Alle Artikel in: Textperimente

Über Schreibräume

Marguerite Duras schreibt. Und in dem ich es genauso sage, drücke ich das beherrschende Moment der Tätigkeit aus. Sie ist Autorin, Schriftstellerin, wie auch immer man das Label bezeichnen möchte. Sie schreibt. Das Schreiben als Seinsform, als Raum, um überhaupt überleben zu können, spielt bei Marguerite Duras die zentrale Rolle.

Muscheln in meiner Hand

Vielleicht suche ich das, was Sokrates in seinem Gebet in PHAIDROS erflehte, wenn er sagt: “Laß den äußeren und den inneren Menschen eins werden. Anne Morrow Lindbergh Die Salzkruste, die zurückbleibt, lange nachdem das Meer die Muschel an die Küste gespült hat. Die Kruste auf der schiefermatten Oberfläche mit den Rillen und Furchen und dem scharfen Rand. Und darin verborgen das Perlmutt. Bleiben wir für einen Moment bei der nachweislich falschen, aber romantischen Idee, dass die Perle in der Muschel ein Schutz vor dem reibenden Sandkorn ist, das sich den Weg hinein gebahnt hatte, reingespült wurde. Das Sandkorn gehört da nicht hin, ist ein Fremdkörper und die Muschel bildet Schicht um Schicht Perlmutt um diesen Eindringling und am Ende entsteht etwas Wunderbares, Kostbares. Die Taktik erinnert mich an die Japaner, die Risse in Gefäßen mit Blattgold schlossen und den Makel zur Einzigartigkeit formten. Kintsugi. So scheint es mir mit der Muschel und ihrer Perle zu sein. Das Meer schleift das Sandkorn in Äonen von Wellen und Strömen und es reibt und zerrt an dem zarten …

Schreiben II

Ich habe meinen Meister gefunden. Ich lese wieder Roland Barthes. Die Lust am Text. Das ist der Titel. Als ich das Buch als Photo auf Instagram postete, schrieb ich dazu, dass ich einen auf dicke Hose machen könnte, weil mein Text Die Lust am “E scheinbar darauf zu rekurrieren scheint. Da wäre ich nicht die Erste und es wäre trotzdem eine schöne rhetorische Geschmeidigkeit. Nun gut, belassen wir es dabei. Weiter schrieb ich, dass ich tatsächlich nicht wusste, dass es dieses Buch gibt und so nahm ich es als Zeichen, dass wir schwingen, der Roland und ich und uns im gleichen Literaturresonanzfeld befinden. Ein Kompositum, das ich dann gerne für mich reklamieren möchte. Hat das schon jemand mal gesagt, geschrieben oder gedacht? Literaturresonanzfeld. Ich mag das Wort. Wie nun auch immer, das Lesen in “Die Lust am Text” ist eine ernste Angelegenheit und ich verliere mich zwischen den wenigen Seiten des Buches. Ich hatte mich bereits Murakami hingegeben, also seinem Buch Südlich der Grenze, westlich der Sonne und ganz generell scheine ich mich Literatur einfacher …

Die Lust am “e”

Der Schriftsteller wird nicht durch den Gebrauch spezialisierter Werkzeuge definiert, an denen man erkennt, daß es sich um Literatur handelt […] – es sei denn, man hält die Literatur für ein Objekt der Hygiene – , sondern durch seine Macht, auf dem Umweg über eine Form, welche es auch sein, eine besondere Form der Kollusion von Mensch und Natur überraschend aufzudecken, das heißt eine Bedeutung. […] Sie [die Literatur] ist ein Code, den zu entschlüsseln man akzeptieren muß. Roland Barthes (Am Nullpunkt der Literatur, Suhrkamp 2016) Mit der Sprache ist das schon eine seltsame Angelegenheit. Buchstaben formen sich zu Wörtern und Wörter zu Sätzen und erst durch die Bedeutung entsteht die Lust an der Sprache. Und es ist unabstreitbar, dass Sprache etwas Lustvolles ist, denn Sprache ist Gedanke und Gedanke ist präzisiertes Gefühl und Gefühle, nun – Gefühle kann man nicht in Sprache ausdrücken. Man kann sich ihnen nur annähern. Wenn Sprache nun also präzisiertes Gefühl ist, eine Anäherung an ihr Wesen und oft ein jämmerlicher Versuch, dann ist jede Sprache auf ihre eigene Weise …

