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5 Erkenntnisse: Was ich vom Sport über das Schreiben gelernt habe

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Mein Atem gibt den Rhythmus gleich einem Mantra vor. Fff-Fff-shh-shh – Fff-Fff-shhhhh – Fff-Fff-Shh-Shh… Meine Füße finden von alleine den Weg. Ich lass den Körper mal machen, während ich mit meinen Gedanken beim Schreiben bin.

Sich mit dem eigenen Schreiben, mit dem eigenen Tun auseinander setzen ist Persönlichkeitsentwicklung. Wenn ich wissen will, wo mein Weg hinführt, wo ich mit dem Schreiben landen will, muß ich mir nur den Sport angucken, mich beim Sport beobachten. Ich gehe an den Anfang zurück in die Kinderzeit.

Ich habe den Schulsport gehasst. Ich trage eine Brille und bin so reaktionsschnell wie eine Schildkröte. Volleyball? Fehlanzeige. Auch Geräte jeder Art hatten eine abschreckende Wirkung. Schwebebalken, Barren… zu hoch, zu schmal, zu was auch immer. Nicht meins. Dafür war ich ganz flott unterwegs. So alleine. Schwimmen – ohne Brille wie ein Maulwurf auf hoher See, wo war der Pilotfisch? Bälle flogen bei mir auch nicht weiter, als ich einen Sumoringer schubsen könnte.

Ich habe Judo ausprobiert, zweineinhalb Jahre. Zu viel Feindkontakt. Ich habe Badminton gespielt, da bleibt der Feind hübsch hinter seinem Netz, aber das mit dem Ballwege antizipieren… nun ja. Ich habe 1988 einen Tanzkurs gemacht, ich mag das durchaus, würde aber nicht mit fremden Männern tanzen, auch keinen Bekannten, außer dem Geehelichten. Zuviel Kontakt. Zuviel Führung vom Gegenüber. Mein Tanzpartner von damals war homosexuell und hat später Modedesign studiert – ich habe geführt.

Erste Erkenntnis: Man muß die Dinge ausprobieren um herauszufinden, ob sie zu einem passen.

Ich hatte nie das Gefühl, für irgendeine Sportart ausreichend talentiert zu sein. Dann die Wende an der Uni. Flott fit werden. Eine Studienfreundin und ich besuchten die Einführungsveranstaltung für Krafttraining. Potenziertes Testosteron vorm Spiegel und drei Studentinnen mit 200g Hanteln, geschminkt, am labern. Zu denen wollte ich auf keinen Fall gehören. Also habe ich angefangen, für mich allein. Meine Studienfreundin stellte fest, daß es nicht reicht, dreimal auf eine Hantel zu schauen, um wie Claudia Schiffer auszusehen und gab auf. Ich trainierte. 45 Minuten auf dem Crosstrainer im Geländemodus und dann an die Geräte. Ich war allein mit einem Haufen männlicher Studenten. Nach sechs Monaten bekam ich das erste Lob für vorbildliches Aufwärmtraining. Der erste Sportkollege half beim letzten little editionSatz, feuerte an, grüßte. Ich war dabei. Ich hatte mir den Respekt verdient. Und wir waren eine coole Truppe, 8 Jungs (ich eingeschlossen) aus allen Studienbereichen, die dort überhaupt keine Rolle spielten. Das ist gelebte Toleranz. Wir brachten Musik mit in den Kraftraum, den wir bei Brötchen und Cola an einem Wochenende neu strichen. Wir quatschten und halfen uns gegenseitig, feierten Erfolge: Klausuren, Seminarscheine und der dickste Muskelumfang. Mit einem Oberarm von 27 cm hatte ich keine Chance, aber dafür standen sie alle ehrfürchtig um mich rum, als ich an der mittelalterlichen Beinpresse alle 240kg gedrückt hielt. “Jungs, ich hab’ sie!”

Natürlich ist das eine Egosache. Wir konnten uns selber auf den Arm nehmen. Es gab auch welche, die tatsächlich mit nacktem Oberkörper vor dem Spiegel trainiert haben. Das bot sich bei mir jetzt nicht so an. Und natürlich habe ich mich amüsiert, wenn ich Klimmzüge machte oder an einem anderen Gerät die Kiloscheiben im höheren Bereich arretieren ließ und ein männlicher Neuzugang zuguckte, überlegte, wenn das kleine Mädchen das kann… und sich dann gar nichts bewegte. Das darf mal sein, oder? Sie nannten mich Animal. Klimmzüge mit den Fingerkuppen auf der Türzarge. Wasserkisten an zwei Fingern. Mittlerweile bin ich davon soweit entfernt wie vom Mond. Also zehre ich von seligen Erinnerungen.

