little blogshop | Textfluss – Melodie und Satzlänge

In diesem Kapitel beschäftigen wir uns genauer mit dem Schreibhandwerk. Zu Beginn haben wir mit Wahrnehmung angefangen: Texte bewußt wahrnehmen, den Inhalt, den Stil, die Aussage. Wir haben uns intensiv gefragt, was wir wem und warum eigentlich erzählen wollen. Das sind Überlegungen, die vor dem eigentlichen Schreiben stattfinden. Und so sind wir nun bei genau eben diesem „dem Schreiben“ angekommen. Und inzwischen habt Ihr ja auch schon ein paar Übungstexte, mit denen Ihr arbeiten könnt, die Ihr überprüfen könnt: Was davon habe ich intuitiv umgesetzt, was habe ich vergessen oder worauf kann ich noch mehr achten?!

Schreiben ist nichts, was man einfach so kann. Das ist ein bißchen Talent. Aber die Technik, der persönliche Schreibstil, sind Dinge, die man üben muß, die sich weiterentwickeln. Autoren und Texter  sind wie der eingangs erwähnte Champagner, Whisky oder Käse: je älter, je besser. Das hat mit der praktischen Übung zu tun, mit vollen Schubladen und post-its, einfach mit einem größeren Schatz an Lebens- und Berufserfahrung, den man kreativ nutzen kann und auch mit einem größeren Wortschatz. Das bedeutet nicht, daß jeder Anfang schlecht ist. Wir können eben nur mit den Werkzeugen arbeiten, die uns zur Verfügung stehen.

Stephen King hat mal gesagt, er würde seine fertigen Bücher nicht mehr lesen, weil er sich bis zum Erscheinen der Bücher wieder weiterentwickelt hat und alles Geschriebene nun nicht mehr seinem Anspruch an sich selbst gerecht werden könne (also so sinngemäß).

Das Kapitel Rechtschreibung und Grammatik haben wir hinter uns. Denn um mit Sprache zu spielen, muß man sie zuallererst beherrschen. Gehen wir aber noch einmal zurück zur Grammatik. Ein Satz besteht aus einem Subjekt, einem Prädikat und einem Objekt (Satzergänzung, welche das Verb einfordert: bei „Er geht.“ wäre das nun nicht notwendig). Diesen können wir dann ausbauen: Adverbien, Adjektive, adverbiale Bestimmungen. Und dann werden wir ganz feudal und bauen Nebensätze, Satzglieder, Konjunktionen und Appositionen ein, um für mehr Bewegung zu sorgen.

Der Baum steht – Der Baum steht auf dem Hügel – Der Baum steht blühend auf dem Hügel – Der Baum steht in voller Pracht blühend auf dem Hügel meiner Kindheit – Der Baum, dessen blühende Pracht mir allgegenwärtig ist, stand auf dem Hügel meiner Kindheit, der jedoch einem Einkaufszentrum weichen mußte – Der Baum, der mich in seiner blühenden Pracht all die Jahre auf dem Hügel meiner Kindheit begleitet hat, mußte einem Einkaufszentrum weichen, auf dem Jugendliche mit Einkaufwagen spielen, hupende Autos die Erinnerung zerstören, während sich das Vergessen wie ein Nebel über die Menschen senkt.

Je kürzer der Satz, umso präziser die Aussage. Daraus leiten wir zwei Verwendungen ab: a) eine Stimmungsverstärkung im Text: Die Jahre waren dahin gegangen. Der Verlust seiner geliebten Tochter, das lange Leiden durch die schwere Krankheit, das alles hat ihm sein Lachen geraubt. Seine Freude, sein Wesen waren durch die einsamen Nächte und die dunklen Tage wie ausgelöscht. Er war tot. oder b) eine informative und aussagekräftige Information: Das Regal wird nach einem gründlichen Studium der Montageanleitung der Reihe nach zusammen gebaut, wobei die abgezählten Teile am Ende komplett verbaut sein sollen. Beginnen Sie mit Teil A und Schraube B. Drehen Sie Schraube B durch Teil A.(Und nur so zum Spaß: Halten Sie Teil C in der linken Hand, während Sie Klemme D an Brett G fixieren, so daß der Metallwinkel J im rechten Winkel zu A steht, ohne jedoch durch Schraube B gehalten zu werden und führen Sie Teil K in einer leichten Kippbewegung um F, bis K einrastet.)

