Autor: Toni Scott

Der Autor in Zeiten der Cólera

Ich möchte ein Plädoyer für Literatur als systemrelevantes Kulturgut halten. Und ich möchte dies mit der Frage nach der Verantwortung des Autors, der Autorin untersuchen und in Beziehung zum Werk setzen.
Der Vortrag gliedert sich in drei Teile. Im ersten Abschnitt werde ich den Begriff Autor im literaturtheoretischen Diskurs vorstellen. Damit schaffe ich eine Voraussetzung dafür, im zweiten Abschnitt zu klären, was mit Verantwortung bezogen auf Literatur und den Autor gemeint sein kann. Dabei werde ich mich besonders auf Jean Paul Sartre und seine Überlegungen in „Was ist Literatur“ beziehen.
Im dritten Abschnitt möchte ich anhand literaturphilosophischer Überlegungen, gespeist aus den Arbeiten Martha Nussbaums zeigen, dass Literatur als Kulturgut aus sich heraus bereits eine Verantwortung darstellt, die sich in unterschiedlichen Qualitäten expliziert.

Über Schreibräume

Marguerite Duras schreibt. Und in dem ich es genauso sage, drücke ich das beherrschende Moment der Tätigkeit aus. Sie ist Autorin, Schriftstellerin, wie auch immer man das Label bezeichnen möchte. Sie schreibt. Das Schreiben als Seinsform, als Raum, um überhaupt überleben zu können, spielt bei Marguerite Duras die zentrale Rolle.

Muscheln in meiner Hand

Vielleicht suche ich das, was Sokrates in seinem Gebet in PHAIDROS erflehte, wenn er sagt: “Laß den äußeren und den inneren Menschen eins werden. Anne Morrow Lindbergh Die Salzkruste, die zurückbleibt, lange nachdem das Meer die Muschel an die Küste gespült hat. Die Kruste auf der schiefermatten Oberfläche mit den Rillen und Furchen und dem scharfen Rand. Und darin verborgen das Perlmutt. Bleiben wir für einen Moment bei der nachweislich falschen, aber romantischen Idee, dass die Perle in der Muschel ein Schutz vor dem reibenden Sandkorn ist, das sich den Weg hinein gebahnt hatte, reingespült wurde. Das Sandkorn gehört da nicht hin, ist ein Fremdkörper und die Muschel bildet Schicht um Schicht Perlmutt um diesen Eindringling und am Ende entsteht etwas Wunderbares, Kostbares. Die Taktik erinnert mich an die Japaner, die Risse in Gefäßen mit Blattgold schlossen und den Makel zur Einzigartigkeit formten. Kintsugi. So scheint es mir mit der Muschel und ihrer Perle zu sein. Das Meer schleift das Sandkorn in Äonen von Wellen und Strömen und es reibt und zerrt an dem zarten …

Schreiben II

Ich habe meinen Meister gefunden. Ich lese wieder Roland Barthes. Die Lust am Text. Das ist der Titel. Als ich das Buch als Photo auf Instagram postete, schrieb ich dazu, dass ich einen auf dicke Hose machen könnte, weil mein Text Die Lust am “E scheinbar darauf zu rekurrieren scheint. Da wäre ich nicht die Erste und es wäre trotzdem eine schöne rhetorische Geschmeidigkeit. Nun gut, belassen wir es dabei. Weiter schrieb ich, dass ich tatsächlich nicht wusste, dass es dieses Buch gibt und so nahm ich es als Zeichen, dass wir schwingen, der Roland und ich und uns im gleichen Literaturresonanzfeld befinden. Ein Kompositum, das ich dann gerne für mich reklamieren möchte. Hat das schon jemand mal gesagt, geschrieben oder gedacht? Literaturresonanzfeld. Ich mag das Wort. Wie nun auch immer, das Lesen in “Die Lust am Text” ist eine ernste Angelegenheit und ich verliere mich zwischen den wenigen Seiten des Buches. Ich hatte mich bereits Murakami hingegeben, also seinem Buch Südlich der Grenze, westlich der Sonne und ganz generell scheine ich mich Literatur einfacher …

Die Lust am “e”

