Wenn man den Mund nicht aufkriegt… muß man eben schreiben

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Wenn man den Mund nicht aufkriegt… muß man eben schreiben

Category:little blog

Ich hatte einen der schlechteren Tage. In denen nichts wirklich Sinn machte. In denen ich das Schreiben für etwas hielt, was so persönlich für mich ist, daß es nicht nach außen dringt. Dringen darf. Und dann kommt dabei sowas raus.

Ein Stimmungsbild.

Schüchterne Menschen gibt es reichlich. Introvertierte Exemplare der menschlichen Gattung. Bei ersteren schwingt immer eine verklemmte Verstocktheit mit. Der Schüchterne kriegt einfach nicht die Zähne auseinander. In zweiten Fall assoziiert der Leser eine elitäre Zurückgezogenheit. Ein Feingeist, der das brutale Leben 1.0 nicht auszuhalten imstande ist.

Wie auch immer, was auch immer. Ich bin so ein Mensch, dessen Zähne wie nach dem Genuss eines Maoam zusammenkleben. Dabei bin ich total schlagfertig… drei Stunden später. Mich strengen Menschenmassen an. Mich erschöpfen Menschen. Nicht immer. Nicht alle. Ich habe kein Haustier,  ich habe eine Hausblume. Eine Orchidee, die es sehr zu schätzen weiß, wenn ich sie alle zwei Wochen in einer Schüssel flute. Das klappt. Das kriege ich hin.

Ich brüte darüber, ob ich spontan auf einen Tweet reagiere oder ob meine Erwiderung doch vielleicht als unpassend empfunden werden könnte. Meistens lasse ich es sein oder schreibe um, denke darüber nach, schreibe um. So ein dämliches 140 Zeichen Dings.

Ich habe eine multiple Schreibpersönlichkeit. Manchmal gelingt es mir, mich hinter der Texterin zu verstecken. Die ist eloquent, kompetent, trocken und wenn sie sich langweilt von beißender Arroganz. So grundsätzlich ist sie aber handzahm und wirklich nett. Echt jetzt. Viele, also eigentlich die meisten Menschen aus dem beruflichen Umfeld kennen sie. Du, schüchtern??? Neeeeeeee, nie nicht!

Ich stehe diesem Social Media gespalten gegenüber. Dieses sich als Autor im Netz prostituieren. Ich meine, ich mache das. Irgendwie. Ich mache das, womit ich mich wohl fühle, ganz vorsichtig, taste meine Grenzen ab und gehe manchmal mit ordentlich Muffensausen drüber. Ich habe das früher auch gemacht, angepasst, dienstlich, marketingstrategisch ausgerichtet. Du mußt dies, Du mußt das, Erfolg planen, blablabla. Ich bin müde. Ich bin müde, weil ich kein was-auch-immer verkaufen will und mich auch nicht. Obwohl ich das ja will, gelesen werden. Also, ich will, daß man mich liest.

So’n bisschen schräg ist das schon, jetzt, in dieser schmerzhaften Geburt als Autor. Diesem raus in die Welt und mutig die Sätze in den Äther schießen, die von innen kommen. Mutig? Haha. Mir bedeuten Followerzahlen nichts, ich meine, die sind überschaubar, aber konstant. Es sind Zahlen. Und die sind anonym. Deswegen bedeuten nur die Menschen dahinter etwas. Das sind echte Menschen. Mit einer eigenen Geschichte. Wenn mir jemand sagt, daß er das gern liest, „Du haust da Dinger raus“. Tue ich? Ich bin immer wieder erstaunt, wenn ich merke, das kriegt einer mit, was ich da tue.

