little blogshop | Das Blogger-ICH

Ich besitze ein Blogger-Ich. Du auch. Ach, das wußtest Du noch nicht? Gut, dann darf ich Euch vorstellen. „Blogger-Ich“ – Du, Du – „Blogger-Ich“. Aber wer oder was ist denn nun dieses Blogger-Ich? (Ich schreibe hier vom Blogger-ICH, weil sich der Workshop zuerst an Blogger richtete. Ich selbst habe mich nie als Blogger gesehen und habe an anderer Stelle über das Schreib-ICH oder Autoren-ICH im Bereich Selbstvermarktung für Autoren geschrieben. Der Gedanke dahinter ist derselbe.)

Es ist – wie fast immer im Leben – eigentlich ganz einfach. Du, ich, die Menschen sind individuelle Persönlichkeiten mit Charaktereigenschaften. Und unser Leben besteht aus verschiedenen, unterschiedlichen Bereichen, die sich mal mehr, mal weniger überschneiden. Beruf, Familie, privates Umfeld … und so haben wir eine unglaubliche Anzahl an Persönlichkeitsanteilen, die an den jeweiligen Bereich angepasst sind. Wir sind also Frauen und Männer, Mütter, Väter, Töchter, Söhne, Enkel, Nichten, Onkel, Schwester, Schwager, Nachbar, Kollegin, Freundin, Kumpel, Chef, Mitarbeiter, Angestellter, Patient, Gast, Kunde, die nette Frau hinter der Theke, das ernste Gesicht hinter dem Schreibtisch, der Flirt vom Flughafen, der verständnisvolle Therapeut, das Gesicht aus der Werbung, der Komiker, der Typ auf dem Nebensitz im Kino, die Frau aus dem Workshop … (ich weiß, Du hast es begriffen, es hat nur so Spaß gemacht!)

Jeden Tag bewegen wir uns in unzähligen Situationen, in denen wir uns anpassen. Dabei hilft uns die gute Erziehung, ein paar Manieren und kulturgesellschaftliche Normen und Konformitäten. Bei dem einen mehr und besser, bei dem anderen – naja. Und was hat das jetzt mit dem Blogger-dings zu tun? Nun, in dem Moment, wo wir überlegen, ein Blog zu schreiben, in dem Moment erschaffen wir automatisch eine neue Identität. Nämlich das Blogger-Ich. Ich denke, wir waren alle gleich aufgeregt, als es endlich mit dem eigenen Blog losging, als wir geplant und geträumt haben. Und wir alle haben vermutlich eine ganze Weile darauf rumgedacht, welches Layout uns gefällt, was wir posten wollen, wie schick das dann hinterher aussieht, wie man das Blog noch ein bißchen netter, persönlicher, professioneller gestalten könnte. Wir nutzen Apps und Plugins und Widgets und Photoshop … um alles so schön wie möglich aussehen zu lassen. Wir, genau: Lieschen Meier, Jutta Müller, Horst-Günther Striebeck. Wir denken uns ganz tolle Namen für das Blog aus, wenn wir nicht selber schon mit Hollywood-reifen Namen gesegnet wurden. Und wozu der ganze Aufstand? Weil wir uns nett und ansprechend und einladend präsentieren wollen. Jeder macht das. Und dazu gehört eben auch das Blogger-Ich, unsere Autorenidentität.

Wenden wir uns nun einmal kurz der anderen Seite des Blogs zu, dem Leser. Was wäre ein Blog ohne Leser?

Vielleicht ein bißchen einsam und total sinnlos. Also gilt es, mit dem Blog Leser zu gewinnen und zu halten. Das sind am Anfang noch Mutti und Onkel Dieter und die beste Freundin und unsere Nachbarin. Aber auf magische Weise zieht das Blog immer größere Kreise und es lesen nicht mehr nur Leute aus unserer Straße, aus unserer Stadt, da klickt plötzlich jemand aus Timbuktu, aus Island und Amerika. Wenn wir nicht schon persönlich da waren, dann wissen wir zwar, daß es Amerika und Island grundsätzlich und ersteres laut Kolumbus ganz konkret geben muß, der Beweis folgt aber erst als Kommentar unter einem Artikel, als Like bei Pinterest. Casey McIntosh aus Minnesota hat uns besucht. WOW und – upps. Wir teilen, was auch immer wir geschrieben und gepostet haben, mit wildfremden Menschen, die sich aufgrund unserer Beiträge ein Bild von uns machen. Nun, vielleicht ist es mir schnurzpiepsegal, was Casey aus Minnesota von mir hält, aber unser Blogger-Ich ist eine öffentliche Person und je nach Blog sogar ein Blogger-VIP. Wir haben so viel Zeit, Energie und Kreativität in unser Blog gesteckt, warum sollten wir dann bei uns selber halt machen?

