little blog.shop 9. Kapitel 15. Juni 2013

www.little-edition.deEigener Stil und Profil

Bloggen ist eine Abenteuerreise. Alles Bloggen fängt damit an, daß man etwas hat, was man anderen zeigen, mit anderen teilen möchte. Viele Blogger haben davor bereits fleißig Blogs gelesen und gedacht: das möchte ich auch machen. Und dann haben sie einfach angefangen.
So ein Blog wächst und entwickelt sich im Laufe der Zeit und es gehört auch eine Portion Durchhaltevermögen dazu. Und viele Blogger machen die gleiche Erfahrung wie Autoren. Das Schreiben entwickelt sich weiter. Die ersten Posts möchte mancher verschämt löschen oder hofft, daß sie dann doch zugunsten der neuesten Ergüsse vergessen werden.
Der eigene Stil hat sich im Laufe hunderter Posts, Monate und Jahre des Bloggens herauskristallisiert, entwickelt, etabliert. Ein Prozess, der weitestgehend unbemerkt und auch unbewußt abläuft. Und dann fragt sich der eine Blogger, ob er überhaupt einen eigenen Stil hat, andere suchen noch und dritte fragen sich, wie man dem überhaupt auf die Spur kommen soll.
Eine typische Falle ist einfaches Kopieren des Stils, den man selber gut findet. Das rächt sich schnell, weil bloßes Abkupfern auf den Leser seltsam leer wirkt. Individuelle Merkmale des Bloggers werden vom Leser nicht erkannt, weil sie nicht da sind. Und das hinterläßt dann einen schalen Geschmack. Kopieren ist Blog-Botox. Der Blog ist in seiner Präsentation beliebig, austauschbar, inhaltsleere Fassade ohne Persönlichkeit.
Formale Satzstrukturen, häufig verwendete Wörter, rhetorische Stilmittel sind Zutaten, aus denen das individuelle Profil zusammen gerührt wird.
Die formalen Satzstrukturen haben wir ein wenig in dem Kapitel über die Satzlängen kennengelernt. In der Tiefe der Satzlängen lauert allerdings schon wieder der unbeliebte Sprachwissenschaftler, der mit dem linguistischen Finger in der Wunde aus Relativsätzen, verbundenen Hauptsätzen oder nachgestellten Satzergänzungen bohrt. Wer seinen Schreibstil chirurgisch präzise sezieren will, der kommt nicht umhin, sich mit Satzbau zu beschäftigen. Das Wissen um Satzglieder befähigt uns, präzise Sätze zu bilden und lange Sätze zu kürzen. Durch geschickte Anordnung der Satzglieder werden Information gebündelt, strukturierter formuliert und inhaltliche Schwerpunkte gesetzt.
Das Auto, dessen Vergaser von Onkel Rudi eher semiprofessionell repariert wurde, fuhr mit einem lauten Knall am Haus vorbei, so daß Oma Louise vor Schreck die Teetasse herunter fiel.
Oma Louise fiel vor Schreck die Teetasse herunter, weil das von Onkel Rudi eher semiprofessionell am Vergaser reparierte Auto mit einem lauten Knall am Haus vorbei fuhr.
Onkel Rudi reparierte das Auto semiprofessionell an Vergaser, so daß das Auto mit einem lauten Knall am Haus vorbei fuhr und Oma Louise die Teetasse vor Schreck herunter fiel.
Der semiprofessionell von Onkel Rudi reparierte Vergaser ließ das Auto mit einem lauten Knall am Haus vorbeifahren und Oma Louise fiel vor Schreck die Teetasse herunter.
Dies sind einige Beispiele, wie man durch unterschiedliche Satzstellungen Inhalte verschieden gewichtet, und damit auch eine ganz differenzierte Atmosphäre schafft. Ganz abgesehen davon hören sie sich holperig und zu lang an, im wahrsten Sinne konstruiert. Also kürzen und/oder zwei Sätze bilden, abhängig davon, welche Geschichte ich erzählen will. Nach dem gleichen Prinzip funktionierte übrigens die Satzreihe mit Penelope aus dem Kapitel über Adjektive und Adverbien. Dort war es ein einziges Adverb, welches über seine Position im Satz über die Intention entschieden hat.
Häufig verwendete Wörter sind entweder Lieblingswörter des Autoren oder tauchen immer wieder mangels Alternativen auf. Alternativen nennt man Synonyme. Wörter mit ähnlicher oder gleicher Bedeutung, die jedoch auf den Kontext bezogen ganz unterschiedliche Wirkungen haben können.
Lieblingswörter können als Running-Gag SPARSAM eingesetzt werden und so zu einem erhöhten Wiedererkennungswert führen. In der Serie „How I met your mother“ sagt der Charakter Barney in schönster Regelmäßigkeit „legen- … warte, es kommt gleich … där“.
Synonyme kann man sich erarbeiten. Zum Beispiel selber Listen anlegen. Für externe Anregung gibt es Synonymwörterbücher von Duden oder den Dornseiff.
Bei der Verwendung von Synonymen gibt es zwei Ansätze.
1. Ich möchte das gleiche Wort nicht wieder benutzen.
2. Ich möchte durch den gezielten Gebrauch eines Synonyms die Geschichte voranbringen, eine bestimmte Atmosphäre erzeugen, eine ganz bestimmte Aussage machen, einen Aspekt betonen.
Beispiel: Gehen = laufen, rennen, hüpfen, schluren, tapsen, jagen, trodden, trödeln, trudeln, kriechen, trippeln, marschieren, schreiten, flanieren, spazieren, springen, hopsen, eilen, gleiten, schweben, …