Der Schriftsteller wird nicht durch den Gebrauch spezialisierter Werkzeuge definiert, an denen man erkennt, daß es sich um Literatur handelt […] – es sei denn, man hält die Literatur für ein Objekt der Hygiene – , sondern durch seine Macht, auf dem Umweg über eine Form, welche es auch sein, eine besondere Form der Kollusion von Mensch und Natur überraschend aufzudecken, das heißt eine Bedeutung. […] Sie [die Literatur] ist ein Code, den zu entschlüsseln man akzeptieren muß. Roland Barthes (Am Nullpunkt der Literatur, Suhrkamp 2016) Mit der Sprache ist das schon eine seltsame Angelegenheit. Buchstaben formen sich zu Wörtern und Wörter zu Sätzen und erst durch die Bedeutung entsteht die Lust an der Sprache. Und es ist unabstreitbar, dass Sprache etwas Lustvolles ist, denn Sprache ist Gedanke und Gedanke ist präzisiertes Gefühl und Gefühle, nun – Gefühle kann man nicht in Sprache ausdrücken. Man kann sich ihnen nur annähern. Wenn Sprache nun also präzisiertes Gefühl ist, eine Anäherung an ihr Wesen und oft ein jämmerlicher Versuch, dann ist jede Sprache auf ihre eigene Weise …

Herbstliebe

Herbstliebe Blätter fallen von Bäumen gelb und braun auch die Gefängniszellen sind leer Teebrandung in meinem Blut Milch schlägt hohe Wellen schmilzt auf meiner Haut Honig tropft von blonden Locken und Du verdorrter Halt im Nebel ragt zwischen den Bäumen aus der Dunkelheit inmitten der Nacht laubaufwirbelnd  im feuchten Moder warm wenn Äste knacken Wind den Wald bewegt in lautloser Stille Stimmen über den Horizont hallen und Herbst in meiner Liebe ist

Und was der Tag so bringt

Und was der Tag so bringt Bunte Schatten auf Eichenrost Wellblech dumpft im Sonnenlichte. Natürlich nicht jedermanns Sache. Der Morgentau, er feiert wild und hektisch in Betriebsamkeit. Und was der Tag so bringt. Steht abends wie von selbst geschrieben Auf käsigen Mondscheiben. Auch das ein Fluch für den, der´s lesen kann.

Gartenstrolch

Du Gartenstrolch meiner brachen Hirnäcker mit behutsamen Händen pflügst Du meine Gedanken um neue Träume zu säen. Hab Dich nicht eingeladen, Du Vogelscheuche mit leuchtendem Herz den Weg gebahnt Durch Kraut und Kruste, wüstes Wurzeltreiben Liebevoll jede Krume bekümmert, die durstig nach dem Regen lechzte Strahlst mich mit erdigem Blick an, gewissenhaft und zarte Regungen ihre Knospen treiben im Jahreszeitenreigen Hand in Hand laufen uns die Krähen davon und übrig bleibt ein kleines Schaf, das stetig durch das Grüne grast

Les Bavardes

Les Bavardes – Die Schwätzerinnen Wenn´s denn dann – ach, ja, und wann?Was ist bloß – natürlich, war doch klar!Da grub und forschte, es ewig währteGrund und gütig, das Entsetzen ist echt. Was auch passiert – ist schon geschehen.Gesehen? Nein, kein Anschluß unter diesem Anblick!Fürweil und mit reinem GewissenDie Schuld trägt schwer an sich selbst. Ach, Hoffnung, karger Wüstenboden!Dein Traum ist nicht ganz ausgeschlafen.Ach, Hoffnung, lebloser Geist!Dein Hauch mit langem Atem. Wie man auch fühlte – die Herzen anrührte.Schaurig war´s mit anzusehen!Die Einsamkeit ein treuer Pfand.Gerührt, verschüttet auf der Seele Totenhemd!

Für Sophie

Für Sophie Möge sie in Frieden ruh´n. Denn das hat sie sich ausgebeten. Stünde man auf dem Kaminsims Dann müsste man beim Staubwischen Zur Seite rücken Und da hilft nichts Und sei das Porzellan auch noch so schön

Kaffeekränzchen

Kaffeekränzchen Von der kunst im regen kaffee zu trinken Wenn der brüllaffe gegenüber seine zigarre pafft Und das geschirr auf dem tresen ungeduldig klappert Dem kellner die milchdüse geht Und die cocktails noch nicht geschüttelt sind Obwohl auf dem buffet schon die butter auf dem croissant verdampft Die kunst, in all dem treiben und wirken Das ticken der uhren mit den herabstürzenden regentropfen zu verschmelzen zu einem rhythmischen kosen meiner ohren zu komponieren die zarten aromen zu schnuppern wie ein dackel im „hab acht“ und die augen zu schließen weil so allein mit dem milchschaum ja auch ganz poetisch sein kann

