Mädchen mit Perle

Ich wuss­te nicht, dass sie hier sein wür­de. Der Gedan­ke wäre mir nie in den Sinn gekom­men, schon gar nicht, sie hier zu suchen. Umso über­rasch­ter sog ich die Luft ein, als ich in Bruch­tei­len von Sekun­den begriff. Sie war es. Kein Abbild, kei­ne bil­li­ge Kopie, kein Schat­ten. Und dann schau­te ich sie an. Ganz bewusst. Ver­meers Das Mäd­chen mit dem Per­len­ohr­ge­hän­ge. Mein ers­ter Gedan­ke war, das ist unser Bild! Das gehört hier nicht her! Und doch hing sie dort, schutz­los den Bli­cken unzäh­li­ger Men­schen aus­ge­lie­fert. Im glei­chen Moment wur­de mir die Absur­di­tät bewusst. Natür­lich gehör­te uns das Bild nicht. Trotz­dem fühl­te ich mich eigen­ar­tig, ent­blößt. Sie war so fremd in die­sem roten Raum.

Ich war gera­de gebo­ren wor­den, als mei­ne Mut­ter das alte Haus mit den knar­zen­den Die­len und den blind gewor­de­nen Spie­geln reno­vie­ren ließ, in dem schon Genera­tio­nen vor uns ihre Spu­ren hin­ter­las­sen hat­ten. Trotz­dem blie­ben eini­ge Din­ge so, wie sie schon immer gewe­sen waren und die Zeit konn­te ihnen wie durch Zau­ber nichts anha­ben. So auch die Bil­der in der Gale­rie, zu der die brei­te, dunk­le Holz­trep­pe führ­te. Sehr viel frü­her hat­te es Tee­par­tys und Emp­fän­ge in unse­rem Haus gege­ben und ein Freund der Fami­lie, ein begna­de­ter Künst­ler, hat­te auf freund­li­ches Drän­gen mei­nen Ur-urgroß­el­tern drei Gemäl­de geschaf­fen. Der alte Herr war in der Lage, klas­si­sche Ölge­mäl­de täu­schend echt zu kopie­ren. Und neben dem Ver­meer hin­gen spä­ter noch das Por­trait Mme Duvauҫay´s und ein Selbst­bild­nis von Jean Augus­te Domi­ni­que Ingrés, wie die­ser gera­de das Por­trait der jun­gen Frau anfer­tig­te. Natür­lich waren sie der Mit­tel­punkt eines jeden Besu­ches.

Der fran­zö­si­sche Maler genoss als popu­lärs­ter Ver­tre­ter des Klas­si­zis­mus des 19. Jahr­hun­derts einen inter­na­tio­na­len Ruf und selbst in der höhe­ren Gesell­schaft wur­de zwar über die Salons in Paris gespro­chen, besucht hat­ten sie die wenigs­ten, geschwei­ge denn eine Kopie eines der aus­ge­stell­ten Wer­ke beses­sen. Und so rie­fen die vir­tu­os gefer­tig­ten Bil­der selbst als offi­zi­el­le Kopie Bewun­de­rung und Ehr­furcht her­vor, die sich ver­mut­lich mit den Ori­gi­na­len mes­sen las­sen konn­ten. Wäh­rend der Reno­vie­rungs­ar­bei­ten wur­den die Rah­men gründ­lich ent­staubt und die Lein­wän­de auf Ris­se und Schä­den über­prüft und schließ­lich hin­gen sie, inzwi­schen als hoch­ge­schätz­te Anti­qui­tä­ten, wie­der an ihren alten Plät­zen.

