Selbstvermarktung als Autor oder Würde ich verkaufen wollen, wäre ich Vertreter geworden

Neu­lich stol­per­te ich über meh­re­re Arti­kel, in denen es um Selbst­ver­mark­tung ging und um Inbound als die Zukunfts- und Con­tent­stra­te­gie. Ich hat­te bereits die Idee im Kopf, die Eigen­wahr­neh­mung bezo­gen auf Selbst­ver­mark­tungs­druck und -not­wen­dig­keit aus mei­ner Per­spek­ti­ve zu erzäh­len. Also, wenn nicht jetzt, wann dann? Im Mar­ke­ting beschreibt Inbound den Weg, durch Inhal­te zu über­zeu­gen und so aus Besu­chern Kun­den und Fans zu machen, frei nach dem Mot­to “gefun­den, für gut erach­tet und wei­ter­emp­foh­len”. Out­bound ist die gute alte One-Way-Wer­be­an­spra­che an den Kun­den mit­tels Anzei­gen, Spots … also “wenn ich mich dem Kun­den in den Weg schmei­ße, muß er mich auch sehen”. Das ist jetzt so grob, wor­um es dabei geht.

Ob nun als Fotograf, Autor oder Steuerberater, ich bin Unternehmen und Produkt in einer Person.

Als Tex­ter und Frei­be­ruf­ler ver­mark­te ich mich selbst. Weder als Tex­te­rin, noch als Autorin betrei­be ich Out­bound, ich schmei­ße mich dem poten­ti­el­len Kun­den also nicht an den Hals. Im Gegen­teil, ich sit­ze wie eine Spin­ne gedul­dig am Ran­de mei­nes Net­zes und spin­ne mei­ne Fäden. Ja … die Asso­zia­ti­ons­ket­te funk­tio­niert bei Euch in Nano­se­kun­den. Ich schrei­be wei­ter, wenn Ihr aus­ge­lacht habt … Das Bild mit dem Spin­nen­netz ist in der Tat eine ganz brauch­ba­re Meta­pher, viel bes­ser als die Schne­cke, die eine Schleim­spur hin­ter­läßt! Igitt.

So ein Spin­nen­netz wächst ganz orga­nisch und ist eben­so natür­lich in sei­ne Umwelt ein­ge­bet­tet. Das Netz sind die Inhal­te, die ich bereit­stel­le, um poten­ti­el­len Kun­den mein Ange­bot und den damit ver­bun­de­nen Nut­zen zu ver­mit­teln. Und nein, ich bin kei­ne Schwar­ze Wit­we, die heim­tü­ckisch auf der Lau­er sitzt, bis sich ein wehr­lo­ser Kun­de in mei­nem Netz ver­fängt. Ich spin­ne auch nie­man­den als Abend­essen ein. Mein Netz ist nicht kleb­rig und man kann sich nur dann dar­in ver­fan­gen, wenn man über der Fas­zi­na­ti­on des Lesens (ich schrei­be ganz tol­le Tex­te!) die Zeit ver­ges­sen hat. Wäre ich ein Out­boun­der, käme ich als Säbel­zahn­ti­ger daher, der keck hin­ter einem schö­nen Gebüsch her­vor­springt und dann mit Gebrüll vor dem schlot­tern­den Kun­den hin und her schleicht. Auwei. Dann doch lie­ber eine mytho­lo­gisch-grie­chi­sche Sire­ne, deren ver­lo­cken­der Stim­me nie­mand wider­ste­hen kann. Ihr seht, anre­gen­de Asso­zia­tio­nen gibt es en mas­se.

Ich möch­te den Gedan­ken mit dem Spin­nen­netz noch ein­mal auf­grei­fen. Um Erfolg zu haben, also mit mei­ner Kunst “Schrei­ben” wahr­ge­nom­men zu wer­den, muß ich mich ver­mark­ten. Was ich dabei als Erfolg defi­nie­re, ent­schei­det über die Ver­mark­tungs­stra­te­gie. Will ich den Lite­ra­tur­no­bel­preis? Will ich monat­li­che finan­zi­el­le Umsät­ze, die mir ermög­li­chen, Mie­te, Fri­seur und Bröt­chen zu bezah­len? Will ich mal ins Dschun­gel­camp oder per Du mit Ste­phen King sein?

Für einen langfristigen und dauerhaften Erfolg brauche ich ein systematisch aufgebautes Konzept, welches mein Erfolgsziel in einen Erfolgsweg übersetzt.