Zweite Erkenntnis: Wenn ich mir etwas vorgenommen habe, ziehe ich das durch. Soll’n se doch alle gucken.

Nach dieser einmaligen Zeit landete ich beim Aerobic. Nicht diese 80ger-Version mit Sydne Rome auf Schallplatte, die ich in meinem Kinderzimmer gemacht hatte. Schon das, was man jetzt so kennt. Gefiel mir gut. Kam ich mit klar. Der Vorteil: man ist nicht allein, muß sich aber auch mit niemandem direkt auseinander setzen.

Dann kamen zwei Kinder und die unausweichlichen Pfunde. Ich dachte an das »Animal« und starrte heulend auf 86kg Körpergulasch im Spiegel. Das war ich nicht. Und nun? Ich saß mit einer Freundin bei Kaffee und Schokolade auf dem Sofa und wir bemitleideten uns gegenseitig. Davon nimmt man nicht ab. Wir haben noch am selben Abend das Training im Schwimmbad aufgenommen. 1000m, jeden Mittwoch. Ich kaufte mir Kontaklinsen, eine Schwimmbrille und packte den Freitag mit 2000m oben drauf. Es hat vier Wochen Brettchentraining gedauert, bis ich das mit der »Unterwasseratmung« raus hatte. Ich habe mich wirklich wie Patric Duffy (“Der Mann aus Atlantis”) gefühlt, als ich schwimmen und atmen konnte und es keinen Unterschied machte – so lufttechnisch – ob ich über oder unter Wasser war. Das war unglaublich. Meine Kraultechnik hat trotzdem was von besoffene Seerobbe. Dann schloss das Bad und ich saß wortwörtlich auf dem Trockenen.

Dritte Erkenntnis: Einfach anfangen, weitermachen, nicht aufgeben.

Ich fand Laufen ja immer doof. So in der Gegend rumrennen. Mit Kind und allem ist sowohl das finanzielle, als auch das zeitliche Budget begrenzt. Ich habe in ordentliche Laufschuhe investiert, meine Sportuhr umgeschnallt. Genau die, mit der ich schon meine Schwimmzeiten gestoppt hatte. Dann habe ich eine kleine Route in der allernächsten Umgebung gesucht und bin los. 1 Minute Laufen, 2 Minuten gehen. Bis sich die Masse in Bewegung gesetzt hatte, war die Minute auch schon fast rum. Nach 5 Durchgängen habe ich mich gefagt, was mich da eigentlich getreten hat. Okay, es war das Wort mit “Sch…”. Ich habe weiter gemacht. Nach ein paar Wochen bin ich total euphorisch 17 Minuten am Stück getrabt. Die Runde wurde etwas größer und beinhaltete nun die Straße zum Yachthafen Fahrensodde. Die Pyrenäen sind nix dagegen, ganz ehrlich! Ich bin sie hoch gelaufen. Von unten, vom Strand hoch! Das erfordert Willenstärke und Disziplin, alles tut weh, der Muskel beißt, das Hirn jammert ohne Unterlass. Ab da war alles möglich.

little editionMarathon – New York, ich komme! Ganz real habe ich mir überlegt, dass ich dann auch die Roikierseerrunde laufen könnte. Durch den Wald, praktisch bis Glücksburg. Waren es bisher bummelig 3km, wartet die Roikierrunde mit 8km und vielen kleinen Hügeln auf. Wie ich so bin, habe ich mir das vorgenommen, keinem erzählt und bin los. Ich habe mir einfach gesagt, dass ich das überhaupt nicht schaffen muß und einfach langsam losgehoppelt. Mal gucken, was passiert. Auf der Rückrunde ist auch so ein Psychohügel, den bin ich dann gegangen. Und ich bin wirklich langsam, brauche eine gute Stunde. Auf dem vorläufigen Höhepunkt bin ich die Runde zweimal hintereinander gelaufen, mit Zwischensprints. Als logische Konsequenz habe ich mich für den womensrun in Hamburg angemeldet.

