little blog-shop | Adverbien, Freund oder Feind?

Die Adver­bi­en … frü­her oder spä­ter krie­gen sie Dich. Das heißt, wir krie­gen es mit ihnen zu tun und müs­sen uns über­le­gen, auf wel­cher Sei­te wir ste­hen. Adver­bi­en wer­den als Umstands­wör­ter bezeich­net, die den Inhalt eines Sat­zes ergän­zen, in dem sie Gescheh­nis­se, Ver­hält­nis­se, Ereig­nis­se näher beschrei­ben, also die Fra­gen Wo/Wann/Warum/Wie beant­wor­ten.
Adver­bi­en las­sen sich in
• Lokal­ad­ver­bi­en (Wo/Wohin/Woher): hier, drau­ßen, rechts, dort, vorn, irgend­wo, neben, über, unter, hin­ter, dies­seits, längs­seits, jen­seits …
• Tem­po­ral­ad­ver­bi­en (Wann): damals, nach­her, spä­ter, mor­gen, über­mor­gen, ges­tern, bald, bis­her, sofort, oft, manch­mal, end­lich, täg­lich, inzwi­schen, neu­lich…
• Kau­sa­lad­ver­bi­en (Wieso/Weshalb/Warum): näm­lich, sonst, den­noch, des­halb, also, dar­um, trotz­dem, sicher­heits­hal­ber, folg­lich, somit, weil…
• Moda­lad­ver­bi­en (Wie/Wie sehr/ Wie viel): viel­leicht, ger­ne, lei­der, äußerst, hof­fent­lich, kaum, so, wirk­lich, anders, mög­li­cher­wei­se, eben­falls, kaum …
ein­tei­len. Sie sind nicht flek­tier­bar und eini­ge weni­ge las­sen sich stei­gern.

Im Zusam­men­hang mit Adver­bi­en muß man auch Adjek­ti­ve betrach­ten. Ich habe noch „Adjek­ti­ve = Wie-Wör­ter“ gelernt. Adjek­ti­ve beschrei­ben, wie etwas ist. Man kann sie stei­gern (schön, schö­ner, am schöns­ten) und sie sind flek­tier­bar (also pas­sen sich dem Kasus an: Nomi­na­tiv = Wer/Was, Geni­tiv = Wes­sen, Dativ = Wem, Akku­sa­tiv = Wer/Was → die schö­ne Welt, der schö­nen Welt, der schö­nen Welt, die schö­ne Welt).
Schön, weit, lang, ein­fach, schnell, grob, lus­tig, grün …
Fei­er­lich, schmut­zig, traum­haft, müh­sam, blu­mig … – aus Sub­stan­ti­ven gebil­det.
Lös­bar, schweig­sam, fra­gend, erseh­nend … – aus Ver­ben gebil­det.

Eine Abgrenzungsregel zu Adverbien ist folgende:
Adverbien stehen beim Verb, Adjektive beim Substantiv.
Leider haut das nicht immer hin und in dem unten aufgeführten Artikel* gibt es dafür auch ein schönes Beispiel. Hier kommt meins:

  1. Das gute Bügel­eisen gefiel.
  2. Das Bügel­eisen bügelt gut.
  3. Das Bügel­eisen ist gut.

Adjek­ti­ve kön­nen als attri­bu­ti­ve Adjek­ti­ve ganz stink­nor­mal benutzt wer­den (Satz 1). ABER eben auch als adver­bia­les Adjek­tiv (Satz 2) und da klappt es nicht mehr mit der Regel, weil das Adjek­tiv wie ein Adverb nun beim Verb steht. Die drit­te Mög­lich­keit ist das prä­di­ka­ti­ve Adjek­tiv (mit „sein“ als Hilfs­verb, Satz 3).