Die Nacht der Priesterinnen

Die Nacht der Priesterinnen Weit ziehen die Felder hinaus in den Himmel tragen meine Träume zu den Sternen. Werden meine Wünsche jemals erhört? Endlos erstreckt sich der Weg zu den Hügeln An dessen Felsen sich die Sonne bricht. Zu viele Versprechen wurden gebrochen Zu viele Lügen wurden verbreitet. Laut, das Rauschen und Rascheln der Bäume Heimliches Lied, von fern tönt die Nachtigall So lieblich ein letztes Mal. Weich umhüllt die Nacht und läßt das Reich der Schatten erwachen – bin ihm näher als sonst irgendetwas. Warm, die Luft und kühlend auf den Wangen Streichelt ein letztes Wort von Dir. Werde ich Dich wiedersehen? Der Duft der Wälder läßt mich zweifeln, die Stille hält mich gefangen. Gestern noch Spiel der Sonne wiedergebend Und Dein Gelächter erstickend tanzen nun  Elfen zu den Klängen der Vergangenheit. Lausche ihrem Gesang und treibe verborgen Unter Weiden in der Zeit. Ein Wellenschlag, eine Bewegung der Blätter und fort, so schnell wie ein Kuß entschwebt und doch Erinnerungen zurücklassend, die von den ersten Sonnenstrahlen am Horizont erahnend  ausgetrocknet werden, der Zauber. So …

Der arme Poet

Der arme Poet Der Dichter, er durchdringt das Licht aus tiefen dunklen Erden. Mit vielen Ah´s und Oh´s sich hoch gekämpft, zumeist doch eher recht verborgen. Durch Schlamm und Tod,mit Schmerz und Qual,er fordert sich sein Lebenals wenn´s kein Morgen gäbe. Doch dann, ein zartes Blau,wie lieblich am Horizont will scheinendas Wort, es leuchtet nach Moralund keiner kann sich´s darauf reimen.

So ein Zufall. Über Synchronizität

Meine Synchronizitätsgeschichte beginnt in der Haus&Hof-Buchhandlung. Haus&Hof ist übrigens als kontextuelles Präfix im Sinne einer Beziehungs- und Qualitätsäußerung zu verstehen. Aber bevor die philo-linguistischen Pferde mit mir durchgehen, komme ich zurück zum Buchladen meines Vertrauens. Ich holte das bestellte Buch ab und zum Welttag des Buches gab es darüber hinaus ein kleines Buchgeschenk: Mark Forsyth, Lob der guten Buchhandlung. Entsetzlich nett geschrieben und worum geht es? Um genau mein Thema. Echt jetzt? Das kann nicht wahr sein. Das glaubt mir doch keiner! Forsyth nimmt ein Zitat von Donald Rumsfeld zum Anlass, um über wissendes und unwissendes Wissen und Bücher zu schreiben, die nur darauf warten gelesen zu werden. Das ist ganz schön gemein. Auf einer spirituellen Ebene schwinge ich in einer universellen Wissenswolke, deren Informationspartikel wie Sternenstaub auf mein Umfeld regnen. Ich wollte, bitte schön, aber auch ein bemerkenswerter Tropfen sein. Wäre – Konjunktiv – wäre mein Beitrag bereits erschienen, könnte ich mit einer lässigen Selbstzufriedenheit den Trendsetter mit dem richtigen Riecher geben: “Nachtigall, ick hör’ Dir trapsen.” Iss et aber nich. Meine Erkenntnis nebst …