Ich berühr­te heim­lich die wel­li­ge Struk­tur der gespann­ten Lein­wand. Sie fühl­te sich glatt und kühl unter mei­nen kind­li­chen Fin­ger­kup­pen an. Damals beein­druck­te mich zwar durch­aus die vir­tuo­se Mal­tech­nik, die Moti­ve mit den präch­ti­gen Rah­men waren mir aller­dings viel zu barock, zu düs­ter, zu beklem­mend. Ich fand die Impres­sio­nis­ten toll und mein Zim­mer zier­ten Pos­ter mit Moti­ven von Monet. Oder Roy Lich­ten­stein, das war Moder­ne! Erst viel spä­ter wur­de mir der sub­ti­le Ein­fluss der Ölbil­der und ihre zeit­lo­se Schön­heit wirk­lich bewusst. Tat­säch­lich waren die Bil­der wie geheim­nis­vol­le Fens­ter in eine ande­re Welt und ich stand manch­mal minu­ten­lang auf den Stu­fen, beob­ach­te­te den Licht­ein­fall und das Schim­mern der Far­ben. Sah das fei­ne Reli­ef der hauch­zar­ten Ölschich­ten und den Pin­sel­strich. Ich sah das Bild aus ver­schie­de­nen Ent­fer­nun­gen und wie sich dif­fu­se Far­be zu kon­kre­ter Gegen­ständ­lich­keit ver­wan­del­te. Dann wie­der waren sie stum­me Zeu­gen mei­nes Lebens, mei­ner Freu­de, wenn ich laut die Stu­fen her­un­ter pol­ter­te und mei­ner Angst, wenn ich mich in der Dun­kel­heit an das Gelän­der klam­mer­te. Abends war ihr Blick der letz­te Gruß ich die Nacht und mor­gens eil­te ich noch schlaf­trun­ken unbe­merkt an ihnen vor­bei. Sie, das Mäd­chen mit Per­le, wie ich sie nann­te, schien mich manch­mal fra­gend anzu­schau­en und dann wie­der schien sie lächeln zu wol­len. Eine stum­me Ein­la­dung, ihr zu fol­gen. Je län­ger ich ihrem Blick stand­hielt, umso mehr Leben schien er zu gewin­nen, umso mehr wech­sel­te der Aus­druck und ihre auf Lein­wand gebann­ten Gesichts­zü­ge schie­nen eine Geschich­te zu erzäh­len.

Ich hat­te mei­ne Kind­heit und mei­ne wun­der­sa­men Augen­bli­cke mit mei­ner schwei­gen­den Freun­din hin­ter mir gelas­sen. Ich zog fort, leb­te in einer ande­ren Stadt und schließ­lich hat­te ich auch die Gemäl­de und mei­ne stil­le Beglei­te­rin ver­ges­sen. Bis ich das Mau­rits­huis in Den Haag besuch­te und zum ers­ten Mal das Ori­gi­nal sah. Die run­den Augen der jun­gen Frau schau­ten mich mit der­sel­ben ver­trau­ten Inten­si­tät an. Ich hat­te das Gefühl, als wenn unser Bild das eigent­li­che Ori­gi­nal war und jenes dort die Kopie. In mei­ner Erin­ne­rung war das Mäd­chen mit Per­le eine Selbst­ver­ständ­lich­keit, an der ich jeden Tag wie­der und wie­der vor­bei­ging. Es kam mir sehr merk­wür­dig vor, dass Men­schen für die­ses Bild in ein Muse­um gehen und Geld bezah­len muss­ten. Noch merk­wür­di­ger, dass sie ein­sam in einem klei­nen rot aus­ge­klei­de­ten Raum hing – eine unter vie­len – und dann doch unver­mit­telt ins Auge sprang. Und wäh­rend ich dort in die­sem Raum stand, ver­schwan­den die Men­schen, die Stim­men und Geräu­sche. Ich forsch­te in ihrem Gesicht und sie zwin­ker­te mir zu. Als ob sie sich eben­falls erin­nert hät­te. Und jen­seits der Gegen­wart teil­ten wir heim­lich und unbe­ob­ach­tet einen kost­ba­ren Augen­blick des unaus­ge­spro­che­nen Ver­ste­hens. Ich erin­ner­te mich an all die Momen­te mei­ner Kind­heit, als wenn sie plötz­lich die Ant­wor­ten preis­gab, nach denen ich frü­her gesucht hat­te. Sie hat­te mir ihr ein­zi­ges Geschenk, ihr Ver­mächt­nis gege­ben. Die Erin­ne­rung an mei­ne Kind­heit und die Erin­ne­run­gen all der jun­gen Frau­en, die vor mir bewun­dernd und manch­mal auch angst­voll schau­dernd vor ihrem Por­trait ste­hen geblie­ben waren. Wir alle waren ver­eint in dem Wunsch, den Blick der jun­gen Frau zu ent­schlüs­seln, ihr Geheim­nis zu begrei­fen und unse­rem eige­nen Schick­sal zu ent­flie­hen. Aber ihr Blick blieb uner­gründ­lich. Ihr Bann war unge­bro­chen.

