Eve – Das Tattoo

Lese­pro­be

Ich dach­te, dass dies der ver­rück­tes­te Tag in mei­nem Leben war. Und ich dach­te eine Men­ge über die­sen Tag. Aber von der Wahr­heit war ich damals so weit ent­fernt, wie ich jetzt von mei­nem alten Ich ent­fernt bin. Ich bin ich, und ich bin es wie­der­um nicht. Mein altes Ich war … ja, was war ich eigent­lich? Wer war ich über­haupt? Ich hat­te stu­diert, einen mies bezahl­ten Job in einem Steu­er­bü­ro, und zuhau­se war­te­te nur mein Taschen­rech­ner auf mich. Als ich an jenem Diens­tag auf dem Weg in mei­ne klei­ne Woh­nung war, sah ich mein Spie­gel­bild in den Schau­fens­tern von Bou­ti­quen, deren Klei­der ich nie gewagt hät­te zu tra­gen. Ich sah mei­ne brau­nen Haa­re, die streng zu einem Kno­ten gebun­den waren und den grau­en Hosen­an­zug, den ich immer dann trug, wenn der Blaue in der Rei­ni­gung war. Ich sah mei­ne Hän­de, die die schwar­ze Hand­ta­sche umklam­mer­ten und die fla­chen Schu­he, die nicht mal ein Geräusch auf dem Pflas­ter ver­ur­sach­ten. Ich fühl­te mich selbst der­art unschein­bar, dass es mich nicht wun­der­te, dass kaum jemand Notiz von mir nahm, geschwei­ge denn etwas über mich zu erzäh­len gewusst hät­te. Selbst mein Chef schien sich nur dann an mich zu erin­nern, wenn ich mir Urlaub nahm. Ich beschloss, dass sich auf der Stel­le etwas ändern muss­te. Zwei Stra­ßen wei­ter war ein Cof­fee Shop. Einer die­ser Filia­len, deren Aus­wahl an Kaf­fee­spe­zia­li­tä­ten kom­pli­zier­ter als mei­ne Ein­kom­mens­steu­er­erklä­rung ist. Ich ent­schied mich für einen Café Lat­te und stell­te mich mit dem Papp­be­cher an einen Tre­sen am Fens­ter. Drau­ßen war es dun­kel gewor­den. Nicht ein­mal der Mond leuch­te­te über den Dächern. Mein Blick zog gelang­weilt über die grel­le Neon­re­kla­me der Ein­kaufs­stra­ße. Auf dem Nach­hau­se­weg einen Kaf­fee zu trin­ken, war nicht unbe­dingt eine radi­ka­le Maß­nah­me mein Leben zu ver­än­dern. Ich spül­te den letz­ten Schluck run­ter, warf den lee­ren Becher in den Müll­ei­mer und stieß die Laden­tür auf. Mein Blick glitt über die bun­ten Lich­ter und blieb an einem Schild hän­gen, das mir in blas­sem Blau aus einem klei­nen Fens­ter auf der ande­ren Stra­ßen­sei­te ent­ge­gen schim­mer­te. Ohne mir dar­über bewusst zu sein, über­quer­te ich die vier­spu­ri­ge Fahr­bahn. Ein paar Schrit­te wei­ter, in einem klei­nen Innen­hof, lock­te ein klei­ner Tat­too Shop mit einem illu­mi­nier­ten Schrift­zug. Im Schau­fens­ter ent­deck­te ich einen Altar, auf dem Blü­ten und mit Räu­cher­werk gefüll­te Mes­sing­scha­len stan­den. Ich ver­such­te, die Blü­ten­blät­ter zu fokus­sie­ren, aber irgend­wie blieb mein Blick ver­schwom­men. Ich streck­te mei­ne Hand aus und berühr­te zögernd den Griff, der kalt und glatt in mei­ner Hand lag. Seit jenem Abend erin­ne­re ich mich an jedes Detail mei­nes Lebens, als ob ich es wie in einem Buch wie­der und wie­der anschau­en könn­te.
»Na, was darf’s denn sein? Eine hüb­sche Rose auf die Schul­ter oder ein Schrift­zei­chen am Knö­chel?«
Im schum­me­ri­gen Licht einer Lam­pe erkann­te ich einen Asia­ten mit lan­gen, wei­ßen Haa­ren
»Ich – ich weiß es nicht. Ich bin eigent­lich mehr per Zufall her­ein­ge­kom­men.«
»Zufäl­le sind die Momen­te, in denen sich das Leben selbst in die Hand nimmt. Set­zen Sie sich und trin­ken Sie einen Tee mit dem alten Ming Shu.«
Der alte Mann schlurf­te in den hin­te­ren Bereich und kam nach kur­zer Zeit mit zwei damp­fen­den Por­zel­lan­scha­len wie­der, von denen er mir eine reich­te. Inzwi­schen hat­ten sich mei­ne Augen an die Dun­kel­heit gewöhnt. Die Räu­cher­stäb­chen, die einen ent­span­nen­den Duft ver­brei­te­ten, ver­misch­ten sich mit dem her­ben Geruch des Tees.
»Fürch­te nicht die Dämo­nen – fürch­te den Schat­ten ohne See­le.«
»Bit­te? Was für Dämo­nen? Ich glau­be nicht an so was.«
Der alte Mann kicher­te lei­se.
»Ich den­ke, ich möch­te etwas Ein­ma­li­ges haben. Etwas, das nur ich besit­ze.”
“Das Motiv ist die See­le, die dich fin­det, wenn Du sie lässt.«
Ich hat­te kei­ne Ahnung, was der alte Mann mein­te. Aber durch den hei­ßen Tee und den süß­rau­chi­gen Duft wur­de ich müde, wie benom­men. Ich stell­te die Tee­scha­le auf einen Tisch.