Anekdote: die Waldwege sind nicht gerade, also laufe ich da, wo es möglichst eben ist, um die Gelenke zu entlasten. Das heißt, ich laufe mal auf dem rechten Rand oder der Mitte, oder links. Eines Tages trabe ich um eine Kurve, auf der linken Seite!, als mir ein älteres Ehepaar entgegenkommt, ich ausweichen muß und angebrüllt werde: “In Deutschland geht man rechts!” Da fehlen einem die Worte. Sollte ich jetzt einen trainingsphysiologischen Vortrag über einseitige Belastung von Gelenken und Menisken halten?

Um die Laufgeschichte kurz zu machen: Stechen im Knie, runder Schnubbel am Oberschenkel, große Arztpanik mit MRT. Leute, das ist kein Krebs, ich habe keine Zeit zum Sterben. Dafür Training im A… Ich bin den womensrun 2011 – offizielles Motto »Running Queen« gelaufen, getaped bis zu den Ohren und mit der Vermutung, dass es wahrscheinlich der einzige Lauf in meinem Leben sein wird. New York adé. Eine Woche nach einer wirklich tollen und emotionalen Veranstaltung in Hamburg lag ich unterm Messer. Der Schnubbel war eine unüblich große Fettgeschwulst, die sich an das Kniegelenk gefressen hatte. Der Knorpel unter der Kniescheibe im Dutt. Das eine hat nichts mit dem anderen zu tun.
Nach zwei Wochen kamen die Tackerdinger raus (Knie sah aus wie Frankenstein…) und ich habe mit Pilates angefangen. Ich hatte schon ein paar Jahre Pilates gemacht, den V-Sit habe ich nie zur Perfektion gebracht. Und auch, wenn man das Powerhouse trainiert,braucht man erstaunlich oft das Bein, auch wenn man es nur mittelbar nutzt. Heißt: wenn ich das rechte Bein trainiere, färbt das auch auf das linke Bein ab. Das war zumindest der Plan. Es hat ein bisschen gedauert, aber ich habe wieder mit dem Laufen angefangen. Von vorne, bei Null. Das Knie mochte das nur bedingt und muckte schon bei Treppenstufen. War ich alt? Rottete ich jetzt vor mich hin?

Vierte Erkenntnis: Es kommt immer anders, als man denkt. Wenn Plan A nicht funktioniert, hilft es nichts. Akzeptieren und Plan B entwickeln. Und eben wieder von vorne beginnen.

Wir haben einen Sandsack im Flur hängen. Ich mache ein Kickbox-Cardio-Workout, was meinem Orthopäden graue Haare beschert, Pilates, Yoga und Meditation in einer wilden Mischung. Dieses Jahr bin ich zum ersten Mal wieder gelaufen, die Roikierrunde. Aus dem Stand 4km am Stück geschafft, den Rest »gewalkt«, zusammen mit dem Herzbesten, das war sehr schön. Ich mußte lernen, einige Übungen an die Knie-Realität anzupassen. Ich mache das dann eben anders.

Fünfte Erkenntnis: Nicht jeder versteht, was und warum Du das genau so machst. Das spielt auch keine Rolle. Wichtig ist, darauf zu vertrauen, selber den Weg zu finden.

 

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Vom Schreib-Ego und Schreibspannung – großkopfeter Giftzwerg gegen Selbstzweifel

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Ich denke viel über das Schreiben nach. Ich denke auf dem Schreiben herum, kaue es, schiebe es von einer Seite auf die andere, schmecke und kaue wieder. Ich schreibe über das Schreiben. Weniger über Technik und Handwerk, als über meine Einstellung dazu. Was ist Schreiben für mich? Wo stehe ich mit meinen Scheiben? Vielleicht liegt es daran, daß ich gerade Neil Gaiman, The View from the cheap seats lese. Seine Texte bescheren mir Leseglück. Er sagt alles, was man dazu sagen kann. Das klingt so absolut. Er wird noch mehr sagen und schreiben. Andere auch. Vielleicht passt Neil Gaiman auch einfach wie die Faust aufs Auge, weil ich mich mit mir und meinem Schreiben auseinandersetze. Da ist es wieder. Ich lese, um Antworten zu finden. Das hatte ich Sandro Abbate auf seinen Aufruf #warumichlese geantwortet. Intuitiv, aus dem Bauch. Und es stimmt. Mehr, als mir in dem Moment bewusst war. Ich suche Antworten auf die Frage, warum ich schreibe, was ich zu sagen habe, was ich erzählen will. Und wieder einmal war es der Austausch, der einen Gedanken frei setzte.

