Kann man so machen, dann isses aber …

little editionMehr Arbeit am Text hat Mehrwert. Denn das rechte Wort am rechten Ort kann Wunder bewirken. Deswegen lohnt sich immer ein Blick auf Synonyme, die Konnotation ist entscheidend. Welche Bilder, Gefühle und Assoziationen möchte ich beim Leser entstehen lassen? Manchmal scheitert es am Textrhythmus, manchmal ist es einfach das falsche Wort und irgendwas am Text kommt einem komisch vor. Irgendwie will er nicht so richtig wirken. Das richtige Medikament in der falschen Dosierung. Wie in diesem Fall einer Praxisvorstellung:

„… In unserer Praxis ist Ihnen genau dies gesichert. Außer einer intensiven und persönlichen Betreuung bieten wir Ihnen: eine kurzfristige Terminvergabe, kurze Wartezeiten in angenehmer Atmosphäre und eine gute Erreichbarkeit außerhalb der Sprechstunden.“

Das Pfusch-Wort ist „außer“ im zweiten Satz. In dieser Konstellation wird „außer“ als Präposition verwendet, welche eine Einschränkung ausdrückt. Eine Sache steht außerhalb oder in einer ausgeklammerten Position/Beziehung zu anderen  Sachverhalten, Personen, Gegebenheiten oder Situationen. (Das sagt der Duden). Inhaltlich drückt „außer“ eine negative Bewertung aus.

Wie zum Beispiel: Außer Keksen gab es nichts zu essen. Keiner hatte das Klingeln gehört, außer Werner, der gleich neben der Tür stand. Außer Dir redet hier niemand. Ähnliches gilt für „abgesehen von“.

Der Autor wollte einen Mehrwert an Leistung demonstrieren, mit dem sich diese Praxis positiv vom Durchschnitt abhebt. Durch ein einfaches Ersetzen von „außer“ durch „neben“ läßt sich dies bereits lösen.

Auch hätte ich mich nicht für die „intensive“ Betreuung im Zusammenhang mit einem normalen Praxisalltag, noch für kurzfristige Terminvergaben gefolgt von kurzen Wartezeiten entschieden. Der Autor möchte betonen, daß der Ablauf sich angenehm vom bekannten durchschnittlichen Praxisalltag abhebt. Der Praxisbesuch als emotionales Ereignis trifft den wunden Punkt, denn der Patient hat ja ein ihn selbst betreffendes medizinisches Anliegen. Beim Lesen sollen Gefühlszustände wie „angenommen sein“, „respektiert werden“, „behandelt werden“ in den Vordergrund rücken. Aufmerksamkeit ist das Schlüsselwort als Erwartungshaltung des Patienten. „Intensiv“ assoziiert hier eine intensiv-medizinische Behandlung, die mir für eine Praxis doch recht aufdringlich vorkommt.

„Kurzfristig“ und „kurz“ geht inhaltlich total in Ordnung, nur – zwei identische Wörter in einem Satz klingen nicht schön. Im zweiten Schritt geht es deswegen um das Schreibhandwerk. So, wie ein Maurer seine Steine versetzt anordnet, damit die Mauer stabil und belastbar ist, steht jeder Satz in direkter Beziehung zu seinen Satznachbarn. Konsequenterweise ergibt sich daraus die Bedingung, daß alle Sätze nahtlos zusammenpassen sollen. Je rhythmischer der Textfluss, umso leichter spricht der Inhalt an. In Kombination mit der intentionalen Wortwahl steigt die Akzeptanz des Lesers und führt so zu einem Kaufwunsch.

Wie ließe sich das nun umsetzen? Da ich zwei Sätze aus einem ganzen Textgefüge herausgenommen habe, und sich Sätze nicht beliebig wie in einem Baukastensystem kombinieren lassen, kann mein Vorschlag nur ein Denkanstoß sein. Konzeptionell müßte man dann schauen, wie sich die neu formulierten Sätze an ihre Nachbarn schmiegen oder reiben, je nachdem…

Mein Vorschlag (unter Einbeziehung der hier nicht zitierten Nachbarsätze):

„Damit Sie sich in unserer Praxis sicher und in guten Händen fühlen, gewährleisten wir eine zeitnahe Terminvergabe, kurze Wartezeiten sowie eine einfache Erreichbarkeit auch außerhalb der Sprechzeiten. Unsere fachkompetente, einfühlsame Betreuung durch ein hochspezialisiertes Team sorgt dabei für ein auf Sie, als Patienten, abgestimmtes Behandlungskonzept und ein vertrauensvolles Behandlungserleben.

Sollte ich hier auch noch mal auf die einzelnen Elemente eingehen?  Ich mach das mal in Stichpunkten:

Inhaltlicher Mehrwert durch …

Qualität: sicher und in guten Händen, gewährleisten, zeitnah, kurz, fachkompetent, hochspezialisier, Behandlungskonzept

Quantität (inhaltlich): und, sowie, ebenso wie, auch außerhalb

Emotion: sicher und in guten Händen, einfühlsam, Betreuung, vertrauensvoll, Behandlungserleben

Ich denke, daß es nicht immer DEN perfekten Satz gibt. Abhängig davon, wo der Autor die inhaltliche Betonung setzt, lassen individuelle Vorlieben und der persönliche Schreibstil Luft für Varianten. Bei einer Sache bin ich mir aber sicher: mehr Spaß beim Lesen durch Mehrarbeit am Text!

 

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