»Der Tee schmeckt sehr gut, dan­ke.«
Der alte Chi­ne­se leg­te sei­ne Hän­de über mei­nen Kopf, ohne mein Haar zu berüh­ren. Mir wur­de warm und schwin­de­lig.
»Ver­las­sen Sie Ihre Gedan­ken. Ja, das ist gut.
Ich hör­te das lei­se Klin­gen eines Wind­spiels, obwohl es drau­ßen wind­still war. Der süße, schwe­re Duft in dem klei­nen Raum hüll­te mich ein. Ich lehn­te mich zurück und schloss für einen Moment die Augen. Es war, als hät­te ich mich selbst ver­ges­sen, das Spie­gel­bild, das mich hoff­nungs­los aus den Fens­tern ange­blickt hat­te. Ich hör­te das gleich­mä­ßi­ge Brum­men der Täto­wier­na­deln und fühl­te ein leich­tes Pri­ckeln am Hals, das sich bis hin­ter mein lin­kes Ohr zog. Das Wind­spiel wur­de immer lau­ter, und der auf­ge­kom­me­ne Nebel ver­zog sich so plötz­lich, wie er gekom­men war und mach­te einem laut­lo­sen Regen Platz. Irgend­wie pass­te das alles nicht zusam­men. Solan­ge mein Blick in dem klei­nen Raum ver­weil­te, sah ich die Din­ge trotz der Dun­kel­heit selt­sam klar und scharf kon­tu­riert. Aber drau­ßen schien alles zu ver­schwim­men. Und gleich­zei­tig konn­te ich die Regen­trop­fen klar von­ein­an­der unter­schei­den, als wenn mein Gehirn ganz neue Infor­ma­tio­nen fil­ter­te und zu einem neu­en Bild ver­band. Ich war so ange­nehm müde, und trotz­dem konn­te ich jeden Gedan­ken prä­zi­se auf den Punkt brin­gen. Im Grun­de war es mir in dem Moment egal, war­um die Welt plötz­lich so war, wie sie war. Oder ob sie schon immer so gewe­sen war und ich es nur erst jetzt bemerkt hat­te. Das Geräusch der sur­ren­den Nadeln ver­schwand aus mei­nem Bewusst­sein und ich fühl­te mich selt­sam schwe­re­los.
»Sie sind fer­tig«, hör­te ich den alten Chi­ne­sen schließ­lich sagen.
Ich mur­mel­te ein schläf­ri­ges dan­ke, stand auf und streck­te mei­nen Hals.
Der Chi­ne­se ver­beug­te sich mit einem eigen­ar­ti­gen Lächeln und sag­te: »Der Dämon ist ein Teil Ihrer See­le. Fin­den Sie ihn!«
Ver­wirrt trat ich hin­aus. Der Regen hat­te auf­ge­hört und das Klang­spiel beweg­te sich lei­se tönend, obwohl ich drau­ßen kei­nen Luft­zug wahr­neh­men konn­te. Immer noch benom­men ging ich nach Hau­se und schlief sofort ein.

Am nächs­ten Tag mel­de­te ich mich krank. Ich hat­te mor­gens müde und zer­schla­gen, als o ich einen Kater hät­te, im Bade­zim­mer vor dem Spie­gel gestan­den und mei­nen Augen nicht getraut. Ungläu­big tas­te­te ich nach der Krus­te wäh­rend mei­ne ande­re Hand sich um den Rand des Wasch­be­ckens krall­ten. Auf mei­nem Hals war außer dem getrock­ne­ten Blut nichts zu sehen. Ich griff hilf­los nach Erin­ne­rungs­fet­zen, die kei­nen Sinn erga­ben. Nur der Chi­ne­se und sei­ne Stim­me klan­gen wie ein unheim­li­ches Echo in mir nach. Ent­schlos­sen, den alten Mann zur Rede zu stel­len, stieg ich in ein Taxi, das mich zu der Hof­ein­fahrt brach­te. Obwohl ich direkt davor stand, hat­te ich das beklem­men­de Gefühl, dass die Din­ge nicht so waren, wie sie hät­ten sein sol­len. Erst als die Tür­klin­ke nicht einen Zen­ti­me­ter nach­gab und nur ein ros­ti­ges Schar­ren ertö­nen ließ, begriff ich. Das Fens­ter­glas war blind und schon seit Jah­ren nicht mehr geputzt wor­den. Ich konn­te die Spinn­we­ben und die dicke Staub­schicht erken­nen, unter wel­cher der klei­ne Raum begra­ben lag. Ungläu­big schüt­tel­te ich den Kopf. Wenigs­tens auf Coffee&More war Ver­lass. Der Laden stand tat­säch­lich noch da, wo er am Abend zuvor gestan­den hat­te, und ich bestell­te einen Espres­so.
»Sagen Sie, was ist eigent­lich aus dem Tat­too Shop und dem alten Chi­ne­sen gewor­den?«
Ich ver­such­te, mög­lichst unver­fäng­lich zu klin­gen.
»Tat­too Shop? Wo soll denn der gewe­sen sein?«
Der Besit­zer hin­ter dem Tre­sen hör­te sich gelang­weilt an.
»Na, der klei­ne Laden im Hin­ter­hof gegen­über.«
»Ach, der… Kei­ne Ahnung, der stand schon immer leer. Jeden­falls seit­dem ich hier arbei­te.«
»Oh, dann habe ich das wohl ver­wech­selt.«
Ich bekam eine Gän­se­haut und frag­te mich, ob das viel­leicht alles ein Traum war. Men­schen eil­ten hek­tisch am Schau­fens­ter vor­bei, ein Auto hup­te. Das erschien so nor­mal, so unspek­ta­ku­lär, aber ich emp­fand es als unna­tür­lich und beklem­mend.