Vor ein paar Tagen begeg­ne­te sie mir wie­der. Dies­mal auf dem Cover eines Buches in mei­nem Lieb­lings­buch­la­den. Ich muss­te es ein­fach aus dem Regal neh­men. Ein Roman über die jun­ge Frau, über ihr Leben, über das Leben in den Nie­der­lan­den des 17. Jahr­hun­derts. Eine Geschich­te, wie es hät­te sein kön­nen, wie es zu die­sem Gemäl­de hät­te kom­men kön­nen. Ein plas­ti­sches und ein­dring­li­ches Bild die­ser Epo­che ent­stand vor mei­nen Augen. Delft als Hand­lungs­ort, Utrecht als kul­tu­rel­les Zen­trum der bil­den­den Küns­te, exo­ti­sche Gewür­ze, Spe­zia­li­tä­ten und Kost­bar­kei­ten aus frem­den Län­dern, die auf den Märk­ten gehan­delt wur­den, die Tul­pe als Blu­me einer Nati­on, die die Ver­gäng­lich­keit und den Kreis­lauf der Natur sym­bo­li­siert und dazu die schein­bar unaus­lösch­ba­ren Regeln der Eti­ket­te, gesell­schaft­li­che Nor­men, sozia­le Begren­zun­gen und die Dis­kre­panz zwi­schen gemal­tem und geleb­ten Leben. Mir schien, als ob das Bild aus unse­rem Haus nach Jah­ren ein wei­te­res Geheim­nis preis­gab. Sie war nicht län­ger die anony­me Frau, deren Bli­cke mich aus dem Bil­der­rah­men ver­folg­ten und denen ich mich nicht ent­zie­hen konn­te. Als ob sich der Kreis schlie­ßen wür­de, erfuhr ich jetzt, da ich nicht mehr in die­sem Haus leb­te, ihre Geschich­te. Ich sah wie­der ihren Blick, der mir so ver­traut gewor­den war. Konn­te ich jetzt aus ihren Augen her­aus­zu­le­sen, was sie mir, da ich auch ihr Geheim­nis ent­hüllt hat­te, sagen woll­te? Ich war in ihrem Blick gefan­gen, aber wir bei­de waren älter gewor­den. Sie hat­te mich die gan­ze Zeit aus ihrem Bild beob­ach­tet und erinn­te­re nun an das klei­ne Mäd­chen, wäh­rend eine erwach­se­ne Frau vor ihr stand.

Ich berühr­te mit den Fin­gern die Per­len­ohr­rin­ge, die matt glän­zend mir selbst als Schmuck dien­ten. Die­se Per­len hat­ten ihre eige­ne klei­ne Geschich­te, des­sen Schick­sal ich zu mil­dern ver­such­te. In einem ande­ren Leben und einem ande­ren Jahr­hun­dert waren sie der kost­ba­re Lie­bes­be­weis eines jun­gen Man­nes gewe­sen, der um die Hand sei­ner ein­zig wah­ren Lie­be ange­hal­ten hat­te, die ihm der Tod kalt und unbarm­her­zig ent­ris­sen und den jun­gen Mann in den Wahn­sinn getrie­ben hat­te. Der Schmuck war im Fami­li­en­be­sitz geblie­ben und wur­de von Toch­ter zu Toch­ter als Sym­bol der Wahr­haf­tig­keit der Lie­be wei­ter­ver­erbt. Nur, daß die­se Lie­be immer von Ver­gäng­lich­keit gezeich­net war. Nun war ich die Trä­ge­rin der Per­le. Und in dem Moment wur­de mir klar, dass sie mich mein gan­zes Leben beglei­ten wür­de und das mei­ne Geschich­te ihre Geschich­te war. Die Geschich­te von dem Mäd­chen mit Per­le in der Gale­rie unse­res Hau­ses.


Anmer­kun­gen …

Ich habe die­sen Pro­sa­text 2006 geschrie­ben. Das ist schon ein biß­chen her und ich war über­rascht, ihn nur ganz gering über­ar­bei­ten zu müs­sen. Er hat sehr lan­ge in der “Schub­la­de” gele­gen. Alles liegt in der Schub­la­de.

Eigent­lich ist es ein biß­chen wie Fan­fic­tion, die sich auf ein Bild bezieht, wenn ich das mal so auf moder­nes Schrei­ber­tum über­tra­ge. Aus der Ich-Per­spek­ti­ve erzählt, ver­schwim­men die Gren­zen zwi­schen Fik­ti­on und Fak­ten. Eini­ge Din­ge sind wahr, ande­re nur erfun­den und zusam­men ver­mi­schen sie sich zu einer neue Geschich­te. Aber zu ver­ra­ten, was nun echt ist, wür­de doch den Spaß ver­der­ben, oder?

Wer mag, kann sich auch die Ver­fil­mung mit Scar­lett Johans­son und Colin Firth anschau­en und dann das Buch lesen.

Che­va­lier, Tra­cy: Das Mäd­chen mit dem Per­len­ohr­ring. 17. Aufl. List Ver­lag 2001.