Wir sind also wieder bei unserem Blogger-Ich gelandet. Wer wollen wir sein, wie wollen wir uns präsentieren? Nun mag bei manchem der Gedanke aufkommen, daß das dann vielleicht nicht echt ist? Nein, es ist schon echt. Es ist nur reflektiert und selektiv: Stellen wir uns eine Weihnachtsfeier, einen Empfang, einen Kongress vor. Ihr seid dort als Kollege, als Redner oder Gast und werdet fremden Leuten, Geschäftskollegen, der Frau vom Betriebsrat, dem Harvardprofessor vorgestellt. Wie zeigt Ihr Euch? „Boah, ey, krass Alter, Harvard, sachste??!!“ Wenn ihr damit extrem authentisch bleibt, ja, ansonsten…?

Es geht darum, daß wir nicht jedem unsere ungeschminkte Montagmorgenpersönlichkeit offenbaren, sondern in den Fällen doch eher auf ein Sonntagssein zurückgreifen. Da unsere Leser nicht direkt von Auge zu Nase vor uns sitzen, sind sie ein (ziemliches) Stück weit anonym. Und so anonym läßt sich manches leichter aussprechen, verleitet aber auch dazu, intime Grenzen zu überschreiten, derer man sich vielleicht gar nicht bewußt ist. In modernen Fantasyfilmen zum Beispiel wird gerne mit diesem Klischee gespielt: ein extrem adipöser, leicht perverser Kerl schlüpft über Computer in die Rolle einer supersexy Blondine … ( Bilder, die wir jetzt nicht in unserem Kopf behalten wollen).

Mit unserem Blog haben wir eine Blogger-Identität geschaffen. Wir sind das Gesicht dahinter. Und unsere Leser sind neugierig. Neugierig auf das, was wir schreiben, vorstellen, posten, aber auch auf den Privatmensch dahinter. Habe ich einen sehr privaten Blog … Reihenaus, Meerschweinchen, die Geburtstagsparty von Onkel Dieter … dann mag man sich die eine oder andere Freiheit erlauben. Aber die meisten bloggen für eine sehr große Anzahl von Lesern. Das Ding mit den Sponsoren ist uns ja im letzten Kapitel schon über den Weg gelaufen. Und auch, wenn das nicht zwangsläufig hauptberuflich stattfindet, bedeutet das, wir sind öffentlich. Und das bringt uns zu den „Über mich“-Seiten. Bei Bloggern ein gefürchtetes Gespenst. Was soll ich über mich erzählen? Öhhh, ähhh, jaaaa – kicher.

Eigentlich erfährt der Leser ja eine große Menge über Euch (und auch mich) über die Texte, die Bilder, das Layout. Aber weil das ja die Sonntagspersönlichkeit ist, möchte unser Leser auch noch ein Paparazzi-Photo von uns, ungeschminkt, mit Bad-Hair-Day, im Supermarkt haben. So mal in Bildern gesprochen. Er möchte wissen, wie es hinter der kreativen Blogfassade aussieht. Das schafft Nähe und Identifikationsmöglichkeiten für den Leser, der Euch als Blogger, als etwas Besonderes, als Persönlichkeit, als Blogger-VIP, als Blogger-Prominenz wahrnimmt. Ich sage dazu ja gerne: „Wenn Prinz Charles pupst, stinkt das auch nicht besser!“ Also gönnen wir ihm (dem Leser, nicht Prinz Charles) den Spaß und plaudern aus dem Nähkästchen. Aber mit Bedacht! Man kann so eine “Über-mich”-Seite ganz individuell und so episch gestalten, wie man mag. Ich habe beim Stöbern viele nette Ideen gesehen. Ob eher anonym oder die ganze Lebensgeschichte und Photos im Schlafanzug.

