little blogshop | Der rote Faden

Der rote Faden … ist ein bißchen wie literarischer Sex mit dem Leser. Als Autoren fangt Ihr ein bißchen am Ohr an zu knabbern, dann schubbert ihr etwas an der Schulter, arbeitet Euch in Richtung Bauchnabel vor und dann passiert es!

Während Eure Leser gebannt vor dem Bildschirm sitzen, gefesselt vom Text, mit zuckenden Schenkeln (also den literarisch metaphorischen, es sei denn, Ihr schreibt irgendwas Nebliges in Grau…) und mit allen Sinnen wach und bei Eurem Text, ungeduldig jede neue Zeile verschlingend, jedes Wort in sich aufsaugend … und dann fangt Ihr plötzlich wieder am Ohr an. Ja, dann ist die Stimmung dahin.

Es geht in diesem Kapitel um den roten Faden, die Textstruktur. Und das hat beim Schreiben wenig mit Leidenschaft zu tun, sondern mit einem Plan und Kontrolle. Eine der Fragen, die sich uns heute stellen, ist die:

“Was ist der Höhepunkt meiner Geschichte?“

Um diese Antwort zu finden, schauen wir auf unseren Text. Wir brauchen in unserem Text einen Anfang, einen Mittelteil und ein Ende. Also eine Drei-Akt-Struktur. Zu Beginn stellen wir das Thema vor, in der Mitte präsentieren wir den Inhalt und am Ende fassen wir unsere Erkenntnisse zusammen. Ja, aber ich schreibe über einen Spaziergang mit meinem Hund, wie ich eine neue Flasche Wein ausprobiert habe… Das spielt gar keine Rolle! Nicht immer ist die Struktur so offensichtlich, auch epische Prosa folgt textarchitektonischen Kompositionslinien.

Vielleicht wird dies deutlicher, wenn wir uns der Kunst zuwenden. Nehmen wir ein Gemälde, die Mona Lisa von Leonardo Da Vinci, irgendwas Surrealistisches von Dali, oder einen verschwommen romantischen Monet. Wir können das Bild auf seine Kompositionslinien reduzieren, also Linien, die durch die Bildinhalte geformt werden (oder doch vielleicht eher umgekehrt??!!), und die die Aussage des Bildes und die Anordnung seiner Gegenstände demonstrieren. Dynamische Dreiecke, statische Quadrate, diagonale, senkrechte und waagerechte Linien, die Positionen unter- und zueinander. „Kippt“ das Bild, weil links drei Bäume stehen und rechts im Bild nichts mehr ist? Nichts anderes braucht unser Text: ein Gerüst, an dem sich der Inhalt entwickeln kann. Und das funktioniert auch mit nur fünf Sätzen!

Die meisten Blogtexte sind von der Menge her ja recht überschaubar. Es gibt meistens ein einziges Thema, wenig Protagonisten und so gestaltet sich der rote Faden eigentlich ganz elegant und charmant wie von selbst. Und der Höhepunkt kommt immer zum Schluß, tadaaaaa: die Auflösung. Das ist wie in einem Krimi. Zuerst gibt es eine Vorstellung, wir betreten eine Szene, lernen Protagonisten und ihre Aufgabe im Plot kennen. Dann passiert der Mord. Das ist eine kleine Aufregung gleich zu Beginn, aber nicht der Höhepunkt. Denn nun geht es darum, den Mörder zu entlarven. Entweder müssen wir das Rätsel mit den Buchfiguren gemeinsam entschlüsseln und am Ende wird das Böse enttarnt, oder aber wir kennen den Mörder bereits und machen uns auf eine vergnügliche Reise, um die Buchfiguren bei ihren Bemühungen zu begleiten. Auch hier besteht der Höhepunkt in der Enttarnung des Mörders, auch das Motiv offenbart sich nicht selten an dieser Stelle – am Ende.

Eine gute Geschichte nimmt sich genügend Zeit, die Geschichte plastisch und spannend zu erzählen, wobei sie so zügig voranschreitet, daß keine Zeit mit unnötigen Informationen oder langatmigen Schilderungen verplempert wird, die den Leser aus seinem Lesefluss und der gespannten Erwartung heraus reißt.

Übertragen auf einen Blogtext sieht das so aus: Ein DIY Projekt. Da ist es ganz einfach: 1. Das Projekt wird vorgestellt. 2. Es wird erklärt, wie man in einzelnen Schritten das Projekt erstellt. 3. Der Höhepunkt ist das fertig gebastelte Projekt.