Soviel und auch nicht mehr zu den tech­ni­schen Details und Tücken!
In der Lite­ra­tur und im Krea­ti­ven Schrei­ben ist es nun so, daß Adver­bi­en ganz, ganz böse sind. Umstands­wort = umständ­lich. Sie deh­nen den Satz und die Aus­sa­ge wie Kau­gum­mi. Und das führt dazu, daß die Span­nung flö­ten geht, die Auf­merk­sam­keit des Lesers ermü­det und der rote Faden, der Hand­lungs­strang, der Span­nungs­bo­gen unter der Last der Adver­bi­en zusam­men­bricht.

In der Lite­ra­tur, in einer Geschich­te führt der Autor den Leser vom Beginn zum Ende. Der Leser soll natür­lich bei der Stan­ge blei­ben und sich des­we­gen mit den Cha­rak­te­ren iden­ti­fi­zie­ren, sie ableh­nen, sie mögen, sich inter­es­sie­ren und in jedem Fall eine Bezie­hung zu ihnen auf­bau­en. Das hat immer dann beson­ders gut geklappt, wenn wir auf der letz­ten Sei­te ganz trau­rig sind, weil die Geschich­te (das Buch) nun zu Ende ist. Adver­bi­en und Adjek­ti­ve kön­nen uns hel­fen, eine Situa­ti­on näher zu erklä­ren, die Hand­lung plas­ti­scher zu gestal­ten und die Umstän­de (!) zu erläu­tern. Sie kön­nen aber auch Offen­sicht­li­ches wie­der­ge­ben und damit die Phan­ta­sie des Lesers im Keim ersti­cken und ihn lang­wei­len.

Bei­spiel: Hei­ßer Dampf trat stoß­wei­se aus dem Bügel­eisen, als sie ent­schlos­sen den zer­knit­ter­ten Hemd­kra­gen auf dem Bügel­brett aus­brei­te­te.
Wenn aus einem Bügel­eisen Dampf aus­tritt, ist anzu­neh­men, daß er heiß ist. Mer­ke: „heiß“ ist böse – strei­chen! Bei nor­ma­len Bügel­eisen tritt der Dampf stoß­wei­se aus. Aber ist das für die Geschich­te von Bedeu­tung?? Und wenn ja, war­um??? Kei­ne Ant­wort? Weg damit!

Bei dem „zer­knit­ter­ten Hemd­kra­gen“ sieht es schon anders aus. Der Hemd­kra­gen sagt uns, daß es einem Trä­ger, Kom­ma männ­lich, gehört. Das könn­te wich­tig sein. Ist der Trä­ger Teil der Geschich­te? Ist es ein Hin­weis auf die emo­tio­na­le Ver­fas­sung der bügeln­den Frau? Erzählt es uns etwas über die Bezie­hung zwi­schen den bei­den? Das „zer­knit­tert“ muß hin­ter­fragt wer­den. Ist es für die Geschich­te wich­tig, daß es zer­knit­tert ist? Ist es eine Meta­pher und steht in engem Zusam­men­hang mit der Geschich­te? Oder ist es nur ein über­flüs­si­ges Detail, denn war­um sonst soll­te jemand einen Hemd­kra­gen bügeln, wenn er nicht eben „zer­knit­tert“ ist?

Viel span­nen­der wäre doch die Tat­sa­che, einen tadel­lo­sen Kra­gen zu bügeln, weil wie uns dann fra­gen, WARUM?! Und was ist mit „ent­schlos­sen“? Geht die­se Hand­lungs­dy­na­mik bereits aus der Situa­ti­on her­vor, dann kann man es getrost strei­chen. Ist es wich­tig für den Span­nungs­bo­gen, für die Geschich­te? Brau­chen wir wirk­lich Ent­schlos­sen­heit an die­ser Stel­le?

Mer­ke: Der Gebrauch von Adverbien/Adjektiven will wohl über­legt sein.

Infodumping und Show, don’t tell.

