Strandimpression little edition by Toni Scott

Buchpassion – Lieblingsautoren

Auch dieses Jahr startet Janine auf ihrem Blog Kapri-ziös wieder die Aktion #Buchpassion. Vom 25. September 2017 bis 01. Oktober 2017 gibt es verschiedene Möglichkeiten sich zum Thema ‚Lieblingsautoren‘ mit Literatur, Büchern und buchigem Drumherum auseinanderzusetzen, unter anderem eine Twitterparty am 28. und eine Insta-Challenge vom 25. bis 29. Dabei ist die Vorgabe nur eine Richtung und Janine wünscht sich ausdrücklich eine freie und kreative Interpretation.

Ich habe letztes Jahr mit viel Spaß mitgemacht und  mich von Marguerite Duras inspirieren lassen (Liest Du HIER). So gesehen war es für mich bereits ein wenig zum Thema Lieblingsautoren. Ich möchte auch dieses Jahr wieder das eigene Schreiben mit einem literarischen Vorbild verschmelzen lassen. Mein Beitrag startete von Hand geschrieben am Strand von St. Peter-Ording unter dem Eindruck des Buches, welches ich mitgenommen hatte und nach einem 10km Marsch durch die Nordseewellen, die an den Strand rollten, meine Füße umspülten und deren Gischt an meinen Beinen hochsprühte.

Dünen
Strand
Dünen 2

 

Das Einzige, was Dir den Tag verderben konnte, waren Menschen, und wenn Du Verabredungen aus dem Weg gehen konntest, waren die Tage grenzenlos.
Ernest Hemingway

 

Ich war zum Schreiben gekommen und jetzt sind meine Beine sandig und ich kann das Notizheft nicht ablegen. Ich kann auch nicht schreiben, denn der Wind hat meine Finger kalt und steif gepustet. Ich sitze im Sand, der kühl und leicht feucht ist, in Erwartung der kommenden Flut. Das Rauschen der Wellen geht im Wind unter, vermischt sich zu einem Strom von Wasser und Wind, der überall ist, ohne Grenze, ohne Anfang, ohne Ende … ohne Bestimmung.

Also lese ich. Meine klammen Finger halten das Buch und der salzige Wind frisst sich in die Buchseiten. Ich könnte mir vorstellen, dass ein Herr, wohlgemerkt ein Gentleman, am Strand entlang spaziert. Er würde einen hellen Leinenanzug tragen und einen Hut und vielleicht würde der Gentleman sogar Phantasie und Wagemut zu seinen Charaktereigenschaften zählen, was er natürlich gut verstecken könnte, und wegen der Phantasie würde er seine Budapester ausziehen und mit nackten Füßen durch den Sand gehen.
Er würde grüßen, denn sowas tut ein Gentleman und sich höflich nach meiner Lektüre erkundigen. Ich könnte antworten:« Hemingway. Ich lese Hemingway.« Und damit wäre alles gesagt. Dann könnte ich gedankenverloren auf das Meer schauen und mich fragen, ob ich ein guter Schreiber bin. Ob ich Hemingway als Vorbild nacheifern sollte, ob das überhaupt möglich ist oder von vorne herein zum Scheitern verurteilt. Der Gentleman würde seinen Hut ziehen und mir noch einen schönen Tag wünschen und seinen Spaziergang fortsetzen und ich wäre wieder allein. Mit mir und dem Schreiben und dem Buch und Hemingway.

Es ist nur ein Gedanke. Alles ist Gedanke.

Ich sitze am Strand und ich will gar nicht, dass dieser Moment, dieses Sein im salzigen Strom aufhört. Mir ist absolut klar, dass ich später aufbrechen muss, zurück gehen, bevor mich die Flut verschluckt, bevor der Tag der Dunkelheit weicht. In diesem Moment ist das Sein aufgelöst und Teil des Meeres … der Luft. In diesem Moment bin ich und bin nicht. Es gibt keine Grenze zwischen den Gedanken und dem Schreiben, so wie es keine Grenze zwischen den Wassertropfen im Meer gibt und keine Grenze zwischen dem Meer und dem Horizont. Ich bin grenzenlos, im Sein … im Schreiben.