Wie­der in mei­ner Woh­nung sah ich, dass mein Anruf­be­ant­wor­ter blink­te, aber ich igno­rier­te ihn. Ich blieb ein­fach zuhau­se, schlief, grü­bel­te nach und tas­te­te nach der ver­schwun­de­nen Täto­wie­rung, deren Bor­ke hart­nä­ckig von ihrer Exis­tenz zeug­te. Ich hat­te mir Piz­za kom­men las­sen und eine Fla­sche Rot­wein. Als der Bote klin­gel­te, schlang ich mir einen dicken Schal um den Hals, der die Bor­ke ver­deck­te.
»Ein­mal die drei­und­vier­zig, wie immer ohne Ancho­vis und einen Chi­an­ti mit Grü­ßen vom Chef.«
»Dan­ke, Emi­lio, Ihr seid die bes­ten«, krächz­te ich und kram­te in mei­nem Porte­mon­naie.
»Som­mer­grip­pe, hm? Gute Bes­se­rung, Eve­lyn.«
»Dan­ke.«
»Tschau, Bel­la.«
Emi­lio zwin­ker­te mir zu. Er zwin­ker­te mir immer zu, aller­dings über­sah ich das geflis­sent­lich. Ich zer­teil­te die Piz­za sorg­fäl­tig in acht Tor­ten­stü­cke, spül­te den Piz­zaschnei­der ab und ent­kork­te den Wein. Der Chi­an­ti aus der Trat­to­ria kam von Alfre­dos Cou­sin aus Luc­ca, das wuss­te ich von Alfre­dos Sohn Emi­lio. Den bekam nicht jeder. Ich pros­te­te Alfre­do inner­lich zu und trank das Glas in einem Zug leer. Mit­ten in der Nacht wach­te ich auf. Ein hel­les Licht blen­de­te mich und ich muss­te blin­zeln. Der Mond stand als gel­be run­de Kugel zum Grei­fen nah vor mei­nem Fens­ter. Mein Mund war tro­cken und ich ging in die Küche, um ein Glas Was­ser zu trin­ken. Wie­der tas­te­te ich nach der Täto­wie­rung, und zu mei­ner Über­ra­schung war die Krus­te ver­schwun­den. Die Haut fühl­te sich glatt und weich an. Ich stell­te das Glas in die Spü­le und schau­te in den Spie­gel. Der Blutschorf war kom­plett abge­heilt, dafür konn­te ich nun ein­deu­tig ein Motiv erken­nen. Das konn­te unmög­lich sein!

Orna­men­ta­le Ran­ken, ver­wo­ben mit Schrift­zei­chen, schie­nen an mei­nem Hals ent­lang zu wach­sen. Ich hat­te das Gefühl, so lang­sam doch den Ver­stand zu ver­lie­ren und floh aus der beklem­men­den Enge mei­ner Woh­nung hin­aus. Ziel­los und doch wie gehetzt irr­te ich durch die Stadt. In der äuße­ren Welt weh­te eine alte Zei­tung über die Stra­ße und eine Fah­ne flat­ter­te wild in einem Wind, den es nicht gab. Mein Blick war selt­sam gestört. Die Kon­tu­ren der Häu­ser ver­schwam­men und gleich­zei­tig sah ich alles mit bei­ßen­der Inten­si­tät. Ich blin­zel­te mehr­mals, aber es änder­te sich nichts. An einer Ecke ent­deck­te ich einen unge­wöhn­li­chen Fri­seur­sa­lon, der offen­bar auch nachts geöff­net hat­te, denn er war hell beleuch­tet. Der Laden hat­te zwei brei­te Türen mit lan­gen Mes­sing­grif­fen, wie ich sie schon mal an einem alten Tabak­la­den gese­hen hat­te. Das Tabak­ge­schäft müss­te eigent­lich auch ganz in der Nähe sein. Ich kann­te es, weil es der ein­zi­ge Laden war, der Aro­m­a­blät­ter für losen Tabak ver­kauf­te. Und ab und zu kauf­te ich mir ein Päck­chen Half­zwa­re und dazu Kir­scharo­ma und dreh­te mir etwas ver­krüp­pelt aus­se­hen­de Ziga­ret­ten. Mein Kol­le­ge Diet­mar zog mich ger­ne damit auf, daß ich mei­ne Ziga­ret­ten nicht dre­hen, son­dern fal­ten wür­de. Eigent­lich hät­te mir der Salon auf­fal­len müs­sen. Ich drück­te bei­de Türen nach innen auf und ging auf eine nie­ren­för­mi­ge The­ke mit tür­kis gemus­ter­ten Flie­sen zu. Eine selt­sam alters­los wir­ken­de Frau mit tou­pier­ten Locken und grel­lem Make-up saß hin­ter der The­ke.
»Na, Süße, was kann ich für dich tun?«
Ihre Stim­me klang rau und ver­braucht.
»Ich has­se mei­ne Haar­far­be!«
Hat­te ich das gera­de wirk­lich gesagt? Ich hat­te mich noch nie für Fri­su­ren oder Haar­far­ben inter­es­siert.