Wir bekom­men jedes Detail beschrie­ben, ob wir nun wol­len oder nicht. Das ist Info­dum­ping. Oft pas­siert das zu Beginn einer Geschich­te und der Leser kriegt ein Back­ground­brie­fing anstel­le von span­nen­der Hand­lung, durch das er sich erst müh­sam durch­le­sen muss. Ganz wun­der­ba­re Bei­spie­le habe ich in dem Buch von Susan Eli­sa­beth Phil­lips, Küss mich, wenn Du kannst (ja, es war ein Geschenk) gefun­den. Und die eigent­li­che Dra­ma­tik liegt dar­in, daß ich das Buch an will­kür­li­chen Stel­len auf­ge­schla­gen habe und immer und sofort einen Satz gefun­den habe, der als Bei­spiel taugt. „Er trug ein lan­gär­me­li­ges gelb­lich grau­es Sei­den­hemd und eine pas­sen­de Hose aus die­sen Mikro­fa­sern, die sich bei jeder Bewe­gung an sei­ne Bei­ne schmiegten.“(S. 192) „… ein prei­sel­beer­far­be­nes Baum­woll-Twin­set und Ber­mu­das“ (S. 210), „…mit dem gel­ben Band ihrer Gänseblümchen-Swatch-Uhr.“(S. 212 ) „Die Base­ball­kap­pe saß so tief über den Ohren, dass nur die locki­gen Enden der blon­den Haa­re her­vor­lug­ten.“ (S.234)
Dabei stol­per­te ich über ein ande­res Pro­blem, mit dem sich Autoren rum­schla­gen müs­sen: Show, don’t tell. „Sobald Ray sei­ne dün­nen, über den Ober­kopf gekämm­ten Haa­re los­ge­wor­den war, hat­te er auch sein Ver­hal­ten geän­dert und sich als wirk­lich net­ter Typ ent­puppt.“ (S. 346).
Mal abge­se­hen davon, daß hier in epi­scher Brei­te über die Haa­re und ihre Kämm­rich­tung phi­lo­so­phiert wird, wird uns sei­ne Cha­rak­ter­ent­wick­lung auf dem Sil­ber­ta­blett ser­viert. Offen­sicht­lich war er mal doof, jetzt ist er nett.

Ent­we­der ist dies die Zusam­men­fas­sung sei­ner Ent­wick­lung in der Geschich­te, dann wis­sen wir das bereits, denn als Leser waren wir ja dabei. Also total über­flüs­sig, weil gäh­nend lang­wei­lig. Wenn wir aber nicht dabei waren, wenn wir das ein­fach so gesagt bekom­men, dann fra­ge ich mich, war­um hat er sich geän­dert und wie­so sind wir nicht dabei gewe­sen???

Hat­te die Autorin kei­ne Lust, die­se Ent­wick­lung in der Geschich­te zu erzäh­len, war es nicht wich­tig, war­um dann über­haupt dar­über schrei­ben oder hält sie uns, die Leser, für so blöd, daß uns so eine Ent­wick­lung nicht auf­ge­fal­len wäre und wir sie nicht erkannt hät­ten?

Die Idee dahin­ter ist jedoch gut: Mit dem Weg­fall der scheuß­li­chen Haa­re ver­liert auch der Prot­ago­nist sei­ne unsym­pa­thi­schen Cha­rak­ter­zü­ge. Show, don’t tell bedeu­tet aber, dies zu zei­gen. Also sei­ne Wand­lung in Hand­lung zu trans­fe­rie­ren. Durch die Din­ge, die er in der Geschich­te tut, die er sagt, Dia­lo­ge, Inter­ak­ti­on mit ande­ren Per­so­nen, Gegen­stän­den. Das ist natür­lich etwas müh­sa­mer als: „Er war ja mal doof, jetzt isser pri­ma“.