So ein Zufall. Über Synchronizität

Meine Synchronizitätsgeschichte beginnt in der Haus&Hof-Buchhandlung. Haus&Hof ist übrigens als kontextuelles Präfix im Sinne einer Beziehungs- und Qualitätsäußerung zu verstehen. Aber bevor die philo-linguistischen Pferde mit mir durchgehen, komme ich zurück zum Buchladen meines Vertrauens. Ich holte das bestellte Buch ab und zum Welttag des Buches gab es darüber hinaus ein kleines Buchgeschenk: Mark Forsyth, Lob der guten Buchhandlung. Entsetzlich nett geschrieben und worum geht es? Um genau mein Thema. Echt jetzt? Das kann nicht wahr sein. Das glaubt mir doch keiner! Forsyth nimmt ein Zitat von Donald Rumsfeld zum Anlass, um über wissendes und unwissendes Wissen und Bücher zu schreiben, die nur darauf warten gelesen zu werden. Das ist ganz schön gemein. Auf einer spirituellen Ebene schwinge ich in einer universellen Wissenswolke, deren Informationspartikel wie Sternenstaub auf mein Umfeld regnen. Ich wollte, bitte schön, aber auch ein bemerkenswerter Tropfen sein. Wäre – Konjunktiv – wäre mein Beitrag bereits erschienen, könnte ich mit einer lässigen Selbstzufriedenheit den Trendsetter mit dem richtigen Riecher geben: “Nachtigall, ick hör’ Dir trapsen.” Iss et aber nich. Meine Erkenntnis nebst …

Mit Murakami in der Badewanne

Mein erster Murakami. Südlich der Grenze, westlich der Sonne. Der Titel, den ich mir ausgesucht habe. Ob es eine gute Wahl war, mit diesem Buch einzusteigen? Ich weiß es nicht und es ist zu spät. Und so, wie Hajime schon als Kind begreift, dass es sinnlos ist, über Dinge nachzudenken, die man nicht beeinflussen kann, deren Verlauf unabänderlich ist, so verhält es sich mit mir und meinem ersten Murakami. Er ist gelesen und er wird immer mein erster Murakami sein. Ich wusste nicht wirklich, was mich mit diesem Buch erwartet und ich hatte auch keine Vorstellung, was mich mit Murakami ganz generell erwartet. Aus einer Laune heraus, und sonst mache ich das nicht, legte ich mich zum Lesen in die Badewanne. In der ersten Übersetzung ( und es muss wohl eine literarisch deprimierende Übersetzung einer noch viel deprimierenderen US-Englischen Übersetzung des Orginals gewesen sein, so las ich zumindest) hieß das Buch noch “Gefährliche Geliebte”. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Ich liege nackt in der Badewanne, was an sich schon obszön ist, es …