Und dafür brau­chen wir den USP (Uni­que Sel­ling Pro­po­si­ti­on) oder in schö­nem Deutsch: das Allein­stel­lungs­merk­mal. Was unter­schei­det mich von tau­send ande­ren Autoren und/oder Tex­tern? Was macht mich kauf- und emp­feh­lungs­wür­dig? Was macht mich inter­es­sant und erin­ner­bar – merk­wür­dig im Sin­ne von wür­dig, in Erin­ne­rung behal­ten zu wer­den?

Ich habe keine Marke, ich bin die Marke.

Ich selbst bin das Pro­dukt. Und wie könn­te ich mich bes­ser ver­mark­ten, als mit dem Schrei­ben durch das Schrei­ben. Das Schrei­ben als Pro­dukt ist gleich­zei­tig das Instru­ment, die Kom­mu­ni­ka­ti­ons- und Mar­ke­ting­stra­te­gie. Schrei­ben über das Schrei­ben, sowohl the­ma­tisch als auch funk­tio­nell. Das ist Schrei­ben auf meh­re­ren Ebe­nen. Oder den­ken. Oder bei­des.

Ich suche mir also Kanä­le, in denen ich schrei­bend Inhal­te schaf­fe, die sowohl Nähr- als auch Mehr­wert bie­ten. Je nach Tages­form und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ka­nal steht mei­ne mul­ti­ple Schreib­per­sön­lich­keit der Sache kri­tisch gegen­über. Der Tex­ter for­dert Effi­zi­enz, der Autor möch­te Qua­li­tät. Die Schreibthe­ra­peu­tin möch­te das ganz grup­pen­dy­na­misch noch­mal durch­dis­ku­tie­ren. Am Ende sit­zen wir alle zusam­men (also die Schreib­per­sön­lich­keits­an­tei­le) und brü­ten 17 Minu­ten über einem Tweet, den maxi­mal drei Leu­te lesen und der in 2 Minu­ten kal­ter Kaf­fee ist. Der Tex­ter will pro­vo­zie­ren, will Kopf­dis­kus­sio­nen in Gang brin­gen, der Lyri­ker lehnt eine der­ar­tig unver­fro­re­ne Tak­tik kate­go­risch ab. Der Poet schwelgt in Bil­dern, ver­liert sich in der Spra­che, der Wer­ber rollt die Augen. Der Lite­rat will Tee, der Schrei­ber Kaf­fee, Scho­ko­la­de geht immer – spiel mit dem Kli­schee, johlt der Mar­ke­ter.

Ganz beschwun­gen von dem Gedan­ken – jetzt hal­tet doch mal alle die Klap­pe, wir gehen das pro­fes­sio­nell an – fah­re ich zur Bahn­hofs­buch­hand­lung und erwer­be eine Aus­ga­be des “der self­pu­blisher”. Mar­ke­ting für Autoren und für mich Selbst­ver­mark­tung von einem ande­ren Blick­win­kel aus. Da hilft der Wer­be­hin­ter­grund. Sich immer wie­der neu auf The­men, Inhal­te ein­las­sen: Als Tex­ter bin ich extrem neu­gie­rig, wiss­be­gie­rig, ler­ne ger­ne. Wie jemand, der an einem Buf­fet vom allem ein Häpp­chen pro­biert, anstatt sich den Tel­ler turm­hoch nur mit einem Gericht zu bela­den. Auf dem Hin­weg höre ich David Bowie, “Black Tie White Noi­se”. Das ist läs­sig und sophisti­ca­ted zugleich. Auf dem Rück­weg bin ich dann aber doch auf­ge­regt: intel­lek­tu­el­les Befruch­ten, was wer­de ich gleich her­aus­fin­den, was davon bringt mich wei­ter, was auf neue Gedan­ken? Es läuft P.O.D. “Here comes the Boom”. Tsch­ak­ka.

Ich fin­de Bestä­ti­gung für das, was bei mir unter gesun­dem Men­schen­ver­stand (ein­fa­che Logik und begin­nen­de Alters­weit­sicht) läuft. Authen­ti­zi­tät bei gleich­zei­ti­ger ziel­ge­rich­te­ter Mar­ken­per­sön­licheit. Macht ja auch Sinn.

Niemand erwartet von Stephen King eine romantische Schnulze ” Shining II – Liebesschwüre im Sonnenuntergang” oder einen intergalaktischen Erotikthriller “Fifty Shades of Dark Matter” von Stephen Hawking.