»Kein Pro­blem, Schätz­chen. Was hätt’ste denn ger­ne?«
»Rot. Ein dunk­les Rot, bit­te.«
»Auch noch’n biss­chen Far­be für’s Gesicht, Süße?«
»War­um nicht? Wenn wir schon dabei sind!«
Die Frau stell­te sich als Gisel­le vor, ver­mut­lich ein Name, den sie sich für ihren Job zuge­legt hat­te. Sehr fran­zö­sisch wirk­te sie trotz­dem nicht. Als ich fer­tig geschminkt und fri­siert in den Spie­gel schau­te, starr­te eine frem­de Frau mys­te­ri­ös lächelnd zurück. Mei­ne Haa­re fie­len weich auf mei­ne Schul­tern und leuch­te­ten wie dunk­les Blut. Über­haupt hat­te ich mein altes, unschein­ba­res Ich wie eine Schlan­gen­haut abge­streift, und mein Ver­stand focht einen erbit­ter­ten Kampf gegen den Sog, der mich in die­ses neue Ich zu zie­hen schien. Mei­ne Augen erzähl­ten von einem Leben, das ich nicht kann­te und das mir Angst mach­te. Die Blü­ten­ran­ken waren über mein Schlüs­sel­bein gekro­chen, wäh­rend ein paar lan­ge Trie­be sich mei­ne Hals ent­lang schlän­gel­ten. Das Tat­too wuchs von sel­ber. So was gab es nicht. Ich schluck­te und ver­such­te, mich auf irgend­was Rea­les zu kon­zen­trie­ren. Gisel­le hat­te kein Wort über mei­ne unge­wöhn­li­che Täto­wie­rung ver­lo­ren. Aber dann fiel mir ein, in wel­cher Umge­bung der Laden stand, und dass Täto­wie­run­gen, wel­cher Art auch immer, hier ver­mut­lich nor­mal waren. Viel­leicht konn­te ich sie nach dem alten Chi­ne­sen fra­gen. Gisel­le stand hin­ter mir und starr­te mich eben­falls an. Offen­sicht­lich hat­te auch sie die enor­me Ver­än­de­rung mei­nes Aus­se­hens über­rascht. Spon­tan dreh­te ich mich um.
»Das klingt viel­leicht etwas blöd, aber ich habe mich täto­wie­ren las­sen und das war irgend­wie selt­sam. Viel­leicht kennst Du den Laden ja.«
»Tat­too-Shops gibt es vie­le. Wo wars­te denn?«
»Ein klei­ner Laden mit einem alten Chi­ne­sen. Der Mann hat sehr merk­wür­di­ge Din­ge zu mir gesagt, die ich nicht ver­stan­den habe. Etwas von Dämo­nen und See­len.«
»Nee, Schätz­chen, tut mir leid, aber von dem alten Mann habe ich noch nie gehört.«
Gisel­le klang unbe­tei­ligt, aber etwas in ihrer Stim­me stör­te mich. Bemüht gleich­gül­tig sor­tier­te sie die Bürs­ten in ihrem Fri­seur­wa­gen.
»Er nann­te sich Ming Shu.« Ich ließ den Klang des Namens mit der Erin­ne­rung ver­schmel­zen.
»Gibt es hier auch Jobs?«
»Klar, hori­zon­tal geht immer, aber leg’ dich nicht mit den Mäd­chen hier an.«
»Nein, ich dach­te eher an einen The­ken­job, oder so.«
»So, ja, dann frag’ mal Jim­my im Dark Angels drü­ben und rich­te ihm Grü­ße von mir aus.«
»Ja, dan­ke, das wer­de ich tun.«

Schon von wei­tem sah ich den blau­en Schrift­zug über dem Gebäu­de. Ich schlän­gel­te mich unter den mus­tern­den Bli­cken der bei­den Tür­ste­her in den nur von dif­fu­sem Licht beleuch­te­ten Innen­raum und frag­te an der The­ke nach dem Besit­zer.
»Jim­my ist hin­ten. Willst Du was trin­ken?«
Die Frau schau­te mich mit unver­hoh­le­ner Neu­gier an.
»Dan­ke, nein, im Moment nicht.«
Auch sie wirk­te selt­sam alters­los und gleich­zei­tig unglaub­lich schön. Ich sah mich um. Der Raum war grö­ßer, als es mir im ers­ten Moment vor­ge­kom­men war. Und auch wenn das Licht so gedimmt war, dass man kaum Gesich­ter erken­nen konn­te, bemerk­te ich, dass alle Men­schen hier selt­sam zeit­los und schön aus­sa­hen, wie es mir schon bei Gisel­le auf­ge­fal­len war. Aus dem Dun­kel tauch­te eine hohe Gestalt auf, die direkt auf mich zu kam. Ein Mann mit kur­zen, wei­ßen Haa­ren und schwar­zen Augen, die mich durch­drin­gend ansa­hen. Er wirk­te nicht viel älter als ich und gleich­zei­tig erzähl­te sein ruhi­ger Blick von vie­len geleb­ten Jah­ren.
»Eve, soll­test Du nicht…«
Er guck­te genau­so irri­tiert, wie ich es bei Gisel­le bemerkt hat­te. Und bei­de ver­such­ten die­ses heim­li­che Taxie­ren vor mir zu ver­ber­gen.
»Hal­lo. Ich bin Jim­my. Was kann ich für dich tun?« Er streck­te mir die Hand ent­ge­gen.
»Oh, hal­lo, ich bin – San­dy. Ich soll dir Grü­ße von Gisel­le aus­rich­ten. Ich suche einen Job.«
Mitt­ler­wei­le war ich mir nicht mehr sicher, ob das so eine gute Idee gewe­sen war.
»Gisel­le, ja? Hm… ich könn­te noch eine Tre­sen­kraft gebrau­chen.«
Ich konn­te mich kaum auf sei­ne Stim­me kon­zen­trie­ren, viel­mehr zog mich eine hyp­no­ti­sche Musik in ihren Bann.
»Was pas­siert da?«, frag­te ich zum hin­te­ren Bereich schau­end, wo sich eine Büh­ne mit einer Metall­stan­ge befand.
»Da, mei­ne Lie­be, tan­zen unse­re Engel zu den Rufen der Dämo­nen.«
Schon wie­der. So lang­sam schien das Über­hand zu neh­men.