Desweiteren können wir mit der Länge von Sätzen spielen, um eine zum Beispiel distanzierte oder gefühlsbetonte Stimmung zu erzeugen, um die Position des Erzählers zu verdeutlichen (steckt er emotional drin, sieht er das Geschehen aus der Distanz) oder auch innere Konflikte darzustellen (durch die Art der Sätze)

1)Der Baum steht. Der Hügel verschwindet. Ein Einkaufszentrum nimmt seinen Platz ein. Nun parken Autos dort. Der Baum steht in meiner Erinnerung. Seine volle Pracht ist verschwunden. Er blüht nie wieder. Autos hupen. Jugendliche spielen mit den Einkaufswagen. Der Baum wird vergessen sein. Die Schreie meiner Mutter reißen mich aus den Gedanken. Sie steht am Weidezaun. Sie hält die Heugabel in der Hand. Sie ist wütend.

2)Der Baum steht oben auf dem verschwundenen Hügel, dessen Platz ein Einkaufszentrum eingenommen hat. Der Baum, dessen nie wieder blühende, volle Pracht verschwunden und vergessen ist, steht in meiner Erinnerung, während Autos hupen und Jugendliche mit Einkaufswagen spielen. Die Schreie meiner wütend mit einer Heugabel in der Hand am Weidezaun stehenden Mutter reißen mich aus meinen Gedanken.

Man kann entweder nur kurze oder lange Sätze benutzen, je nachdem, welche Stimmung man erzeugen möchte. Das ist aber auch eine Herausforderung für den Autor, da sich der Reiz schnell „ausgelesen hat“ und sich der Text als langweilig, distanziert, stupide, langatmig und zu ausschweifend darstellen kann.

Die meisten Texte bestehen aus einer Kombination aus kurzen und langen Sätzen. Und die geschickte Anordnung von kurzen, langen und mittellangen Sätzen bringt uns zum Textfluss und zur Textmelodie. Kleine Übung zwischendurch: Lies laut die beiden Beispieltexte 1) und 2) und notiere Dir die Unterschiede, die Du gehört hast. Vielleicht magst Du auch mit unterschiedlichen Betonungen spielen?

Die Textmelodie, der Textfluss ist einerseits Stilmittel, andererseits auch Indikator, wie leicht ein Text über die Lippen geht. Je besser Sätze miteinander verbunden sind, umso weicher sie gelesen werden können, umso stimmiger und aus einem Guss empfinden wird den Text. Brüche im Textfluss können Spannung erzeugen, Pausen erwirken, Gedanken einbinden. Um Sätze miteinander zu verbinden nutzt man nicht nur geschickte Satzstellungen, sondern und natürlich passende Wörter. Und die richten sich nach der Aussprache.

Schrift ist haltbar gemachte Sprache.

Deswegen ist es immer, wirklich IMMER eine gute Übung, sich den geschriebenen Text laut vorzulesen. Brüche im Textfluss werden sofort entlarvt, auch holperige Satzkonstruktionen fallen ins Auge und ins Ohr. Dies zu hören, ist eine Fähigkeit, die man wie alles üben und ausbilden muß. Je mehr man also liest, ob laut oder leise, desto feiner wird die Wahrnehmung für Nuancen im Ausdruck, für den Textfluss.

Wer schreibt, kommt um das Lesen nicht drum herum.

Wir experimentieren in diesem Kapitel also zunächst mit Satzlängen und unterschiedlichen Informationen, die wir in diese Sätze packen.

Aufgabe 1: Spiele mit dem Satz: „Der Fluß fließt.“. Erweitere den Satz zu immer längeren Sätzen mit immer mehr Information. Baue einen kleinen Text nur aus kurzen Sätzen, dann nur aus langen Sätzen. Schreibe einen dritten Text, in dem Du kurze und lange Sätze mischst. Aufgabe 2: Lies und beobachte Texte im täglichen Leben, wie lang oder kurz die Sätze sind und wo Dir dieser Text aufgefallen ist: Bewerbungsschreiben, Nachrichten, Magazin, Reportage, Roman, Twitter (…!) …


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