Mein Schreib-Ego ist ein »großkopfteter Giftzwerg« , dem ich die Selbstzweifel entgegenhalte.

Die Österreichische Krimiautorin Annie Bürkl verlinkte zu einem Interview mit Christoph Waltz. Wir waren uns einig, daß sein Ansatz für die Schauspielerei wie für das Schreiben gilt: Weitermachen, besser werden, die Mittelmäßigkeit ertragen. Einfach nicht aufhören an sich zu arbeiten, ob es nun einer merkt oder nicht. Und so landete ich gedanklich beim Schreib-Ego. Ich denke, hinter jedem künstlerischen Ausdruck steckt auch ein Ego. Alan Rickmann fällt mir ein, der so bescheiden, so ego-befreit in seinen Interviews sprach, daß es schon wieder arrogant klang. Vielleicht interpretiere ich das auch nur ihn rein? Er kann sich nicht mehr wehren, denn er ist leider verstorben, ganz plötzlich. Ich halte ihn für einen wunderbaren Schauspieler. Und er war viel mehr als nur das. Es gibt Menschen, die sind so voller Güte, so engelsgleich gut, bescheiden und selbstlos. Ich bin das nicht. Ich glaube von mir, eine ganz passable Version Mensch zu sein und ich gebe mir sehr viel Mühe, die beste Version von mir selbst zu sein. Aber ich bin mir sehr deutlich bewußt, wie unvollkommen ich bin, wie unvollkommen mein Schreiben ist.

Extreme sind die Pole, zwischen denen sich die zum Leben notwendige Spannung erzeugt. Hermann Hesse

Auf das Schreiben übertragen, sind der Giftzwerg und die Zweifel die Pole, zwischen denen sich Schreibspannung entwickelt. Ich brauche den Giftzwerg, um dem Punkt zu finden, meine Geschichte loszulassen. Um überhaupt den Mut zu finden, an den Leser heranzutreten, für ein Publikum zu schreiben. Ich brauche den Zweifel, um das passende Wort, den besten Ausdruck, den Weg zu finden, meine Geschichte so erzählen, wie sie erzählt werden muß. Ich brauche den Zweifel, um der beste Autor zu sein, der ich in diesem Moment sein kann. Und ich benötige den Giftzwerg, um mich auf der Suche danach nicht zu verlieren, zu resignieren, aufzugeben.

Ich nenne das Schreib-Ego Giftzwerg, weil ich grundsätzlich und ganz spirituell der Meinung bin, daß das Ego hinderlich und lästig ist. Das Ego sorgt dafür, daß ich mich ganz toll finde, daß ich mich im recht fühle, daß ich mit meinem Allerwertesten im warmen Muspott ( das sagte mein Deutschlehrer, wenn die Klasse nicht in Schweiß kam) sitzen bleibe. Innerer Wachstum, Toleranz, Aufgeschlossenheit und Neugierde, wie soll ich über meinen Schatten springen, meine Grenzen überwinden, wenn mir das Ego wie Kaa, die Schlange, ins Ohr wispert, daß ich das gar nicht nötig hätte. Genau so giftig sind die Selbstzweifel. Das kannst Du nicht. Das haben andere schon gemacht und viel besser. Das liest eh keiner. Was bildest Du Dir überhaupt ein?

Wäre es nicht viel einfacher, wenn ich ohne Giftzwerg und Zweifel schreiben könnte? Wenn ich mir meiner selbst – in aller Bescheidenheit – so sicher sein könnte, daß ich meine Geschichten ohne Druck, ohne Emotion, ohne zwischen den Extremen zu vibrieren erzähle? Wäre das dann leidenschaftslos und fad? Oder entsteht durch die fragile Verbindung zwischen Ego und Zweifel eine Leidenschaft, die das Schreiben erst möglich macht?

Ich schreibe in diesem Spannungsfeld, bewege mich mal mehr in die eine oder andere Richtung. Das Schreiben führt aus sich heraus zu einer Stabilität, in der ich weiter schreibe, an mir arbeite, besser werde und aus der Mitte heraus wachse.


Annie Bürkl://www.texteundtee.at/

Interview mit Christoph Waltz: https://www.redbulletin.com/at/de/culture/christoph-waltz-es-war-schon-so-frustrierend

Sandro Abbate: //novelero.de/

Mein Beitrag:  “Warum ich lese”


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