Über Erotik in der Literatur oder Schreiben ist sexy

Ich kann auch von “elementaren Kräften angetrieben” schreiben. Der Grat ist schmal, den intimen Augenblick der Protagonisten durch die handwerkliche Unpässlichkeit des Autors zu zerstören. In welchem Maße ist Erotik im Buch angemessen, wieviel Wollust verträgt anspruchsvolle Unterhaltung? Muß es immer eine klare Trennung von U und E geben? Ich setze mich mit Literatur auseinander, ein wenig. Wer sagt überhaupt, wer legt fest, was U und E ist, wie ein Autor, ein Leser sich zu verhalten hat? Was er schreiben, respektive lesen darf. Ich bin nicht über alles erhaben, ich suche nicht permanent den tieferen Sinn in allem und jedem und muß auch nicht dem letzten trivialen Moment noch eine metaphysische Tiefe abgewinnen, um zu demonstrieren, wie intellektuell, wie verkopft oder ernsthaft ich bin. Denn das bin ich nicht. In Büchern brauche ich jedoch keine pralle Männlichkeit, keine rot geschwollenen Lippen, keine wollüstigen Aufstöhner auf spätestens Seite 103. Das interessiert mich nicht. Es langweilt mich. Und das hat es schon immer. Zu meinem 18. Geburtstag bekam ich eine Anthologie der Erotischen Literatur von meinen Freunden, …

Der Werbe-Tölt oder Der Druck, medial omnipräsent sein zu müssen.

Beim Tölt handelt es sich um eine Gangart des Pferdes. Diese kommt ohne Schwebephase aus und variiert in der Geschwindigkeit zwischen Schritt und Galopp. Das Pferd ist ein hohes Tier, welches ich aufgrund meiner Höhenangst nur aus der Ferne und mit gering ausgeprägtem Interesse in meine Wahrnehmung einbeziehe. Anders verhält es sich mit dem Tölt. Der Tölt als Gangart begegnete mir beim Hören der NDR Comedy “Wir sind die Freeses”. In der Folge vom 02.11.2015 ging es nun um den Tölt als Bewegungsform, wenn man zum Beispiel den letzten Platz auf einer Parkbank entdeckt, jemand anderes offensichtlich auch und man fängt ganz unauffällig an seinen Schritt zu beschleunigen, damit man diesen Platz erwischt. Darf aber keiner merken, das mit dem Beschleunigen. Was hat der Tölt nun mit Autorenvermarktung zu tun? Werbung, Marketing und das liebe Internet leben von total neuen Ideen, innovativen Werbestrategien und die passende Floskel dazu heißt: aufmerksamkeitsstark. In der Masse an Werbung, in der noch größeren Masse an Informationen – und wenn man sich das Internet und da speziell das Social Media …

Selbstvermarktung als Autor oder Würde ich verkaufen wollen, wäre ich Vertreter geworden

Neulich stolperte ich über mehrere Artikel, in denen es um Selbstvermarktung ging und um Inbound als die Zukunfts- und Contentstrategie. Ich hatte bereits die Idee im Kopf, die Eigenwahrnehmung bezogen auf Selbstvermarktungsdruck und -notwendigkeit aus meiner Perspektive zu erzählen. Also, wenn nicht jetzt, wann dann? Im Marketing beschreibt Inbound den Weg, durch Inhalte zu überzeugen und so aus Besuchern Kunden und Fans zu machen, frei nach dem Motto “gefunden, für gut erachtet und weiterempfohlen”. Outbound ist die gute alte One-Way-Werbeansprache an den Kunden mittels Anzeigen, Spots … also “wenn ich mich dem Kunden in den Weg schmeiße, muß er mich auch sehen”. Das ist jetzt so grob, worum es dabei geht. Ob nun als Fotograf, Autor oder Steuerberater, ich bin Unternehmen und Produkt in einer Person. Als Texter und Freiberufler vermarkte ich mich selbst. Weder als Texterin, noch als Autorin betreibe ich Outbound, ich schmeiße mich dem potentiellen Kunden also nicht an den Hals. Im Gegenteil, ich sitze wie eine Spinne geduldig am Rande meines Netzes und spinne meine Fäden. Ja … die Assoziationskette funktioniert …

Mädchen mit Perle

Ich wusste nicht, dass sie hier sein würde. Der Gedanke wäre mir nie in den Sinn gekommen, schon gar nicht, sie hier zu suchen. Umso überraschter sog ich die Luft ein, als ich in Bruchteilen von Sekunden begriff. Sie war es. Kein Abbild, keine billige Kopie, kein Schatten. Und dann schaute ich sie an. Ganz bewusst. Vermeers Das Mädchen mit dem Perlenohrgehänge. Mein erster Gedanke war, das ist unser Bild! Das gehört hier nicht her! Und doch hing sie dort, schutzlos den Blicken unzähliger Menschen ausgeliefert. Im gleichen Moment wurde mir die Absurdität bewusst. Natürlich gehörte uns das Bild nicht. Trotzdem fühlte ich mich eigenartig, entblößt. Sie war so fremd in diesem roten Raum. Ich war gerade geboren worden, als meine Mutter das alte Haus mit den knarzenden Dielen und den blind gewordenen Spiegeln renovieren ließ, in dem schon Generationen vor uns ihre Spuren hinterlassen hatten. Trotzdem blieben einige Dinge so, wie sie schon immer gewesen waren und die Zeit konnte ihnen wie durch Zauber nichts anhaben. So auch die Bilder in der Galerie, zu …

