Trivial und unter der Gürtellinie

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Trivial und unter der Gürtellinie

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Ich kann auch von „elementaren Kräften angetrieben“ schreiben. Der Grat ist schmal, den intimen Augenblick der Protagonisten durch die handwerkliche Unpässlichkeit des Autors zu zerstören. In welchem Maße ist Erotik im Buch angemessen, wieviel Wollust verträgt anspruchsvolle Unterhaltung? Muß es immer eine klare Trennung von U und E geben? Ich setze mich mit Literatur auseinander, ein wenig. Wer sagt überhaupt, wer legt fest, was U und E ist, wie ein Autor, ein Leser sich zu verhalten hat? Was er schreiben, respektive lesen darf. Ich bin nicht über alles erhaben, ich suche nicht permanent den tieferen Sinn in allem und jedem und muß auch nicht dem letzten trivialen Moment noch eine metaphysische Tiefe abgewinnen, um zu demonstrieren, wie intellektuell, wie verkopft oder ernsthaft ich bin. Denn das bin ich nicht.

Da sind Momente, Situationstrivialität: könnte man das postkoitale Endorphinhoch in der Schmerzbekämpfung nutzen? Beim Zahnarzt stelle ich mir das schwierig vor. Und die Endorphine tragen einen vermutlich auch nicht durch eine komplette Wurzelbehandlung. Auch beim alltäglichen Kosmetikdrama, also, Beispiel Epilieren. »Schatz, könntest Du mal schnell…«, um danach wie von der Tarantel gestochen aufspringen, ins Bad sprinten und den Epilierer anwerfen. Oder gleich im Bad, um kostbare Zeit zu sparen?

Ich meine, wozu hat man Hormone, wenn nicht für die Bewältigung der alltäglichen Herausforderungen? Aber das war es dann schon wieder. In Büchern brauche ich keine pralle Männlichkeit, keine rot geschwollenen Lippen, keine wollüstigen Aufstöhner auf spätestens Seite 103. Das interessiert mich nicht. Es langweilt mich. Und das hat es schon immer. Zu meinem 18. Geburtstag bekam ich eine Anthologie der Erotischen Literatur von meinen Freunden, die meinten, es wäre Zeit, daß der Sex Einzug in mein Buchregal hält.

Schreiben ist mein Sex.

Das ist auf der einen Seite natürlich Quatsch, denn ich habe ja einen Herzbesten (Ehemann) und ein Privatleben. Auf der anderen Seite stimmt es schon, denn das Schreiben löst ähnliche Glücksgefühle aus.

little editionWogegen ich nichts habe, was mich interessiert, ist die viel subtilere Spannung zwischen Menschen, die sich langsam in einer Geschichte aufbaut. Zum Beispiel in »Abbitte« von Ewan McGregor. Es ist der Sommer 1935. Es ist kompliziert. Cecilia und Robbie sind wie eine vage formulierte Frage, die im Raum steht und die nicht über die gedachte Antwort hinaus kommt. Für die 13jährige Briony, Cecilias Schwester, ist die unübersehbare Spannung unbegreifbar und zu verstörend. Lust als Bedrohung, die das Ende einer beginnenden Liebe bedeutet, die Leben in den Abgrund reißt. Ich habe bitterlich geweint. Denn Leidenschaft, Sehnsucht und Verlangen sind etwas anderes als bedarfsgerechtes Rumficken, um sich Zeit und angestaute Hormone zu vertreiben.

Ganz knifflige Sache! Einige wenige Freundinnen haben die 50 Schattierungen unerfüllter Hausfrauenträume gelesen. Jedem Tierchen sein Pläsirchen und so. Ich habe mich, weichgekocht durch ihre Empfehlungen, tapfer durch 100 Seiten gequält, vergeblich Erotik, Spannung oder aufkeimende Feuchtigkeit gesucht. Das Buch ist, äh, zielgruppengerecht formuliert. Schlicht, einfach, verständlich. Kann ich nicht laut sagen, denn welches Licht würde das auf die erwähnten Freundinnen werfen? Wir haben unterschiedliche Wahrnehmungen. So. In meiner persönlichen Wahrnehmung sind selbst die als »Historicals« getarnten Softpornos in der Groschenromanabteilung im Supermarkt heißer. Und das kann ich beurteilen, denn meine Studienfreundin las die damals und ich aus Langeweile gleich mit.

