Über Erotik in der Literatur oder Schreiben ist sexy

Ich kann auch von “ele­men­ta­ren Kräf­ten ange­trie­ben” schrei­ben. Der Grat ist schmal, den inti­men Augen­blick der Prot­ago­nis­ten durch die hand­werk­li­che Unpäss­lich­keit des Autors zu zer­stö­ren. In wel­chem Maße ist Ero­tik im Buch ange­mes­sen, wie­viel Wol­lust ver­trägt anspruchs­vol­le Unter­hal­tung? Muß es immer eine kla­re Tren­nung von U und E geben? Ich set­ze mich mit Lite­ra­tur aus­ein­an­der, ein wenig. Wer sagt über­haupt, wer legt fest, was U und E ist, wie ein Autor, ein Leser sich zu ver­hal­ten hat? Was er schrei­ben, respek­ti­ve lesen darf. Ich bin nicht über alles erha­ben, ich suche nicht per­ma­nent den tie­fe­ren Sinn in allem und jedem und muß auch nicht dem letz­ten tri­via­len Moment noch eine meta­phy­si­sche Tie­fe abge­win­nen, um zu demons­trie­ren, wie intel­lek­tu­ell, wie ver­kopft oder ernst­haft ich bin. Denn das bin ich nicht.

Da sind Momen­te, Situa­ti­ons­tri­via­li­tät: könn­te man das post­koi­ta­le Endor­ph­in­hoch in der Schmerz­be­kämp­fung nut­zen? Beim Zahn­arzt stel­le ich mir das schwie­rig vor. Und die Endor­phi­ne tra­gen einen ver­mut­lich auch nicht durch eine kom­plet­te Wur­zel­be­hand­lung.

Ich mei­ne, wozu hat man Hor­mo­ne, wenn nicht für die Bewäl­ti­gung der all­täg­li­chen Her­aus­for­de­run­gen? In Büchern brau­che ich kei­ne pral­le Männ­lich­keit, kei­ne rot geschwol­le­nen Lip­pen, kei­ne wol­lüs­ti­gen Auf­stöh­ner auf spä­tes­tens Sei­te 103. Das inter­es­siert mich nicht. Es lang­weilt mich. Und das hat es schon immer. Zu mei­nem 18. Geburts­tag bekam ich eine Antho­lo­gie der Ero­ti­schen Lite­ra­tur von mei­nen Freun­den, die mein­ten, es wäre Zeit, daß der Sex Ein­zug in mein Buch­re­gal hält.

Schreiben ist mein Sex.

Das Schrei­ben löst eben­sol­che Glücks­ge­füh­le aus. Was mich jedoch inter­es­siert, ist weni­ger aus­ufern­de koi­ta­le Akro­ba­tik, als die viel sub­ti­le­re Span­nung zwi­schen Men­schen, die sich lang­sam in einer Geschich­te auf­baut. Zum Bei­spiel in »Abbit­te« von Ewan McGre­gor. Es ist der Som­mer 1935. Es ist kom­pli­ziert. Ceci­lia und Rob­bie sind wie eine vage for­mu­lier­te Fra­ge, die im Raum steht und die nicht über die gedach­te Ant­wort hin­aus kommt. Für die 13jährige Brio­ny, Ceci­li­as Schwes­ter, ist die unüber­seh­ba­re Span­nung unbe­greif­bar und zu ver­stö­rend. Lust als Bedro­hung, die das Ende einer begin­nen­den Lie­be bedeu­tet, die Leben in den Abgrund reißt. Ich habe bit­ter­lich geweint. Denn Lei­den­schaft, Sehn­sucht und Ver­lan­gen sind etwas ande­res als bedarfs­ge­rech­tes Rum­fi­cken, um sich Zeit und ange­stau­te Hor­mo­ne zu ver­trei­ben.

Ganz kniff­li­ge Sache! Eini­ge weni­ge Freun­din­nen haben die 50 Schat­tie­run­gen uner­füll­ter Haus­frau­en­träu­me gele­sen. Jedem Tier­chen sein Plä­sier­chen und so. Ich habe mich, weich­ge­kocht durch ihre Emp­feh­lun­gen, tap­fer durch 100 Sei­ten gequält, ver­geb­lich Ero­tik, Span­nung oder auf­kei­men­de Feuch­tig­keit gesucht. Das Buch ist, äh, ziel­grup­pen­ge­recht for­mu­liert. Schlicht, ein­fach, ver­ständ­lich. Kann ich nicht laut sagen, denn wel­ches Licht wür­de das auf die erwähn­ten Freun­din­nen wer­fen? Wir haben unter­schied­li­che Wahr­neh­mun­gen. So. In mei­ner per­sön­li­chen Wahr­neh­mung sind selbst die als »His­to­ri­cals« getarn­ten Soft­por­nos in der Gro­schen­ro­man­ab­tei­lung im Super­markt hei­ßer. Und das kann ich beur­tei­len, denn mei­ne Stu­di­en­freun­din las die damals und ich aus Lan­ge­wei­le gleich mit.

