Vom Schreib-Ego und Schreibspannung – großkopfeter Giftzwerg gegen Selbstzweifel

  • 2

Vom Schreib-Ego und Schreibspannung – großkopfeter Giftzwerg gegen Selbstzweifel

Tags : 

Ich denke viel über das Schreiben nach. Ich denke auf dem Schreiben herum, kaue es, schiebe es von einer Seite auf die andere, schmecke und kaue wieder. Ich schreibe über das Schreiben. Weniger über Technik und Handwerk, als über meine Einstellung dazu. Was ist Schreiben für mich? Wo stehe ich mit meinen Scheiben? Vielleicht liegt es daran, daß ich gerade Neil Gaiman, The View from the cheap seats lese. Seine Texte bescheren mir Leseglück. Er sagt alles, was man dazu sagen kann. Das klingt so absolut. Er wird noch mehr sagen und schreiben. Andere auch. Vielleicht passt Neil Gaiman auch einfach wie die Faust aufs Auge, weil ich mich mit mir und meinem Schreiben auseinandersetze. Da ist es wieder. Ich lese, um Antworten zu finden. Das hatte ich Sandro Abbate auf seinen Aufruf #warumichlese geantwortet. Intuitiv, aus dem Bauch. Und es stimmt. Mehr, als mir in dem Moment bewusst war. Ich suche Antworten auf die Frage, warum ich schreibe, was ich zu sagen habe, was ich erzählen will. Und wieder einmal war es der Austausch, der einen Gedanken frei setzte.

Mein Schreib-Ego ist ein »großkopfteter Giftzwerg« , dem ich die Selbstzweifel entgegenhalte.

Die Österreichische Krimiautorin Annie Bürkl verlinkte zu einem Interview mit Christoph Waltz. Wir waren uns einig, daß sein Ansatz für die Schauspielerei wie für das Schreiben gilt: Weitermachen, besser werden, die Mittelmäßigkeit ertragen. Einfach nicht aufhören an sich zu arbeiten, ob es nun einer merkt oder nicht. Und so landete ich gedanklich beim Schreib-Ego. Ich denke, hinter jedem künstlerischen Ausdruck steckt auch ein Ego. Alan Rickmann fällt mir ein, der so bescheiden, so ego-befreit in seinen Interviews sprach, daß es schon wieder arrogant klang. Vielleicht interpretiere ich das auch nur ihn rein? Er kann sich nicht mehr wehren, denn er ist leider verstorben, ganz plötzlich. Ich halte ihn für einen wunderbaren Schauspieler. Und er war viel mehr als nur das. Es gibt Menschen, die sind so voller Güte, so engelsgleich gut, bescheiden und selbstlos. Ich bin das nicht. Ich glaube von mir, eine ganz passable Version Mensch zu sein und ich gebe mir sehr viel Mühe, die beste Version von mir selbst zu sein. Aber ich bin mir sehr deutlich bewußt, wie unvollkommen ich bin, wie unvollkommen mein Schreiben ist.

Extreme sind die Pole, zwischen denen sich die zum Leben notwendige Spannung erzeugt. Hermann Hesse

Auf das Schreiben übertragen, sind der Giftzwerg und die Zweifel die Pole, zwischen denen sich Schreibspannung entwickelt. Ich brauche den Giftzwerg, um dem Punkt zu finden, meine Geschichte loszulassen. Um überhaupt den Mut zu finden, an den Leser heranzutreten, für ein Publikum zu schreiben. Ich brauche den Zweifel, um das passende Wort, den besten Ausdruck, den Weg zu finden, meine Geschichte so erzählen, wie sie erzählt werden muß. Ich brauche den Zweifel, um der beste Autor zu sein, der ich in diesem Moment sein kann. Und ich benötige den Giftzwerg, um mich auf der Suche danach nicht zu verlieren, zu resignieren, aufzugeben.

Ich nenne das Schreib-Ego Giftzwerg, weil ich grundsätzlich und ganz spirituell der Meinung bin, daß das Ego hinderlich und lästig ist. Das Ego sorgt dafür, daß ich mich ganz toll finde, daß ich mich im recht fühle, daß ich mit meinem Allerwertesten im warmen Muspott ( das sagte mein Deutschlehrer, wenn die Klasse nicht in Schweiß kam) sitzen bleibe. Innerer Wachstum, Toleranz, Aufgeschlossenheit und Neugierde, wie soll ich über meinen Schatten springen, meine Grenzen überwinden, wenn mir das Ego wie Kaa, die Schlange, ins Ohr wispert, daß ich das gar nicht nötig hätte. Genau so giftig sind die Selbstzweifel. Das kannst Du nicht. Das haben andere schon gemacht und viel besser. Das liest eh keiner. Was bildest Du Dir überhaupt ein?

Wäre es nicht viel einfacher, wenn ich ohne Giftzwerg und Zweifel schreiben könnte? Wenn ich mir meiner selbst – in aller Bescheidenheit – so sicher sein könnte, daß ich meine Geschichten ohne Druck, ohne Emotion, ohne zwischen den Extremen zu vibrieren erzähle? Wäre das dann leidenschaftslos und fad? Oder entsteht durch die fragile Verbindung zwischen Ego und Zweifel eine Leidenschaft, die das Schreiben erst möglich macht?

Ich schreibe in diesem Spannungsfeld, bewege mich mal mehr in die eine oder andere Richtung. Das Schreiben führt aus sich heraus zu einer Stabilität, in der ich weiter schreibe, an mir arbeite, besser werde und aus der Mitte heraus wachse.


Annie Bürkl://www.texteundtee.at/

Interview mit Christoph Waltz: https://www.redbulletin.com/at/de/culture/christoph-waltz-es-war-schon-so-frustrierend

Sandro Abbate: //novelero.de/

Mein Beitrag:  „Warum ich lese“

Das könnte Dich auch interessieren!


2 Comments

Sven Hensel

Juli 3, 2016at 8:24 pm

Wunderbar geschrieben, sehr interessante Gedankengänge! Ich halte das Ego für eine Quintessenz des Schreibens, dessen Bedeutung erst dann schmerzlich bewusst wird, wenn das Ego mal nicht mehr da oder gebrochen ist. Dann kommen, wie du anmerkst, Selbstzweifel und auch die Unsicherheit, die Schreibprozesse verlangsamen oder gänzlich stoppen können. Solange das Ego noch für Selbstvertrauen und nicht für Arroganz steht, bin ich froh, dass es da ist :)
P.s. Alan Rickman war einer meiner Lieblingsschauspieler und ich habe immer geträumt, ihn einmal auf der Bühne zu sehen…

Leave a Reply

Newsletter

Archiv