Ich weiß, dass ich zurück muss und das macht mich traurig. Die Traurigkeit zerstört das Sein und den Moment und das Eins. Und so weiß ich nicht, ob ich jetzt schon gehen soll, damit ich beim Gehen die Traurigkeit überwinde oder ob ich verweile. In diesem Augenblick bin ich traurig, weil der Abschied vom Strand naht und das hat das Glück über den Tag am Strand genommen. Warum also das Unglück noch länger hinauszögern und sich dem Unvermeidlichen fügen?

Ich könnte zurückgehen und einen Kaffee trinken. Das wäre ein neues Glück und da es auch ein alltägliches Glück ist, wäre ich nicht so traurig, wenn auch dieses Glück wieder endet. Alles Glück endet und verrinnt wie das Meer in den Furchen, die sich mit den Wellen in den Sand graben. Das Glück endet in dem kurzen Moment, im Innehalten und der Erkenntnis dessen Endlichkeit. Es ist wie ein kurzer Tod im größten Empfinden der Freude.

Man darf sich von der Traurigkeit aber auch nicht überrumpeln lassen, denn sonst dürfte man erst gar nicht an den Strand gehen und würde sich von vornherein des größten Glücks berauben. Man muss den Schmerz einkalkulieren und den richtigen Moment zum Abschied finden, bevor die Traurigkeit zu groß wird und das Glück verschlingt wie die Wellen den Sand mit den aufkommenen Gezeiten und man leblos und starr vor Traurigkeit liegen bleibt, unfähig, durch den Schmerz einem neuen Glück entgegenzugehen.

So ist das. Im Leben und am Strand.

 


Hemingway, Ernest: Paris, Ein Fest fürs Leben. 10. Auflg. Rowohlt Taschenbuch Verlag. Reinbeck bei Hamburg 2016. S. 41.

 

  1. Janine (@Kapri-zioes)

    Vielen Dank für deinen wirklich kreativen Beitrag! :-) Ich konnte mich richtig in deinen Text vertiefen und hab mich ein bisschen gefühlt wie vor wenigen Wochen am Strand der Three Cliffs Bay in Wales. Danke für diese Erinnerung!

    Janine

    • Liebe Janine, vielen Dank für Deinen schönen Kommentar, die Zeit, Mühe und Liebe, die Du in diese schöne Aktion investierst. Es passt mal wieder alles zusammen! Ganz besonders freut mich natürlich, dass Du beim Lesen gedanklich nach Wales gereist bist …
      Herzliche Grüße, Toni

  2. Pingback: #Buchpassion – Edition: Lieblingsautorinnen und -autoren

  3. Janna | KeJas-BlogBuch

    Einfach wunderschön geschrieben! Erfrischend anders als die meisten (darunter auch meiner) Beiträge, dem ist nichts mehr hinzuzufügen (=

    Liebe Grüße
    Janna

  4. Liebe Janna, vielen, vielen Dank für Deinen Kommentar! Das macht mich heute glücklich. Strand- und Schreibgrüße zurück, Toni

  5. Vielen lieben Dank für diesen tollen Text! Poetisch, liebevoll, ganz in dem Moment. Sehr, sehr schön!
    Einen schönen Feiertag Dir morgen! :-)
    Liebe Grüße,
    Frauke

    • Liebe Frauke, den Dank nehme ich gerne an und danke Dir. Du hast Dir Zeit für meinen Text genommen und auch noch so einen lieben Kommentar geschrieben! Herzliche Grüße, Toni

  6. Wow, was für ein poetischer Blogbeitrag! Ich war mit Dir am Strand, habe Salz und Wind gespürt und das Wellenrauschen gehört.
    „Alles ist Gedanke.“ – Was für ein Satz!
    Liebe Toni, vielen Dank für die schöne Inspiration!
    LG, Ricarda

  7. Ach, Ricarda, Du ahnst nicht, wie sehr Dein Zuspruch gut tut. Danke. (Ich gucke gerade Jonathan Strange & Mr. Norrell und vermutlich färbt die Sprache etwas ab, die allgemeine Gefühlslage vermutlich auch …) Ich umarme Dich und grüße von Herzen zurück, Toni

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.