»Ich glau­be, ich schei­ne ein Pro­blem mit Dämo­nen zu haben.«
»Haben wir das nicht alle?«
»Ich hat­te eigent­lich keins. Bis­her jeden­falls.«
Jim­my hat­te sich auf einen Bar­ho­cker neben mich gesetzt und schob mir ein Glas mit einer kla­ren Flüs­sig­keit hin. Ich moch­te weder Whis­ky noch ande­re har­ten Sachen, aber die­ser Drink schmeck­te ange­nehm mild und gar nicht nach Alko­hol. Den er aber ganz offen­sicht­lich hat­te, denn mir wur­de leicht schwin­de­lig.
»Was ist das?«
»Elder­schnaps, nie pro­biert?«
»Hm, schmeckt gut.«
Ich nahm noch einen tie­fen Schluck und erzähl­te von dem Tat­too-Shop und dem alten Mann und sei­nen kryp­ti­schen Bemer­kun­gen.
»Als ob ich unter Dro­gen gestan­den hät­te und gleich­zei­tig so klar wie noch nie den­ken konn­te.«
Jim­my schau­te mich lan­ge ohne ein Wort zu sagen an. Er erin­ner­te mich an einen jun­gen David Bowie, viel­leicht etwas durch­trai­nier­ter.
»Und Gisel­le hat dich zu mir geschickt?«
»Ja, sie mein­te, dass Du mir viel­leicht wei­ter­hel­fen könn­test.«
»Von dem Chi­ne­sen habe ich noch nie gehört, aber wenn Du willst, kannst Du den Job haben.«
Jim­my hör­te sich so bei­läu­fig an, als ob wir über das Wet­ter geplau­dert hät­ten. Ich hat­te inzwi­schen die neu­gie­ri­gen Bli­cke und das eigen­ar­ti­ge Ver­hal­ten satt. So unge­wöhn­lich sah ich nun auch nicht aus. Ich ging jede Bege­ben­heit im Kopf durch. Die Leu­te hat­ten mich ange­schaut, als wenn sie mich ken­nen wür­den und dann gemerkt hät­ten, dass etwas nicht stimm­te. Mit mir nicht stimm­te. Was war mit mir? War es doch die Täto­wie­rung? Ich fühl­te mich erschöpft und müde und woll­te nur noch ins Bett und schla­fen.
»Okay, mor­gen um glei­che Zeit?«
»Ja – und sag mal, trägst Du immer Anzü­ge oder hast Du noch was ande­res?«
Ich schau­te an mir her­un­ter. Ich trug tat­säch­lich mei­nen Büro­an­zug, was mit den roten Haa­ren und den Dun­kel geschmink­ten Augen total unpas­send aus­sah. Das war es. Die Kom­bi­na­ti­on war echt pein­lich. Kein Wun­der also.
»Ich guck mal, ja? Bis mor­gen dann.«
Ich nick­te Jim­my und dem Mäd­chen hin­ter der The­ke zu und mach­te mich auf den Weg nach Hau­se. Ich hät­te mir gern ein Taxi genom­men, aber die schie­nen in die­ser Nacht mei­ne Stre­cke zu igno­rie­ren. Zu allem Über­fluss begann es auch noch zu reg­nen. Wei­che Regen­trop­fen, die laut­los zu Boden fie­len.

Am Mon­tag wach­te ich mor­gens so ent­spannt auf, wie schon lan­ge nicht mehr. Das Tat­too war ver­schwun­den und ich war mir auch nicht mehr sicher, ob es über­haupt jemals exis­tiert hat­te. Mei­ne roten Haa­re hat­te ich zu einer unauf­fäl­li­gen Fri­sur zusam­men­ge­bun­den. Hat­te ich mir ernst­haft betrun­ken die Haa­re gefärbt? Ich konn­te mich nicht mehr so rich­tig erin­nern und schob das auf die lee­re Wein­fla­sche. So viel zum The­ma Lan­ge­wei­le. Im Büro nuschel­te ich was von einer Magen­ver­stim­mung, aber da ich wie­der zur Arbeit gekom­men war, inter­es­sier­te das nie­man­den so rich­tig. Haupt­sa­che, ich funk­tio­nier­te. Kei­ner erwähn­te mei­ne neue Haar­far­be. Auf mei­nem Schreib­tisch sta­pel­ten sich Ord­ner und Hef­ter. Die unbe­ar­bei­te­ten bil­de­ten Tür­me auf der lin­ken Sei­te des Schreib­ti­sches und auf der rech­ten Sei­te wuchs quä­lend lang­sam ein Sta­pel mit fer­tig bear­bei­te­ten Ord­nern. Ich ver­ließ erst spät und nach allen ande­ren das Büro und nach den gan­zen Steu­er­pa­ra­gra­phen und end­lo­sen Berech­nun­gen hat­te ich das Gefühl, daß alles davor nur ein ver­rück­ter Traum gewe­sen war. Aber dass der Chi­an­ti so rein­ge­hau­en hat­te, hät­te ich nicht gedacht. Viel­leicht hat­te Alfre­dos Cou­sin noch was ande­res außer Trau­ben zu Wein ver­ar­bei­tet.

Ich funk­tio­nier­te wie­der so prä­zi­se wie ein Uhr­werk. Steu­er­be­schei­de von Neun bis Sie­ben, danach Piz­za, eine Tele­no­ve­la – kein Wein. Dann end­lich Wochen­en­de. Es war ein mil­der Som­mer­tag und ich muss­te ganz ein­fach mal raus. Die Son­ne tauch­te die Welt in war­mes, beru­hi­gen­des Licht. Der Lärm der Stadt drang gedämpft durch die Bäu­me des Stadt­parks. Alles war so fried­lich. Müt­ter scho­ben ihre Kin­der­wa­gen durch den Park und ein altes Ehe­paar füt­ter­te Enten. Ich saß auf einer Holz­bank und genoss den Duft des frisch gemäh­ten Rasens, als die Erin­ne­rung an Jim­my und das Dark Angels wie ein Mes­ser­stich in mei­nem Kopf schmerz­te. Mei­ne Fin­ger wan­der­ten am Hals ent­lang. Der fühl­te sich wie immer an. Und außer­dem hat­te ich Kopf- und kei­ne Hals­schmer­zen. Also doch kein gepantsch­ter Wein. Ich war ein­fach nur in einer schrä­gen Bar ver­sackt – nach­dem ich eine gan­ze Fla­sche Wein gelehrt hat­te. Kein Wun­der, dass ich sol­che Aus­set­zer und Erin­ne­rungs­lü­cken hat­te. Seit jenem Abend war ich nicht mehr dort gewe­sen. Ob ich mich dort über­haupt bli­cken las­sen konn­te? Ich beschloss hin­zu­ge­hen, um mich wenigs­tens zu ent­schul­di­gen. Aller­dings hat­te ich auch nicht mehr die Absicht, dort zu arbei­ten, und ich kam mir selbst komisch vor, wie ich auf die­se absur­de Idee hat­te kom­men kön­nen. Jim­my wür­de das hof­fent­lich ver­ste­hen.

