Über das Schreiben und das Schreib-Ego.

Ich den­ke viel über das Schrei­ben nach. Ich den­ke auf dem Schrei­ben her­um, kaue es, schie­be es von einer Sei­te auf die ande­re, schme­cke und kaue wie­der. Ich schrei­be über das Schrei­ben. Weni­ger über Tech­nik und Hand­werk, als über mei­ne Ein­stel­lung dazu. Was ist Schrei­ben für mich? Wo ste­he ich mit mei­nen Schei­ben? Viel­leicht liegt es dar­an, daß ich gera­de Neil Gai­man, The View from the cheap seats lese. Sei­ne Tex­te besche­ren mir Lese­glück. Er sagt alles, was man dazu sagen kann. Das klingt so abso­lut. Er wird noch mehr sagen und schrei­ben. Ande­re auch. Viel­leicht passt Neil Gai­man auch ein­fach wie die Faust aufs Auge, weil ich mich mit mir und mei­nem Schrei­ben aus­ein­an­der­set­ze. Da ist es wie­der. Ich lese, um Ant­wor­ten zu fin­den. Intui­tiv, aus dem Bauch. Und es stimmt. Mehr, als mir in dem Moment bewusst war. Ich suche Ant­wor­ten auf die Fra­ge, war­um ich schrei­be, was ich zu sagen habe, was ich erzäh­len will. Und wie­der ein­mal war es der Aus­tausch, der einen Gedan­ken frei setz­te.
Mein Schreib-Ego ist ein »groß­kopf­te­ter Gift­zwerg« , dem ich die Selbst­zwei­fel ent­ge­gen­hal­te.

Die Öster­rei­chi­sche Kri­mi­au­torin Annie Bürkl ver­link­te zu einem Inter­view mit Chris­toph Waltz. Wir waren uns einig, dass sein Ansatz für die Schau­spie­le­rei wie für das Schrei­ben gilt: Wei­ter­ma­chen, bes­ser wer­den, die Mit­tel­mä­ßig­keit ertra­gen. Ein­fach nicht auf­hö­ren an sich zu arbei­ten, ob es nun einer merkt oder nicht. Und so lan­de­te ich gedank­lich beim Schreib-Ego. Ich den­ke, hin­ter jedem künst­le­ri­schen Aus­druck steckt auch ein Ego. Alan Rick­mann fällt mir ein, der so beschei­den, so ego-befreit in sei­nen Inter­views sprach, dass es schon wie­der arro­gant klang. Viel­leicht inter­pre­tie­re ich das auch nur ihn rein? Er kann sich nicht mehr weh­ren, denn er ist lei­der ver­stor­ben, ganz plötz­lich. Ich hal­te ihn für einen wun­der­ba­ren Schau­spie­ler. Und er war viel mehr als nur das. Es gibt Men­schen, die sind so vol­ler Güte, so engels­gleich gut, beschei­den und selbst­los. Ich bin das nicht. Ich glau­be von mir, eine ganz pas­sa­ble Ver­si­on Mensch zu sein und ich gebe mir sehr viel Mühe, die bes­te Ver­si­on von mir selbst zu sein. Aber ich bin mir sehr deut­lich bewußt, wie unvoll­kom­men ich bin, wie unvoll­kom­men mein Schrei­ben ist.

Extre­me sind die Pole, zwi­schen denen sich die zum Leben not­wen­di­ge Span­nung erzeugt.
Her­mann Hes­se

Auf das Schrei­ben über­tra­gen sind der Gift­zwerg und die Zwei­fel die Pole, zwi­schen denen sich Schreib­span­nung ent­wi­ckelt. Ich brau­che den Gift­zwerg, um dem Punkt zu fin­den, mei­ne Geschich­te los­zu­las­sen. Um über­haupt den Mut zu fin­den, an den Leser her­an­zu­tre­ten, für ein Publi­kum zu schrei­ben. Ich brau­che den Zwei­fel, um das pas­sen­de Wort, den bes­ten Aus­druck, den Weg zu fin­den, mei­ne Geschich­te so erzäh­len, wie sie erzählt wer­den muß. Ich brau­che den Zwei­fel, um der bes­te Autor zu sein, der ich in die­sem Moment sein kann. Und ich benö­ti­ge den Gift­zwerg, um mich auf der Suche danach nicht zu ver­lie­ren, zu resi­gnie­ren, auf­zu­ge­ben.

Ich nen­ne das Schreib-Ego Gift­zwerg, weil ich grund­sätz­lich und ganz spi­ri­tu­ell der Mei­nung bin, dass das Ego hin­der­lich und läs­tig ist. Das Ego sorgt dafür, dass ich mich ganz toll fin­de, dass ich mich im recht füh­le, dass ich mit mei­nem Aller­wer­tes­ten im war­men Mus­pott ( das sag­te mein Deutsch­leh­rer, wenn die Klas­se nicht in Schweiß kam) sit­zen blei­be. Inne­rer Wachs­tum, Tole­ranz, Auf­ge­schlos­sen­heit und Neu­gier­de, wie soll ich über mei­nen Schat­ten sprin­gen, mei­ne Gren­zen über­win­den, wenn mir das Ego wie Kaa, die Schlan­ge, ins Ohr wis­pert, dass ich das gar nicht nötig hät­te. Genau so gif­tig sind die Selbst­zwei­fel. Das kannst Du nicht. Das haben ande­re schon gemacht und viel bes­ser. Das liest eh kei­ner. Was bil­dest Du Dir über­haupt ein?

Wäre es nicht viel ein­fa­cher, wenn ich ohne Gift­zwerg und Zwei­fel schrei­ben könn­te? Wenn ich mir mei­ner selbst – in aller Beschei­den­heit – so sicher sein könn­te, dass ich mei­ne Geschich­ten ohne Druck, ohne Emo­ti­on, ohne zwi­schen den Extre­men zu oszi­lie­ren, erzäh­le? Wäre das dann lei­den­schafts­los und fad? Oder ent­steht durch die fra­gi­le Ver­bin­dung zwi­schen Ego und Zwei­fel eine Lei­den­schaft, die das Schrei­ben erst mög­lich macht?

Ich schrei­be in die­sem Span­nungs­feld, bewe­ge mich mal mehr in die eine oder ande­re Rich­tung. Das Schrei­ben führt aus sich her­aus zu einer Sta­bi­li­tät, in der ich wei­ter schrei­be, an mir arbei­te, bes­ser wer­de und aus der Mit­te her­aus wach­se.


Annie Bürkl://www.texteundtee.at/

Inter­view mit Chris­toph Waltz: https://​www​.red​bul​le​tin​.com/​a​t​/​d​e​/​c​u​l​t​u​r​e​/​c​h​r​i​s​t​o​p​h​-​w​a​l​t​z​-​e​s​-​w​a​r​-​s​c​h​o​n​-​s​o​-​f​r​u​s​t​r​i​e​r​end