Als Kindergarten und Schule noch ein Thema war, war ich die Schattenmutter, die man nicht gesehen hat, auch wenn klar war, dass ich existieren mußte. Ich habe mich unsichtbar gefühlt. Kein Schnack mit anderen Müttern (ehrlich, ich steh nicht so auf Mütterthemen, Bastelkram und die drölfzigste Anekdote über irgendein total niedliches Kind – ich habe damals Schultüten selbst gebastelt, für meine Kinder – es ist kompliziert) und irgendwann war ich überzeugt, real unsichtbar zu sein. Ich bin aus allen Wolken gefallen, als mich eine andere Mutter ansprach, grüßte und mich sogar dem richtigen Kind zuordnen konnte (was ich bis auf wenige Ausnahmen nie geschafft habe).

Ich bin in Gesprächen und im Smalltalk ungeschickt. Ich bin ehrlich, was auch nicht immer gut rüber kommt. Ich kann mich selbst auf den Arm nehmen und die elitären 5 Minuten, die ich manchmal habe (ohne intellektuelle Berechtigung), ironisch betrachten. Merke, die Ironie entgeht einem Fremden, der mich nicht gewohnt ist. Ein Dilemma, wer mich gewohnt ist, ist auch geneigt, meine Egoanfälle zu ertragen (lacht sich also scheckig), aber wen lasse ich schon sich an mich gewöhnen?

Ich mag Menschen, die leise sind, die nicht wie ein Vorschlaghammer den Raum für sich beanspruchen. Auf Bedarf kann das der Werbetexter auch, so is ja nich. Aber danach habe ich einen Seelenkater von zuviel nach außen. Im schlimmsten Fall Migräne, weil ich mich frage, wer zur Hölle das da eben gewesen ist. Ich war es nicht, auch wenn ich körperlich dabei war.

Ich schreibe diese Sätze  und finde das schon wieder entsetzlich überflüssig. Wozu sich mit der eigenen introvertierten Misere produzieren? Ist das nicht auch schon wieder so ein Anbiederungsmarketingdings?? Was ist authentisch, wenn ich am authentischsten bin, wenn keiner zuguckt? Das Klischee vom in sich gekehrten Autor, der zarten Schreibseele? Ich habe immerhin die Gewissheit, daß ich unsichtbar bin. Also sieht mich keiner, also liest auch keiner, was ich schreibe. Also schreibe ich für mich.

Und das ist ein gutes Gefühl, ganz bei mir sein. In meinem Schreibraum.

Ich

 

Es gibt übrigens ein paar schöne Beiträge zum Thema Autoren und Introvertiertheit. Wer da lesen mag:

Blog: leiselaute | Designblog für Introvertierte

The Guardian: „What lies beneath: an introvert’s guide to fiction – and life“

Margaret Dilloway: „How to overcome imposter syndrome as a writer“

 

 

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4 Comments

Nina

September 4, 2016at 5:38 pm

Hallo Toni,
Du sprichst mir aus der Seele. Deine Sprache sind die Worte, meine die Bilder. Auf dass es ganz viele Deiner Texte an die Öffentlichkeit schaffen und Du die Anerkennung bekommst, die Du Dir wünschst!
Leise Grüße, Nina

P.S: Ganz lieben Dank fürs Verlinken :)

    Toni Scott

    September 4, 2016at 2:12 pm

    Liebe Nina, sehr gerne. Ich hab’ mich bei Dir (auf Deiner Seite) gleich wohl gefühlt!

Joule

April 13, 2017at 10:04 am

Danke für deine offene und ehrliche Art. Es ist sicher nicht einfach gewesen sich so zu öffnen. Du bist eine Inspiration und Ermutigung für so viele andere (wie z.B. mich)!! Die Welt braucht Menschen wie dich, wie uns!! Schön.

    Toni Scott

    April 13, 2017at 11:42 am

    Danke schön für die lieben Worte. Tatsache ist, man gewöhnt sich an das Außen, man härtet ein wenig ab, das macht die Sache leichter. Etwas anderes ist es, authentisch zu bleiben oder vielleicht auch zu werden, wenn der Social Media Strom gerade in eine andere Richtung stürmt. Dann zu sagen, nö, da mache ich jetzt mal nicht mit, das sehe ich anders, lass sie machen …

    Ich wünsche Dir schöne Ostertage, Toni

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