Der Gebrauch von Adjektiven und Adverbien in ihrer Quantität und Qualität fällt ebenfalls unter diesen Punkt. Textaufbau, Spannungsbogen, auch das sind Dinge, die wir in den vorher gehenden Kapiteln schon kennengelernt haben.
Den Blog als Marke zu betrachten, führt zur nächsten Ebene. Unabhängig davon, ob er nun rein privat oder als Business daher kommt, verlangt er nach dem USP (Unique Selling Position), dem Alleinstellungsmerkmal. Was ist die persönliche Note, was unterscheidet diesen Blog von tausend anderen Blogs. Warum soll der Leser ausgerechnet hier lesen? Die Antwort lautet, weil der Blog dem Leser etwas bietet, was er woanders nicht bekommt. Das kann sein: Informationen, Unterhaltung, Motivation, Inspiration, Austausch/Kontakt.

Stichwort: Blog-Inzest. Irgendjemand entdeckt die total coole Häkeldecke in Neonfarben und schwupps, hat jeder dritte Blog Häkeldecken, Neonfarben oder etwas artverwandtes auf dem Blog. Oder ein Rezept für die Kiwi-Sahnetorte mit Wodka. Leser sind anspruchsvoll und verwöhnt. Eine neue Idee ist toll, wenn aber der siebzehnte Klodeckel mit Streublümchenmuster angepriesen wird, kommt der gelangweilte und übersättigte Leser so schnell nicht wieder. Geht ein Blog mangels Individualität in der Masse unter, wird knallhart selektiert. Persönlichkeit gewinnt.
Die gute Nachricht: was in der Evolution funktioniert, klappt auch beim Bloggen. Populationsnischen entdecken.

Diese Überlebensstrategie ist einfach, aber nicht leicht.
Denn dazu muß man erst einmal herausfinden, wo die eigene Nische sein könnte, was man selber besonders gut kann, was bei einem selber anders ist, als bei den anderen. Und das ist exakt der Weg, um das Alleinstellungsmerkmal zu bestimmen. Können wir dies benennen und dann im Blog durch unseren eigenen Stil umsetzen, dann können wir Leser aufmerksam machen, für unser Blog interessieren und auch als Leser halten.
Denn dann haben wir etwas gefunden, was der Leser eben nur bei uns findet.
Beginnen wir mit einer Bestandsaufnahme.
1. Wenn ich erst mit dem Bloggen anfangen möchte, ist dies natürlich auch die erste Frage: Worüber will/kann ich bloggen? Blogge ich bereits, wird die Frage umgestellt: Was sind meine Themen?
2. Im zweiten Schritt schaue ich mir meine Posts an. Was ist bei allen gleich, was verbindet sie? Was fällt auf, was fällt unter Umständen auch total aus der Reihe? Was gefällt mir noch nicht, wo sehe ich Potential, an dem ich noch arbeiten will. Gibt es Projekte, an die ich mich noch nicht heran getraut habe – und wenn ja, warum?
3. Im dritten Schritt richten wir den Blick nach außen: Welche Blogs gefallen mir, haben mich motiviert, selber zu bloggen. Was gefällt mir an diesen Blogs, was finde ich interessant, sympathisch, inspirierend. Was gefällt mir vielleicht auch nicht oder nicht mehr?
4. Ich gehe davon aus, daß Du jetzt mehrere Listen mit Antworten hast. In diesem Schritt vergleichst Du deine Listen. Was gefällt mir bei anderen, was davon taucht auch bei mir auf. Inwieweit unterscheidet sich mein Blog von meinen Vorbildern, was ist bei mir anders.
Ich denke, eine kleine Pause wäre nicht schlecht, es wird Zeit, ein bißchen Spaß zu haben! Und dazu gibt es ein paar Mit-Mach-Links. Das Grundprinzip dahinter ist folgendes: Du nimmst einen oder auch mehrere Deiner Blogtexte (nacheinander) und fügst sie mit Copy&Paste ein. Vielleicht ist es auch interessant, Deine Workshop-Texte mit alten Posts zu vergleichen, was meinst Du?!
Auf stilversprechend wird mittels einer Analyse der Satz- und Wortlängen sowie Kommata, Textlänge und Füllwörter (na, klingelt das was?) ein Fleschwert generiert, der eine grobe Übersicht gibt, wie banal oder komplex der Text strukturiert ist. Dieser Fleschwert kann durchaus eine Denkanregung sein, um seinen Text nötigenfalls noch einmal zu überarbeiten und seine Schreibe zu hinterfragen! Wie immer: die Mitte macht’s. (Anm.: Der Service wurde 2015 eingestellt. Eine Weiterleitung zu der im Link angegebenen Seite erfolgte.)
Lesbarkeits-Analyse Link: http://www.leichtlesbar.ch/html/