Obwohl ich mir sicher war, in wel­cher Stra­ße sich die Bar und der Fri­seur­sa­lon von Gisel­le befan­den, konn­te ich sie nicht mehr fin­den. Jede Stra­ße sah gleich aus mit ihren sand­stein­far­be­nen Häu­sern ohne Num­mern. Schließ­lich stand ich wie­der auf der Haupt­stra­ße, die zum Zen­trum führ­te und sich direkt vor mir gabel­te. Eine spit­ze Häu­ser­schlucht rag­te wie der gewal­ti­ge Bug eines Schif­fes in der Mit­te her­vor. In dem Eck­haus war der Tabak­la­den, den ich von frü­her kann­te. Das Geschäft war geschlos­sen. Ein Schild hing hin­ter der Tür, auf dem die Öff­nungs­zei­ten ver­merkt waren. Ich bekam eine Gän­se­haut. Das Haus war abso­lut iden­tisch mit dem Fri­seur­sa­lon, als ob jemand zwei Bil­der über­ein­an­der gelegt hät­te. Selbst der Tre­sen stand an der glei­chen Stel­le. Nur dass er hier aus dunk­lem Holz gear­bei­tet war. Ich starr­te die Häu­ser­front hoch. Die Son­ne warf nur kur­ze Schat­ten, hier in den Stra­ßen­schluch­ten stau­te sich stau­bi­ge Hit­ze. Außer mir war nie­mand zu sehen. Die fei­nen Här­chen in mei­nem Nacken stell­ten sich auf. Die Erin­ne­rung an den Abend in Jim­mys Bar weck­te eine schmerz­haf­te Sehn­sucht in mir, die ich nicht grei­fen konn­te.

Die Tage ver­gin­gen, und mein altes Leben kam mir noch lang­wei­li­ger und unbe­frie­di­gen­der vor. Tags­über prüf­te ich Steu­er­be­schei­de, und abends lag ich bis in die spä­te Nacht wach und dach­te nach. Es war ein Frei­tag, etwa vier Wochen spä­ter. Ich hat­te mich müde aus dem Büro geschleppt und mich zuhau­se unter die Dusche gestellt. Das war­me Was­ser rann warm über mein Gesicht und an mei­nem Kör­per her­un­ter. Ich griff nach dem Sham­poo, als ein bren­nen­der Schmerz mich aus der woh­li­gen Ent­span­nung riss. Dort, wo das geheim­nis­vol­le Tat­too gewe­sen war, konn­te ich eine wuls­ti­ge Erhe­bung ertas­ten. Ich schob vor­sich­tig mei­ne Haa­re zur Sei­te. An mei­nem Hals, hin­ter dem lin­ken Ohr, pul­sier­te die Far­be in mei­ner Haut. Nur dass es dies­mal kei­ne Ran­ken und Schrift­zei­chen waren, son­dern ein Dra­che, der sich zu bewe­gen schien, je län­ger ich ihn anschau­te. Was zur Höl­le war das? Um mich her­um begann sich alles zu dre­hen und mir wur­de schwarz vor Augen.
Ich erwach­te erst wie­der, als ich durch ein hel­les Licht geweckt wur­de. Wie­der war es der Voll­mond, der mir ins Gesicht schien und ich glaub­te eine Stim­me zu hören, die mei­nen Namen rief. Es war, als wür­de das mys­te­riö­se, neue Ich mich hin­aus in die Nacht zie­hen. Das Erschei­nen der Täto­wie­rung schien kei­ne Bedeu­tung mehr zu haben. Auf dem Weg zum Dark Angels hör­te ich ein Rau­schen wie von hef­ti­gem Wind und die Blät­ter der Bäu­me beweg­ten sich, obwohl kein Luft­hauch zu spü­ren war. Nebel stieg aus den Gul­ly­de­ckeln empor. Ich woll­te Ant­wor­ten in die­ser selt­sa­men, zeit­stil­len Welt fin­den. Ich fühl­te eine inne­re Ruhe und gleich­zei­tig eine raub­tier­haf­te Wach­sam­keit. Hin­ter mei­ner Stirn poch­te es, kein Schmerz, nur ein Druck. Und dies­mal fand ich die Bar ohne Pro­ble­me. Von wei­tem sah ich den Ein­gang, schum­me­rig, irgend­wie ver­schwom­men. Das war der Ort, an dem ich jetzt sein soll­te. Mein altes Leben blieb blass und lei­se hin­ter mir zurück.

Jim­my stand hin­ter der The­ke und begrüß­te mich mit einem Stirn­run­zeln.