Auch ein heißes Eisen ist „Outlander“ von Diana Gabaldon. Also, ich mag die Geschichte an sich, so is ja nich. Und hier und da ein wenig schwungvoll genitales Geplänkel … Sittengemälde, das hört sich prüde an. Liegt es doch an mir und ich bin voll verklemmt? Vielleicht liegt es daran, daß ich als Kind, nachdem ich die Kinderbücher durchgelesen hatte, meinen Lesehunger mit den Büchern im Wohnzimmer gestillt habe. Daß meine Mutter „Die Leute vom Peyton Place“ mit „Die Leute vom Eaton Place“ verwechselt hatte, habe ich damals lieber nicht gesagt. Ich war dann auch ausreichend aufgeklärt. Etwas später habe ich mich durch alle (wirklich alle!) Bände „Angélique“ von Anne Golon gelesen. Daran wird es wohl gelegen haben. Sexualliterarisch war ich danach satt.

Ich glaube, ich möchte einfach lieber selber entscheiden, was ich vor meinem inneren Auge sehen möchte und von der Geschichte keinen Penis mit Linksknick und Pickel am Sack aufgezwängt bekommen. Die Liebesgeschichte zwischen Christabel LaMotte und Randolph Henry Ash in »Besessen« von Antonia S. Byatt bietet so viel mehr Raum für Phantasie. In den Zeilen fand ich Erotik, Spannung und Verlangen. Flüchtig, vage, fragil, kein literarisches Fisting. In den Stimmen zum Buch betitelte die New York Newsday das Buch als »literarischen Thriller«, womit sie recht haben. Zwei Zeitebenen, zwei Handlungsstränge, die miteinander verwoben sind, deren Entwicklung ihre Entsprechung im jeweils anderen findet. Voller Poesie, voller Tragik, voller Raum und Zeit für Gefühle. Und Bücher! Und ich empfehle auch die Verfilmung mit einer entzückenden Jennifer Ehle (ja, auch Gwyneth Paltrow war gut und spröde). Alles auch eine Frage des Stiles, denn bei dem Film »Heiraten für Fortgeschrittene« habe ich Tränen gelacht und da wird gevögelt – und das auch noch auf dem Friedhof!

Überhaupt, ich lese selten Frauenromane. Ich habe mir ein Buch von Barbara Cartland gekauft, jedoch nur, weil ich vorher die Verfilmung mit Helena Bonham Carter gesehen hatte: „A Hazard of Hearts“ (Wagnis der Liebe). Der Titel allein schon … das war 1987.  Ich mochte „Bridget Jones“ und „Charleston Girl“ von Sophie Kinsella wirklich, aber diese romantischen-und-dann-dauert-das-372-Seiten-bis-sie-sich-endlich-kriegen-Dinger. Springt mich nicht an. Ich bin offensichtlich schwierig.

Ich habe mich – und das wird die Freundesrunde von damals mit der Anthologie und dem Decamerone freuen – tatsächlich mit Erotik auseinander gesetzt. Ich nenne ein handsigniertes Exemplar von Rüdiger Dahlke »Mythos Erotik« mein eigen, wo es um genau den Konflikt zwischen Rammeln und Eros geht. Clarissa Pinkola Estés‘ „Die Wolfsfrau. Die Kraft der weiblichen Urinstinkte“ ist ein weiterer mythologisch märchenhafter und archaischer Ansatz. Die Griechen als weltoffenes Völkchen ließen schon Plato ausgiebig über Eros philosophieren. Entstehungsmythen – Gaia – Eros.

Und bevor das hier zu feministisch, zu esoterisch wird, erzähle ich einen Witz. Ich schreibe ihn, das ist besser, denn ich bin ein schlechter Witzeerzähler. Geht los.

Er zu seinem Kumpel:“ Ich habe meine Freundin heute mit Oralsex geweckt.“
Kumpel:“Und was hat sie dazu gesagt?“
Er:“Laff daff!“

Und was mache ich jetzt mit den An- und Auszüglichkeiten? Kann man Erotik und Sex in der Literatur überhaupt auf einen Nenner, in eine Schublade bringen? Vielleicht kann man das so stehen lassen:

Erotik beginnt im Kopf und endet im Genital. Ergo ist Schreiben erotisch. Ob das Geschriebene dann eine erotische Wirkung hat, bleibt dem Leser überlassen.

 

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