Wissenschaft ist Magie

»22. August 1893Ich hab’s geschafft. Er funktioniert. Nachdem ich den Buchstabenbeschleuniger nochmal von den Dampfrohren isoliert habe, die eine Störung des Teilchenmagnetismus bewirkt haben, läuft der Literatur-Teleportations-Generator …« So beginnt meine kleine Steampunk-Geschichte. Ich schreibe. Über reale Dinge, Werbetexte, Artikel und eben Geschichten. Wir Geschichtenschreiber und Erzähler nutzen das Wissen, wie unsere Welt funktioniert, welchen Gesetzen sie unterliegt, um unsere Geschichten zu erzählen. Um Fragen aufzuwerfen und Antworten zu finden. Und wir finden die Magie, die Geschichten lebendig macht. Wissenschaftliche Forschung entspringt der Philosophie und der Frage nach dem »Warum«. Warum sind die Dinge so, wie sie sind? Und warum sind wir auf der Welt, so wie wir sind? Sind wir überhaupt so? Und was zur Hölle ist »so«? Mit diesen Frage haben sich Menschen gequält, seitdem der Frontallappen mehr Raum als das Stammhirn beanspruchte. Ganz pfiffig die »ollen« Griechen: Pythagoras, Sokrates, Aristoteles… sie alle suchten Antworten auf philosophische Fragen in den Naturwissenschaften. Und entdeckten erstaunliche Dinge. Nicht immer zur Freude religiöser Obrigkeiten. Ein paar Jahre später (also schlappe 1800 Jahre später, um das Ganze …

Toni A. Scott

Der Literatur-Teleportations-Generator

Eine kleine Fanfiction-Geschichte zum Steampunkkrimi “Ersticktes Matt” von Nina C. Hasse August 1893 Ich hab’s geschafft. Er funktioniert. Nachdem ich den Buchstabenbeschleuniger nochmal von den Dampfrohren isoliert habe, die eine Störung des Teilchenmagnetismus bewirkt haben, läuft der LTG (Literatur-Teleportations-Generator). Ich habe das erste Buch aus der Zukunft auf dem Wort-Kommunikator sichtbar gemacht. Es ist eine historische Abhandlung über Kriminalfälle in den Floodlands: Ersticktes Matt. Der Wissenschaftler, der das Buch geschrieben hat, ist eine Frau, Nina C. Hasse, der offensichtlich Unterlagen zu genau den Fällen vorliegen, die gerade unsere Stadt auf den Kopf stellen und für Angst, Chaos und Schrecken sorgen. In der Zukunft schreibt man Fachbücher ganz anders und es liest sich weitaus spannender als die langatmigen Vorträge von Professor Amadeus Windebank über luzide Teilchentransformation. Wie sie wohl ist? Nina. Schöner und seltsamer Name. Arbeitet sie für das Police Department? Ist sie vielleicht eine Spionin im Auftrag der Königin? Ich frage mich, ob sie noch mehr Informationen in dem Buch gesammelt hat, die dem Police Department hier weiterhelfen könnten. Der Dampfdruck ist nach wie vor …

Buchspaß mit Statistik

In einem anderen Leben habe ich einen großen Bibliotheksraum mit Kamin und Ohrensesseln, einem schweren Holztisch, einer Galerie mit eiserner Wendeltreppe, Buchleiter, raumhohe Fenster mit Blick auf eine Parklandschaft, Lesepult und einer Chaiselongue.In der Realität bietet das heimische Anwesen einen überschaubaren Platz für Bücher, die sich deswegen auf fast jeden Raum ausdehnen. Das zwingt mich periodisch dazu, Bücher auszusortieren oder neue Nischen zu finden, in denen sie wohlbehalten vom Lesen und Gelesen werden zeugen. Alle meine Buchfreunde sind nach Sachgebiet und Autor sortiert unterteilt. Manchmal ist das auch eine subjektive Interpretation. Ob das mit Ordnungsliebe oder zwanghaften Tendenzen zu tun hat, vermag ich nicht zu sagen. Die Taschentuchschublade ist ebenfalls akribisch sortiert und ausgerichtet, das spricht für Letzteres. Ich kann auch einfach nur so dasitzen und meine Buchfreunde betrachten. Ein Buch aus dem Regal nehmen, aufschlagen und den Eintrag lesen. Noch so eine Macke. Datum, Ort und Gelegenheit werden auf die Titelseite notiert. Diese Einträge sind wie Baumringe, also “Buchringe”, eine Erinnerung an Ausflüge, Begebenheiten, Lebensphasen und liebe Geschenke. Beim Betrachten der Buchrücken fielen mir …