Wo setzt Ihr Eure Grenze, welches Bild wollt Ihr vermitteln?

Der Leser vermutet nämlich, wenn er mehr Privates oder Motivation und Beweggründe des Autors (des Blogger-Ichs) erfahren würde, würde er das Blog anders wahrnehmen, könnte er noch mehr aus dem Inhalt herausziehen. In der Literaturwissenschaft spricht man von Konzeptionsgeschichte. Was war rund um den Autor los: kulturhistorische und politische Situationen, persönliche Situation, Freunde, Familie, Vorbilder, Konflikte, Entwicklung, Einflüsse … (all das hat Konsequenzen auf das künstlerische Werk und ich frage mich, was da bei Christo schief gelaufen ist, daß er alles und jeden einwickelt …).

Als Autor vertrete ich persönlich die Ansicht, daß meine Texte für sich sprechen und ich darin und über sie mit dem Leser kommuniziere. Das setzt allerdings voraus, daß sich der Leser auch etwas intensiver mit meinem Text beschäftigt. Was wiederum von der Qualität des Textes abhängt.
Anders gesagt: je besser die Texte, umso weniger brauche ich ein „Über-mich“, um das Blog mit Leben zu füllen. Auf der anderen Seite, je besser das Blog, umso mehr möchten meine Leser sich mit mir identifizieren, mich genauer kennenlernen. Denn dann gehört mein Blogger-Ich zu ihrem Leben, so wie ein Charakter aus einem Buch oder einer Soap.

Es ist also sehr wichtig für uns, zu wissen, wie wir uns präsentieren wollen, und was wir mit unseren Lesern teilen wollen. Damit unsere Leser genau das erfahren, was sie wissen müssen, um unsere Inhalte (weitestgehend) in unserem Sinne zu verstehen.

Nehmt Euch doch einmal etwas Zeit und überlegt, wie Ihr von Euren Lesern gesehen und wahrgenommen werden wollt. Vielleicht wollt Ihr das auch aufschreiben? Ganz zwanglos und wie ein Brainstorming. Schmeißt mal ein paar Eigenschaften in den Raum: kreativ, lustig, chaotisch, modebewußt, kompetent, niedlich, vorbildlich …

In dem Ihr Euch mit Eurer Blogger-Identität auseinandersetzt und der Frage nach Selbst- und Fremdwahrnehmung über das Blog, schärft Ihr Eure Sinne für Inhalte und Intention.

Was ist meine Aussage, was vermitteln meine Inhalte. Aber auch als Leser seht Ihr Blogs anders. Nicht zwangsläufig im negativen Sinne kritisch, sondern vielmehr bewußter und unter eben diesen Gesichtspunkten.
„Über-mich“-Seiten oder „About“-Seiten sind nur ein kleines Puzzlestück in unserem Gesamtkonzept Blog. Aber auch dieser Teil sollte bedacht werden. Wir sollten uns (schon wieder) bewußt machen, wie wir wahrgenommen werden wollen, welche Wahrnehmungserwartung wir also an unsere Umwelt stellen. Und wir sollten auch ebenso bewußt überlegen, wer unsere Leser sind, was sie von uns erwarten und wissen wollen. Und danach richten wir die „About“-Seite ein.

Wir teilen persönliche Informationen, die wir bereit sind, mit jedem unserer Leser zu teilen und die unser Blogger-Ich widerspiegeln und repräsentieren. In der Werbung haut man dem Kunden das Wort „Corporate Identity“ um die Ohren. Gesamtauftritt aus einem Guss. So erst werden und bleiben wir authentisch und ehrlich. Und das ist ja das, was Blogs so erfolgreich macht.


Damit Ihr aber nun nicht in multiple Blogger-Persönlichkeiten verfallt, habe ich mir eine, wie ich finde, ganz prima Übung für diesen Monat ausgedacht, von der ich denke, daß sie Euch ganz besonders viel Spaß machen wird.

Und hier kommt die neue Übung für diesen Monat: Schreibe eine About-Seite („Über-mich“-Seite) für das fiktive Blog „ Süße Träume“ von (der ebenfalls fiktiven) Marlene oder „Schnapp-Schuss“ von Bernhard. Alles ist möglich!


Eine Übersicht über alle Kapitel des little blogshop findest Du HIER.