Show, don’t tell pro­du­ziert aber auch in gewis­ser Wei­se ein Dilem­ma. Zei­gen bedeu­tet, kon­kret und im Detail zu schrei­ben, Stim­mun­gen und Gefüh­le zu trans­por­tie­ren, den Moment aus­zu­schmü­cken, einen inhalt­li­chen Schwer­punkt set­zen, damit er für den Leser greif­bar, bild­lich und per­sön­lich wird. Und das ermög­li­chen wie­der­um Adver­bi­en und Adjek­ti­ve:
Sie trug eine gel­be Jacke.
Pene­lo­pe trug aus­ge­rech­net die son­nen­blu­men­far­be­ne Cha­nel-Jacke aus der Vor­jah­res­kol­lek­ti­on.
Aus­ge­rech­net Pene­lo­pe trug die son­nen­blu­men­far­be­ne Cha­nel-Jacke aus der Vor­jah­res­kol­lek­ti­on.
Pene­lo­pe trug die son­nen­blu­men­far­be­ne Cha­nel-Jacke, aus­ge­rech­net aus der Vor­jah­res­kol­lek­ti­on.

Das rich­ti­ge Adverb/Adjektiv zum rich­ti­gen Zeit­punkt zu schrei­ben, erfor­dert vom Autor Gespür für die Situa­ti­on. Wo set­ze ich ein inhalt­li­ches Aus­ru­fe­zei­chen? Wass will ich beto­nen, her­aus­stel­len? Die­ses Gespür zu ent­wi­ckeln erfor­dert Übung. Übung ent­steht durch … Lesen … und Schrei­ben. Und dem Schrei­ben muß der Autor Zeit wid­men. Des­we­gen lohnt sich auch das Lie­gen­las­sen und ein neu­er, fri­scher Blick auf den Text.

Wir knüpfen an dieser Stelle nahtlos an das vorletzte Kapitel an.

Lang­wei­li­ge und lang­at­mi­ge Sät­ze ent­ste­hen durch zu viel AA. Inter­es­san­te, span­nen­de Sät­ze brau­chen a) kein AA, weil es aus dem Kon­text bereits her­vor­geht oder b) bekom­men ein wirk­lich gewoll­tes AA zur Inhalts­ver­stär­kung.

Blog­ger­nut­zen: spar­sa­me und effi­zi­en­te Nut­zung von Adver­bi­en macht den Text schlan­ker, erhöht die Lese­auf­merk­sam­keit, regt die Phan­ta­sie des Lesers an und ver­hin­dert lang­at­mi­ges Schwa­feln.

Deine Aufgabe:
Wähle ein paar Fremdtexte aus (Werbeanzeige, Zeitschriftenartikel, Romanseite … was fällt Dir noch ein?) und unterstreiche alle Adverbien/Adjektive (z.B. Rot für Adverbien und Grün für Adjektive). Was fällt Dir auf, was gefällt Dir oder gefällt Dir nicht?
Beschreibe kurz Deinen Eindruck.
Nimm Deinen ersten Übungstext (Champagner, Whiskey, Käse) und markiere alle Adverbien/Adjektive. Welche würdest/könntest Du löschen? Speicher den bearbeiteten Text neu ab, damit die alte Version erhalten bleibt!
Was fällt Dir auf? Beschreibe kurz Deinen Eindruck. Wenn Du magst, poste die alte und neue Version zusammen.


  • Duden. Gram­ma­tik. (Hier wer­den Adver­bi­en und Adjek­ti­ve und deren Bil­dung aus ande­ren Wör­ten dezi­diert beschrie­ben)
  • Pahlow, Hei­ke. Deut­sche Gram­ma­tik. Ein­fach, kom­pe­tent und über­sicht­lich. Engels­dor­fer Ver­lag. Leip­zig 2010. (Basis­wis­sen Gram­ma­tik, eigent­lich für Schü­ler gedacht. Sehr schön über­sicht­lich und ein­fach erklärt!)
  • Phil­lips, Susan Eli­sa­beth. Küss mich, wenn Du kannst. Blan­va­let Ver­lag 2005.

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