Auch ein hei­ßes Eisen ist “Out­lan­der” von Dia­na Gabal­don. Also, ich mag die Geschich­te an sich, so is ja nich. Und hier und da ein wenig schwung­voll geni­ta­les Geplän­kel … Sit­ten­ge­mäl­de, das hört sich prü­de an. Liegt es doch an mir und ich bin voll ver­klemmt? Viel­leicht liegt es dar­an, daß ich als Kind, nach­dem ich die Kin­der­bü­cher durch­ge­le­sen hat­te, mei­nen Lese­hun­ger mit den Büchern im Wohn­zim­mer gestillt habe. Daß mei­ne Mut­ter “Die Leu­te vom Pey­ton Place” mit “Die Leu­te vom Eaton Place” ver­wech­selt hat­te, habe ich damals lie­ber nicht gesagt. Ich war dann auch aus­rei­chend auf­ge­klärt. Etwas spä­ter habe ich mich durch alle (wirk­lich alle!) Bän­de “Angé­li­que” von Anne Golon gele­sen. Dar­an wird es wohl gele­gen haben. Sexu­al­li­te­ra­risch war ich danach satt.

Ich glau­be, ich möch­te ein­fach lie­ber sel­ber ent­schei­den, was ich vor mei­nem inne­ren Auge sehen möch­te und von der Geschich­te kei­nen Penis mit Links­knick und Pickel am Sack auf­ge­zwängt bekom­men. Die Lie­bes­ge­schich­te zwi­schen Christa­bel LaMot­te und Ran­dolph Hen­ry Ash in »Beses­sen« von Anto­nia S. Byatt als Bei­spiel bie­tet so viel mehr Raum für Phan­ta­sie. In den Zei­len fand ich Ero­tik, Span­nung und Ver­lan­gen. Flüch­tig, vage, fra­gil, kein lite­ra­ri­sches Fis­ting. In den Stim­men zum Buch beti­tel­te die New York News­day das Buch als »lite­ra­ri­schen Thril­ler«, womit sie recht haben. Zwei Zeit­ebe­nen, zwei Hand­lungs­strän­ge, die mit­ein­an­der ver­wo­ben sind, deren Ent­wick­lung ihre Ent­spre­chung im jeweils ande­ren fin­det. Vol­ler Poe­sie, vol­ler Tra­gik, vol­ler Raum und Zeit für Gefüh­le. Und Bücher! Und ich emp­feh­le auch die Ver­fil­mung mit einer ent­zü­cken­den Jen­ni­fer Ehle (ja, auch Gwy­neth Palt­row war gut und sprö­de).

Sex oder kein Sex – alles auch eine Fra­ge des Stils, denn bei dem Film »Hei­ra­ten für Fort­ge­schrit­te­ne« habe ich Trä­nen gelacht und da wird gevö­gelt – und das auch noch auf dem Fried­hof!

Über­haupt, ich lese sel­ten Frau­en­ro­ma­ne. Ich habe mir ein Buch von Bar­ba­ra Cart­land gekauft, jedoch nur, weil ich vor­her die Ver­fil­mung mit Hele­na Bon­ham Car­ter gese­hen hat­te: “A Hazard of Hearts” (Wag­nis der Lie­be). Der Titel allein schon … das war 1987. Ich moch­te “Brid­get Jones”, und “Charles­ton Girl” von Sophie Kin­sel­la wirk­lich, aber die­se roman­ti­schen “und-dann-dau­ert-das-372-Sei­ten-bis-sie-sich-end­lich-krie­gen-Din­ger” … springt mich nicht an. Ich bin offen­sicht­lich schwie­rig.

Ich habe mich – und das wird die Freun­des­run­de von damals mit der Antho­lo­gie und dem Deca­me­ro­ne freu­en – tat­säch­lich mit Ero­tik aus­ein­an­der gesetzt. Ich nen­ne ein hand­si­gnier­tes Exem­plar von Rüdi­ger Dah­l­ke »Mythos Ero­tik« mein eigen, wo es um genau den Kon­flikt zwi­schen Ram­meln und Eros geht. Cla­ris­sa Pin­ko­la Estes’ “Die Wolfs­frau. Die Kraft der weib­li­chen Urinstink­te” ist ein wei­te­rer mytho­lo­gisch mär­chen­haf­ter und archai­scher Ansatz. Die Grie­chen als welt­of­fe­nes Völk­chen lie­ßen schon Pla­to aus­gie­big über Eros phi­lo­so­phie­ren. Ent­ste­hungs­my­then – Gaia – Eros.

Und was mache ich jetzt mit den An- und Aus­züg­lich­kei­ten? Kann man Ero­tik und Sex in der Lite­ra­tur über­haupt auf einen Nen­ner, in eine Schub­la­de brin­gen? Viel­leicht kann ich das so ste­hen las­sen:

Ero­tik beginnt im Kopf und endet im Geni­tal. Ergo ist Schrei­ben ero­tisch. Ob das Geschrie­be­ne dann eine ero­ti­sche Wir­kung hat, bleibt dem Leser über­las­sen.