlage meiner bisherigen Weltbegegnungen mein Handeln bestimmt, dann meint „Erfahrung“ an dieser Stelle eine erste Organisation von Ich zu Welt. Affekt ist wortwörtlich Hier und Jetzt.

Erst mit der sprachlichen Organisation, und damit verbunden einer sozial teilbaren und operationalisierbaren Verortung, wird Erfahrung zur chronologischen Erzählung. Und hier setzt das narrative Paradigma ein, welche dieser Positionierungen konstant erzählt werden, um kohärente Ich-Welt-Beziehungen zu erzeugen.


Eristische Dialektik / 8. Kunstgriff.
Man bringt ihn in Zorn dadurch, daß man unverhohlen ihm Unrecht tut und schikaniert und überhaupt unverschämt ist.

Arthur Schopenhauer

Eben war der Affekt noch eine erste Organisation von Welt. Der Affekt gehörte mir. Zorn, jetzt als Affekt, der durch den Kunstgriff in mir ausgelöst wird. Intentional, strategisch und garstig. Wenn der Affekt mich im Hier und Jetzt packt, dann wäre die sprachliche Organisation als Erfahrung und Grundlage für Urteilsfähigkeit, davon infiziert. Ich weiß noch nicht, ob das zuerst eine Verschiebung meiner eigenen Koordinaten in der Welt bedeutet oder eine Weltverschiebung, die meine Beziehung zu ihr manipuliert.

In beiden Fällen macht das was mit dem rational-vernünftigen Handeln. Ob nun durch die Schlange Kaa oder weiter gedacht eine rosarote Brille, würde kommunikatives Handeln zwar noch rational-vernünftig erscheinen, aber durch die Umleitung doch eigentlich Autonomie eingebüßt haben. Was müsste in der Logik dann ein Antidot leisten? Und wo würde es ansetzen?


„Wenn Sie mir Ihren Namen sagen, dann wüßte ich, was Sie sind.“ „Ist es denn so einfach zu wissen, wer oder was jemand ist?“ […] „Auch ich hatte schon viele Namen“, entgegne ich. „Aber nur einer ist der wahre.“
„Ein wahrer Name.“

Aus Chitra Divakaruni, Die Hüterin der Gewürze

Der Name als eigentlich zufälliges Zeichen. Wer wäre ich ohne Namen, ohne meinen Namen? Dabei gibt es keinen Besitzanspruch. Erst, indem er von mir selbst oder jemandem zusammen mit mir als ein Ich gedacht wird, wird er besonders, weil der Name dann für m-ich steht. Für jeden anderen, Fremden, ist er nur ein Name, so wie jeder andere Name auch. Ich bewohne den Namen. Ich richte mich mit meiner Geschichte in ihm ein. In der Vertrautheit der wiederkehrenden Erfahrung entwickelt sich Bedeutung in Einzigartigkeit. Das ist vielleicht das Wahre an Namen…