Das bedeu­tet für mich, Schrei­ben kön­nen ande­re auch, sich ver­mark­ten, Ahnung ver­brei­ten, aber die­se mei­ne mul­ti­ple Schreib­per­sön­lich­keit, die brin­ge nur ich mit. Schub­la­den brau­che ich nicht. Ich lese Fran­cis Crick und Sophie Kin­sel­la, ich lie­be Sis­sing­hurst und Jamie Oli­ver, ich tape­zie­re sel­ber und ich besit­ze einen Nagel­lack, irgend­wo, glau­be ich. Ich wür­de tat­säch­lich über Wim­per­tu­sche schrei­ben – für Geld – und ich rede pri­vat nicht über das Schrei­ben, das ist mir hei­lig. Ich phi­lo­so­phie­re über Schreib­pro­zes­se und bin auf Ver­an­stal­tun­gen die, die in der let­zen Rei­he am Aus­gang sitzt und die, die sich traut, wenn kei­ner den Mund auf­kriegt.

Iden­ti­fi­ka­ti­ons­po­ten­ti­al vor­han­den? Ist das jetzt Mar­ke­ting oder authen­tisch? Der Wer­ber ist berufs­frus­triert von dem gan­zen But­ter­fahrt­kaf­feer­heu­ma­de­cken­wer­be­schrott. Der Lyri­ker sieht sein See­len­le­ben bru­tal der Öffent­lich­keit aus­ge­brei­tet. Irgend­wo zwi­schen Mar­ke, Wer­be­ver­ant­wort­li­chem und Pri­vat­mensch lie­gen die Gren­zen. Ein Pseud­onym reicht da nicht, schon eher eine Pseudo­per­sön­lich­keit. Aber das will kei­ner kau­fen. Authen­tisch, echt – nur wo Autor drauf steht, ist auch Autor drin?

Um sich selbst zu ver­mark­ten, hilft es, zuerst und ganz für sich selbst Gren­zen zu defi­nie­ren. Wie prä­sen­tie­re ich mich öffent­lich. Wenn ich also eine Mar­ke bin, was macht die Mar­ke aus, was ist ihr Pro­fil? Wel­che Schrit­te muß ich gehen, um mei­ne Zie­le zu errei­chen? Frei nach Oprah Win­frey:

Schreib, was Du schrei­ben must, bis Du schrei­ben kannst, was Du schrei­ben willst!”

Inbound ist in der Selbst­ver­mark­tung eine wirk­sa­me Stra­te­gie. Über die Selbst­dar­stel­lung baue ich eine Bezie­hung zum poten­ti­el­len Kun­den auf. Und genau das ist der sprin­gen­de Punkt. Kun­den wol­len kein anony­mes Pro­dukt, sie wol­len einen Erleb­nis­wert, ein Gefühl der Ver­bun­den­heit über die Mar­ke besit­zen.

Die Wahr­neh­mung von mir als Mensch über­trägt sich auf die Erwar­tungs­hal­tung auf mich als Pro­dukt. Wenn ich mich gut ver­kau­fe, ver­kau­fe ich mich auch als Pro­dukt. Der Trick ist, nicht ver­kau­fen zu wol­len.

Also sich nicht markt­schreie­risch jedem in den Weg zu schmei­ßen, krampf­haft Auf­merk­sam­keit erzwin­gen zu wol­len. Schrei­ben über das Schrei­ben. Kon­se­quent und aus­dau­ernd. So wächst die Mar­ke orga­nisch, es bleibt Zeit, um klei­ne­re Kor­rek­tu­ren vor­zu­neh­men, die Stra­te­gie anzu­pas­sen. Und es bie­tet einen Raum für Expe­ri­men­te. Davor soll­te man kei­ne Angst haben. Klei­ne Aus­flü­ge in unbe­kann­tes Ter­rain – Schei­ter­ri­si­ko inklu­si­ve – schu­len, här­ten ab, bie­ten Übungs­flä­che. Mit der Zeit und den Pro­jek­ten ent­wi­ckelt man sich wei­ter, schärft das Pro­fil und bekommt auch einen erfah­rungs­rei­che­ren Blick auf sich selbst. Mir und mei­ner Per­sön­lich­keits­struk­tur kommt das ent­ge­gen. Denn wenn ich ver­kau­fen wür­de wol­len, dann wäre ich Ver­tre­ter gewor­den.