Oder eben Rezept. Ein Winterspaziergang. Der rote Faden könnte das Wetter sein, die Winterlandschaft, die neuen Schuhe, Ferien, Besuch, zu viel gegessen, ein Ehestreit. Was war also der Auslöser für den Spaziergang, was passierte währenddessen, was passierte am Ende? Wie habe ich mich am Anfang gefühlt, hat sich meine Wahrnehmung am Ende geändert? Und was war der Höhepunkt??? Eine Tasse heißer Kakao, das Treffen einer Bekannten, nasse Schuhe, eine neue Erkenntnis, ein neues Gefühl?

Einen Text zu lesen ist wie eine One-Way-Bergwanderung bis zum Gipfel. Von dort oben schaue ich erst zurück, sehe den Weg, verstehe vielleicht erst jetzt die ein oder andere Wendung, aber der Weg dahin bleibt zielstrebig und gerade, nur auf den Gipfel ausgerichtet. Ermüdend, langatmig oder stimmungstötend sind zielloses hin und her Geirre auf dem Weg. Das Blümchen rechts am Rand, wenn es meine Geschichte nicht weiter bringt, warte mal, der Stein vor der letzten Kurve (an der wir ja schon vorbei sind).

Im Text gibt es also kein Zurück. Natürlich gibt es Rückblendungen und verschiedene Zeitstränge in Romanen, aber auch sie sind dem roten Faden untergeordnet und genau an der Stelle, um die Spannung aufrecht zu erhalten. Das darf man also nicht verwechseln. Um noch einmal auf den technischen Teil zu kommen. Welche Geschichte will ich erzählen? Wo starte ich und was ist der Höhepunkt? Welche Informationen sind notwendig, um zum Höhepunkt zu kommen, die Spannung aufzubauen und zu halten? Und – was ist alles überflüssig?? Die wichtigste Frage überhaupt!

Meistens kann man schmerzlos Sätze streichen, ein Gedanke daraus kann aber in einem Nebensatz ergänzt werden und bringt die Sache kurz und knackig voran. Wenn ich nun ganz verwegen zwei rote Fäden verweben will, dann muß der eine in der Warteschleife gehalten werden, während der andere fortgeführt wird und ich muß unter Umständen zwei Sätze als Bindeglied einfügen, um den Bogen von einem Faden zum anderen zu bekommen. Für uns und für dieses Kapitel auferlegen wir uns jedoch eine gewisse Reduktion, wenig künstlerische Freiheit und straffe Strukturen.

Welchen Sinn hat denn nun der Rote Faden?

Er hält den Leser bei der Stange. Er vermittelt Information so, daß der Leser sie versteht und neue Erkenntnisse daraus ziehen kann, etwas lernt und versteht, eine Geschichte nachvollziehen kann. Eine ordentliche Textstruktur gliedert den Text und macht ihn verständlich. Um ein Gefühl für rote Fäden und Textarchitektur zu bekommen, muß man schreiben. Immer wieder. Manchmal gelingt einem das Weben des Fadens besser, manchmal hat man auch einen Weg gefunden, wie man es nicht macht. Auch das ist ein Erfolg. Eine solide Textstruktur erscheint selten magisch und wie von selbst auf dem Papier. Je komplexer die Geschichte, je vielschichtiger die Gedanken und Emotionen, umso länger muß ich mich mit dem Text beschäftigen, ihn auf Spannungsbögen überprüfen.

Das war’s also mit „eben mal schnell gebloggt“. Zeit und Arbeit wollen investiert werden und manchmal ist die Muse mit einem und manchmal läßt sie einen gnadenlos im Stich. Für den Anfang konzentrieren wir uns auf folgendes Gerüst: 1. Einführung. 2. Mittelteil. 3. Höhepunkt 4. Nachgeplänkel (falls nötig). Ein kurzer roter Faden, ein dynamischer Aufbau ohne Schnörkel.

Und schwupps, sind wir schon bei der Aufgabe (der Höhepunkt dieses und jedes Kapitels): Schreibe eine Geschichte mit folgendem Höhepunkt: „Und dann fiel das Glas herunter!“ Dieser Satz soll genau so übernommen werden, wie Ihr dahin kommt, was die Geschichte ist, das überlasse ich Euch.


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