Über das Schreiben und das Schreib-Ego.

Ich denke viel über das Schreiben nach. Ich denke auf dem Schreiben herum, kaue es, schiebe es von einer Seite auf die andere, schmecke und kaue wieder. Ich schreibe über das Schreiben. Weniger über Technik und Handwerk, als über meine Einstellung dazu. Was ist Schreiben für mich? Wo stehe ich mit meinen Scheiben? Vielleicht liegt es daran, daß ich gerade Neil Gaiman, The View from the cheap seats lese. Seine Texte bescheren mir Leseglück. Er sagt alles, was man dazu sagen kann. Das klingt so absolut. Er wird noch mehr sagen und schreiben. Andere auch. Vielleicht passt Neil Gaiman auch einfach wie die Faust aufs Auge, weil ich mich mit mir und meinem Schreiben auseinandersetze. Da ist es wieder. Ich lese, um Antworten zu finden. Intuitiv, aus dem Bauch. Und es stimmt. Mehr, als mir in dem Moment bewusst war. Ich suche Antworten auf die Frage, warum ich schreibe, was ich zu sagen habe, was ich erzählen will. Und wieder einmal war es der Austausch, der einen Gedanken frei setzte.Mein Schreib-Ego ist ein »großkopfteter Giftzwerg« …

Das innere Haus der Bücher

Die Welt wartet nicht. Früher war das anders. Oder ist das nur eine altersbedingte Wahrnehmung? Die Welt dreht sich und die Informationen, die durch den Äther rauschen, erscheinen mir wie die Rücklichter, die im Zeitraffer zu einem namenlosen roten Strom werden. Im Alltag fühle ich mich oft wie ein Blutkörperchen in diesem Fluss gefangen. Ich kann nicht anhalten, nicht aussteigen, mich nicht einmal gegen den Strom bewegen. Monotones vorwärts drängen. Als Kind erschien mir ein Buch zu lesen als die sinnvollste Möglichkeit zu sein. Auf dem Boden sitzend an die Heizung gelehnt in dem kleinen Zimmer mit dem Dachfenster. Der Blick nach draußen ohne Grenzen. Der Blick nach innen unendlich. Ich habe auf jeden neuen Band von Lucy Maud Montgomerys “Anne of Green Gables” gefiebert, die gab es zu Weihnachten und zum Geburtstag. Mit kindlicher Glückseligkeit jede Zeile eingeatmet und jedes Umblättern bedauert, weil die gelesenen Wörter und Sätze nun nicht mehr neu und unberührt auf mich warteten. Ich habe früh Hermann Hesse gelesen. Mit 17. Ist das überhaupt früh? Der Grundstein war ja schon …

Schreiben

Die Einsamkeit des Schreibens, das ist die Einsamkeit, ohne die Geschriebenes nicht entsteht oder zerbrökelt, blutleer von der Suche, was man noch schreiben könnte.Marguerite Duras Es war immer da. Das Schreiben. Manchmal schreibe ich über das Schreiben. Von innen heraus. Keine analytische Betrachtung oder wegweisende Richtlinien, die anderen als Vorgabe dienen könnten. Es ist mehr so, als ob das Schreiben aus sich selbst heraus erzählt. Es ist da. Das Schreiben bricht aus mir heraus. Ergießt sich auf dem Papier. In modernen Zeiten ist es ein Bildschirm. Das ist egal. Es bricht aus. Das Schreiben hatte eine eigene, eigenständige Persönlichkeit, lange bevor ich Stimmen fand, die den gleichen Klang hatten. Das scheint mir vermessen, denn es beinhaltet einen Vergleich. Wer bin ich schon. Also lange, bevor ich Stimmen fand, denen ich mich nah fühlte, von denen ich glaube, zu verstehen, was sie sagen. Es ist 1994. Der 17. Oktober. Ich kann mich nicht mehr an diesen Tag erinnern. Da ist nichts mehr. Ich war an diesem Tag in einem Buchladen und habe ein Buch von Marguerite …