»Wo bist Du gewe­sen?«
»Tut mir leid, Jim­my, ich habe die Bar nicht mehr gefun­den.«
Falls ich die Absicht gehabt hat­te, mich nur kurz zu ent­schul­di­gen, um dann zu mei­nem nor­ma­len Leben zurück­zu­keh­ren, war von dem Gedan­ken nichts mehr übrig. Ich fühl­te mich so wohl, wie noch nie zuvor. Ich kann­te hier nie­man­den, es gab kei­nen logi­schen Grund für die­ses Gefühl, aber das war mir egal. Ich woll­te hier sein. Und ich woll­te hier nicht mehr weg. Etwas hilf­los blick­te ich in sei­ne dunk­len Augen.
»Ich habe mich noch nie ver­lau­fen.«
»Ja, so was kann schon mal pas­sie­ren«, mein­te Jim­my und schau­te mich nach­denk­lich an.
Ich dreh­te den Kopf und betrach­te­te die ande­ren Gäs­te, die im Däm­mer­licht zu namen­lo­sen Schat­ten wur­den. Auf der Büh­ne sah ich eine Frau, die mir bekannt vor­kam. Ich ging ein paar Schrit­te in ihre Rich­tung. Sie tanz­te zu berau­schen­der Musik, deren hyp­no­ti­sche Melo­die ihren Kör­per zu model­lie­ren schien. Ich konn­te den Blick nicht mehr abwen­den. Sie sah so wun­der­schön aus, dass es weh­tat. Das Tat­too an mei­nem Hals brann­te wie Feu­er. Je näher ich der Bar gekom­men war, umso stär­ker war auch der Schmerz an mei­nem Hals gewor­den. Jetzt brach­te mich das Bren­nen – nicht mehr nur am Hals und hin­ter dem lin­ken Ohr, son­dern auch noch bis weit unter das Schlüs­sel­bein – fast um den Ver­stand, wäh­rend mei­ne Bli­cke wie magisch von der Frau auf der Büh­ne ange­zo­gen wur­den. Sie riss den Kopf nach oben und ihre Haa­re schleu­der­ten wie blu­ti­ge Flam­men um ihren Kör­per. Obwohl ich etwas wei­ter von der Büh­ne ent­fernt stand, halb ver­bor­gen von dem weni­gen Licht, hat­te sie mich ent­deckt und zwin­ker­te mir zu. Ich erstarr­te. Die Frau auf der Büh­ne war – ich selbst! Ich stand zit­ternd an die Wand gelehnt und sah sie, mich selbst, auf mich zukom­men.
»Hal­lo. Wie schön, dass Du mich besu­chen kommst. Ich bin Eve.«
Ihre Stim­me klang weich, hell und so ganz anders als mei­ne etwas sprö­de Stim­me.
»Aber …«
Vor­sich­tig streck­te ich mei­ne Hand nach ihr aus und berühr­te war­me, wei­che Haut.
»Wir haben dich schon erwar­tet.«
Ich ließ ich mich an einen Tisch füh­ren, an dem bereits Jim­my und Gisel­le saßen.
»Ich ver­ste­he nicht…, wer seid Ihr?«
»Bevor wir dir Ant­wor­ten geben kön­nen, musst Du uns bit­te noch mal genau erzäh­len, was Du erlebt hast, bevor Du hier­her gekom­men bist. Von Anfang an.«
Ich nahm einen tie­fen Schluck von einem bit­ter schme­cken­den Getränk, das Jim­my vor mich hin­ge­stellt hat­te. Dann beschrieb ich, was von dem Augen­blick an, an dem ich den Tat­too-Shop betre­ten hat­te, bis zu dem Moment, wo ich mich selbst auf einer Büh­ne tan­zen sah, pas­siert war.
»Das ist sehr unge­wöhn­lich.«
Jim­my, Gisel­le und Eve schau­ten sich schwei­gend an.
Dann begann Jim­my zu erzäh­len.
»Seit Genera­tio­nen erzäh­len Eltern ihren Kin­dern von einer Legen­de, in der die Alte Welt aus­ein­an­der­brach. Zuerst gab es Hass und Krie­ge, und eini­ge weni­ge Men­schen wur­den sehr mäch­tig und fin­gen an, alle ande­ren zu kon­trol­lie­ren. Die Men­schen waren sehr unglück­lich und muss­ten ihre wah­ren Gefüh­le und Wün­sche immer mehr unter­drü­cken. Bis sie schließ­lich so ver­zwei­felt waren, dass sie anfin­gen sich gegen­sei­tig zu quä­len und zu töten. Es gab jedoch eine Grup­pe von Mön­chen, die ver­such­ten, die­se Ent­wick­lung auf­zu­hal­ten. Sie waren mäch­tig genug Din­ge zu ver­än­dern. Aber sie waren trotz­dem nicht imstan­de, jenes Übel an der Wur­zel aus­zu­rot­ten. Sie spra­chen zu den Men­schen und auch zu den weni­gen Mäch­ti­gen der Welt. Doch sie wur­den nur aus­ge­lacht und ver­höhnt und schließ­lich jag­te man sie und brach­te sie um. Drei der Mön­che konn­ten jedoch flie­hen und ver­steck­ten sich in einem Klos­ter in den Ber­gen von Ming Rui Shan. Der Ältes­te hieß Liu Bai Rui, der Wei­se Fang Ming Shu, und der Mäch­tigs­te der Mön­che war eine Frau: Lu Ang Li. Obwohl vie­le sich auf die Suche nach dem Klos­ter mach­ten, wur­de es nie gefun­den. Und auch die drei Mön­che blie­ben ver­schol­len. Der Legen­de nach miss­brauch­ten sie am Ende ihre Macht, um den Tod ihrer Brü­der zu rächen. Ihr Banns­pruch teil­te die Welt, und es ent­stand eine Par­al­le­le­be­ne, in der die gött­li­chen See­len der Men­schen Gestalt annah­men.«
Jim­my mach­te eine Pau­se.