Ein ganz besonderer Spaß ist der folgende Link über die FAZ. Du gibst wieder Deinen Text ein und das Programm sagt Dir, wem der Stil ähnelt. Ich hatte von Charlotte Roche bis Goethe schon alles!
Ich schreibe wie – Link: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/ich-schreibe-wie/stiltest-ich-schreibe-wie-11480570.html

Gewollt provokant kommt das Blablameter daher und schert uns Texter alle über einen Kamm (na, danke schön!) Hier wieder eine recht schonungslose Analyse, wie viel Bla im Text versteckt ist.
Blablameter-Link: http://www.blablameter.de/

 

Es geht weiter.
Den eigenen Stil finden. Dazu braucht man überhaupt erst einmal eigenes Material, mit dem man sich auseinandersetzen kann. Als Bloganfänger bedeutet das, einfach mal fünf bis zehn Posts zu schreiben, ohne sie zu veröffentlichen. Also, mutig und unverdrossen ein paar Übungtexte schreiben, liegen lassen und dann, ein paar Tage später, neu lesen und auch – laut lesen! Eine gute Möglichkeit, einen Blick für den eigenen Stil zu bekommen, die wir sogar schon kennen.
5. Die eigenen Texte laut lesen. Denn dann erst offenbart sich die Sprachmelodie. Nimm Deine Posts und lies sie laut. Unterteile sie in Texte, von denen Du begeistert bist, Texte, die Du „so naja“ fandest und welche, die Du am liebsten löschen würdest. Lies sie laut und vergleiche die Unterschiede, die Du gehört hast. Du könntest sie auch zum Beispiel auf ein Diktiergerät oder Sprachmemo sprechen und ganz aktiv zu- und anhören. Ich schreibe übrigens bewußt sprechen und nicht diktieren! Und dann nimmst Du Beiträge Deiner Vorbilder, also von Blogs, die Du gut findest und liest auch die laut!

Bloggernutzen: Das eigene Profil erkennen und erarbeiten, denn das ist das Werkzeug, mit dem Inhalte transportiert werden und das Bloggerüberleben gesichert wird, so evolutionstechnisch.

Deine Aufgabe zu diesem Kapitel: Beantworte die Fragen und erstelle Listen zu den Punkten 1-4. Probiere die Links aus. Lies verschiedene eigene und fremde Blogposts laut (Punkt 5). Schreibe anschließend einen Beitrag zu dem, was Du herausgefunden hast.
Viel Spaß und spannende Erkenntnisse!!

Und die Übersicht über alle Kapitel findest Du HIER


Duden: Das Synonymwörterbuch: Ein Wörterbuch sinnverwandter Wörter: Band 8. Bibliographisches Institut, Mannheim; Auflage: 5., vollständig überarbeitete Auflage. (15. September 2010)
Dornseiff, Franz: Der deutsche Wortschatz nach Sachgruppen. Walter de Gruyter. Auflage: 8, völlig neu bearb. A. (4. März 2004)

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    1. Ich will diesmal unbedingt wieder mitmachen. Das Thema ist toll, ich habe die Links schon probiert und liege im Mittelfeld. Auch Deine Meinung zu Kopieren oder Imitieren finde ich interessant. Mich schockiert allerdings immer wieder, dass Blogs so populär sind, die meine Meinung nach, kein echtes Content haben.? Inspiration oder wie ich es nenne,das Sammeln von anderen Blogs, Möbeln und Ideen – was ist daran so toll? Bin ich die einzige, die sich darüber wundert. Aber wahrscheinlich bin ich nur neidisch :)

    2. So, Alexandra
      Bist du bereit? Bereit für einen Stripteas?
      DEN habe ich beim 9. Kapitel nämlich hingelegt!
      http://hoetuspoetus.wordpress.com/2013/07/14/bullshit-index-null-komma-nix/

      Einen sonnigen Sonntag und die allerliebsten Grüße von Balkonien
      Katja

    3. DIe Frist läuft doch erst Mitternacht ab, oder? Hier mal ein kleiner Beitrag dazu. http://einzweiterblick.de/2013/07/stil-und-profil-little-blog-shop-9-kapitel-juni-2013/ Viele Grüße Kerstin

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