Mit Murakami in der Badewanne

Mein erster Murakami. Südlich der Grenze, westlich der Sonne. Der Titel, den ich mir ausgesucht habe. Ob es eine gute Wahl war, mit diesem Buch einzusteigen? Ich weiß es nicht und es ist zu spät. Und so, wie Hajime schon als Kind begreift, dass es sinnlos ist, über Dinge nachzudenken, die man nicht beeinflussen kann, deren Verlauf unabänderlich ist, so verhält es sich mit mir und meinem ersten Murakami. Er ist gelesen und er wird immer mein erster Murakami sein. Ich wusste nicht wirklich, was mich mit diesem Buch erwartet und ich hatte auch keine Vorstellung, was mich mit Murakami ganz generell erwartet. Aus einer Laune heraus, und sonst mache ich das nicht, legte ich mich zum Lesen in die Badewanne. In der ersten Übersetzung ( und es muss wohl eine literarisch deprimierende Übersetzung einer noch viel deprimierenderen US-Englischen Übersetzung des Orginals gewesen sein, so las ich zumindest) hieß das Buch noch “Gefährliche Geliebte”. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Ich liege nackt in der Badewanne, was an sich schon obszön ist, es …

Crossroads

Ein Inspektor Norcott Krimi von Jürgen Albers Es gibt Geschichten, die verdienen eine besondere Leseumgebung. In diesem Fall geht es um den Krimi ‘Crossroads’ von Jürgen Albers. Wir schreiben das Jahr 1940. Der britische Chief Inspector Charles Norcott hadert mit dem Tod seiner Frau, was auch berufliche Spuren hinterlässt und so kann er wenig dagegen tun, auf einen Posten auf die Kanalinsel Jersey weggelobt zu werden. Die Kanalinseln verbinden die gute englische Tradition mit französischem Flair, einer üppigen Bilderbuchvegetation, bedingt durch den warmen Golfstrom und die Nähe zu Frankreich. Fischerboote, die in der glitzernden See dümpeln, emsiges Treiben am Hafen, Touristen, Märkte. So idyllisch diese Aussicht, so schnell ist die Illusion vorbei. Eine junge Frau wird auf der Nachbarinsel Guernsey ermordert, die Deutschen Truppen halten Frankreich besetzt und die kleine Inselgruppe wird zum Dreh- und Angelpunkt unterschiedlicher staatlicher Interessen. Die britische Armee zieht sich zurück, dafür kommen die Deutschen. Ein Großteil der Bevölkerung flieht, die Zurückgeblieben versuchen aus der völligen Isolation und Abgeschnittenheit das Beste zu machen. Norcott ermittelt nun auf Guernsey und wächst mit …

Das Schreibzimmer

In diesem Beitrag geht es mal nicht um die Frage “Wie schreib ich’s?”, sondern wo. “Das Schreibzimmer” ist Thema der Blogparade von Ricarda von schreibsuechtig.de, die vom 16. Juni bis 31. Juli 2017 läuft. Wie alles begann Als Studentin spielte sich mein Leben und Schreiben auf 24 Quadratmetern ab. Das war meine Winzwohnung, die zugleich Küche, Wohnzimmer, Schlafzimmer, Arbeitszimmer war. Ein Kokon, aus dem ich nicht raus musste. Das gefällt mir. Eine Schreibblase. Meine ersten offiziellen Texte habe ich in einem kleinen Büro geschrieben, die Tür stand auf und im Hintergrund wuselten Kollegen herum, kamen rein, kramten in Regalen und Ordnern, klingelte das Telefon. Das hat mich nicht weiter gestört. Ich habe auf den Bildschirm gestarrt, war ganz bei mir und meinem Text. Ein Schreibzimmer ist trotzdem etwas anderes. Später habe ich in einer Agentur gearbeitet, die die Philosophie vertrat, wahre Kreativität käme nur durch Ausblenden aller, also wirklich aller Ablenkungen. Ein weißes Zimmer mit klinischen Möbeln, reduziert auf Tisch und Stuhl. So generell ist der Ansatz gut, denn zu viel Ablenkung lenkt wirklich ab. …