»Das heißt… Du behaup­test, ihr seid die See­len der Men­schen? Und das hier«, ich zeig­te um mich her­um, »ist alles nicht real?«
»Ja und nein. Der Legen­de nach sind wir aus den See­len der Men­schen, aus dei­ner Welt ent­stan­den. Aber wir sind genau so real, wie es dei­ne Welt ist.«
Ich dach­te an mein Leben in der Welt, die ich kann­te und die ich bis­her für die Ein­zi­ge hielt. Ich fühl­te mich noch nicht bereit, die Geschich­te zu glau­ben oder zu begrei­fen.
»Wir hiel­ten das auch für nichts wei­ter als eine Geschich­te. Wir haben noch nie jeman­den aus Dei­ner Welt gese­hen oder davon gehört, dass es Dei­ne Welt tat­säch­lich gibt, geschwei­ge denn, dass man die ande­re Welt betre­ten könn­te.«
»Du musst ein beson­de­rer Mensch sein.«
Eve lächel­te mich an, und ihr Blick war wie eine Umar­mung, die ich mein gan­zes Leben lang ver­misst hat­te ohne es zu wis­sen.
»Aber wie konn­te ich dann über­haupt hier­her gelan­gen? Und war­um?«
»Das haben wir uns auch schon gefragt. Wir glau­ben, dass der alte Mann einer der über­le­ben­den Mön­che ist. Das wür­de erklä­ren, wie der Name des Mönchs in dei­ne Welt gelan­gen konn­te oder wie Du in unse­re Welt gekom­men bist.«
»Aber dann müss­te die­ser Ming Shu ja schon meh­re­re hun­dert Jah­re alt sein.«
»Ja, so abwe­gig ist das nicht.«
»Ihr seid unsterb­lich?«
Ich schnapp­te nach Luft.
»Nicht ganz, aber das ist kom­pli­ziert. Wir den­ken jeden­falls, dass der Mönch von dir gefun­den wer­den woll­te. Wir wis­sen nicht, was ihn dazu bewo­gen haben könn­te, aber er scheint dir einen Schlüs­sel gege­ben zu haben.«
»Das Tat­too!«
Mei­ne Fin­ger berühr­ten mein Schlüs­sel­bein. Eve schüt­tel­te den Kopf.
»Dein Dra­che hat es sich an Dei­ner Schlä­fe bequem gemacht. Sei­ne Schwanz­spit­ze pen­delt gemüt­lich unter Dei­nem Ohr­läpp­chen.«
»Das ist nicht mein Dra­che!«
Ich fin­ger­te ent­setzt an mei­nem Haar­an­satz her­um. Reflex­ar­tig zog ich die Hand wie­der weg, als mei­ne Fin­ger­kup­pen anfin­gen zu bren­nen.
»Er schnappt nach Dir. Viel­leicht lässt Du ihn ein­fach in Ruhe?« Eve beob­ach­te­te den Dra­chen inter­es­siert.
»In Ruhe las­sen? Wie wür­dest Du Dich füh­len, wenn ein Tat­too als Blu­me oder Dra­che erscheint, wie es lus­tig ist und dann auch noch auf Dei­nem Kör­per auf Wan­der­schaft geht?«
»Das Tat­too ist der Schlüs­sel. Wir müs­sen her­aus­fin­den, wie genau es funk­tio­niert und was das mit Dir zu tun hat.«
»Genau. Zwi­schen den Mon­den ist es schein­bar unbrauch­bar, denn sonst hät­test Du uns bei dei­nem Spa­zier­gang ja gleich gefun­den.«
Gisel­le mal­te mit ihrem Fin­ger unsicht­ba­re Zei­chen auf die Tisch­plat­te.
Eve, mein See­len-Ich, schau­te mich fra­gend an.
»San­dy ist nicht dein wirk­li­cher Name, oder?«
Wort­los schüt­tel­te ich den Kopf.
»Ich hei­ße Eve­lyn«, ant­wor­te­te ich lei­se.
Bei die­sen Wor­ten zwir­bel­te Gisel­le nach­denk­lich ihre Locken um einen Fin­ger.
»Wenn es wirk­lich Ming Shu war, dann hat er dir nicht ohne Grund den Weg in unse­re Welt gezeigt.«
Ich schau­te Eve an. Es war so, als wenn ich in mei­ne eige­nen Augen, in mei­ne eige­ne See­le, die ich soeben ver­lo­ren hat­te, bli­cken wür­de. War sie es wirk­lich, und war ich bis­her see­len­los gewe­sen? Denn dann war ich nicht mehr als ein trü­ber Abklatsch ihrer selbst und nicht umge­kehrt. Die­ser Gedan­ke über­for­der­te mein Gehirn. Ich war nie reli­gi­ös gewe­sen. Wenn Eve und ich auf die­se wie auch immer ent­stan­de­ne Magie ver­bun­den waren, was waren wir dann ohne den ande­ren? Was blieb von mir übrig? Hier und jetzt, in ihrer Nähe fühl­te ich mich sicher. Ver­wirrt, aber sicher.
»Wenn Du willst, hel­fen wir dir her­aus­zu­fin­den, was der Mönch gemeint hat.«
»Und wie ich den Dra­chen wie­der los­wer­de!«
Ich schiel­te mit den Augen nach rechts und links, obwohl mir klar war, dass ich ihn nicht sehen konn­te. Als ob der Dra­che das gemerkt hät­te, zwick­te es kurz an mei­nem Ohr­läpp­chen.
Eve schau­te mich an.
»Auch das, falls das über­haupt mög­lich ist.«
»Na, dann los. Und Du hörst auf, auf mir rum­zu­wan­dern«, sag­te ich in Rich­tung des Dra­chen.
Ich hat­te eine Gren­ze über­schrit­ten, von der es kein Zurück mehr gab. Ich woll­te das Geheim­nis ent­schlüs­seln.


Eve – Das Tat­too ist der­zeit noch ein WIP (work in pro­gress) …