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Kommunikation – GFK auch im Web?

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Ich stehe in Husum beim Bäcker in der Schlange. Eine ältere Dame – aus der Generation, die so viel auf sich hält und es deswegen besser wissen müßte – bestellt grußlos und in pampigem Ton: “Einmal Pflaume, ein Käse-Sahne!” Die pädagogischen Bemühungen der Bäckereifachangestellten enden fruchtlos.

Fremdschämen ist angesagt. Und im Netz geht das noch schneller als an der Käsetheke um die Ecke. Im scheinbar anonymen Internet sind die Auswüchse fragwürdigen Gebahrens ebenso grenzenlos, wie die Möglichkeiten sich daneben zu benehmen. Cybermobbing ist Thema an jeder Schule, öffentliche Profile werden zur Einschätzung von Jobbewerbern akribisch analysiert und ausgewertet.

Gutes Benehmen ist ein Zeichen von Intelligenz.

Das habe ich meinen Kindern immer gepredigt. Es zeugt von Reflektionsvermögen und Respekt dem anderen gegenüber. Seinen Mitmenschen wertschätzend und höflich zu begegnen sollte selbstverständlich sein. Selbst, wenn man total aus der Haut fahren möchte, weil etwas überhaupt nicht klappt. Man kann trotzdem soviel Anstand wahren, den Gegenüber nicht in Grund und Boden zu brüllen, zu demütigen oder anderweitig verbale Gewalt zu verbreiten.

Man kann nicht nicht kommunizieren.
Paul Watzlawick

Aber wie kommuniziert man denn dann? Ein Grundgerüst gesellschaftlicher Umgangsformen, die Kommunikation einschließt, kann via Erziehung von Eltern zu Kindern weitergegeben werden. Dort wird die Basis definiert und der Nährboden, auf dem sich Charakter und Persönlichkeit entwickeln können; abhängig von Normen und Konventionen in einem kulturhistorischen Kontext und dem gern zitierten sozialen Umfeld. Auf der Grundlage einer psychologischen Betrachtungsweise ist die Art, wie ich kommuniziere, wie ich Botschaften und Inhalte sende, ein Spiegel meines Inneren.

Wie bringe ich das Innen nach Außen?

Ich fange bei mir selbst an: Privat wie dienstlich möchte ich höflich, freundlich, wertschätzend, respektvoll und der Situation angemessen mit meinem Gegenüber kommunizieren. Und ich erwarte das im besten Fall auch vom anderen. Manchmal posaune ich auch was raus, wo ich hinterher doch gerne einen Delete-Button drücken können würde. Dafür bin ich Mensch. Ich habe aber gelernt, Verantwortung zu übernehmen: für mich, mein Handeln und was ich unter Umständen eben so verbal verbocke.

Ich kann jedoch nicht für meinen Kommunikationspartner sprechen. Ich weiß nicht, wie seine Gefühlslage ist, welche Bedürfnisse er gerade hat oder welche Gefühle meine Worte in ihm auslösen. Und dann kommt es ja auch immer auf den Kontext, die Situation an. Deswegen sagt die Art, wie ich kommuniziere, auch mehr über mich aus und seine Reaktion sagt etwas über ihn aus. Können wir diese Erkenntnis in unsere Kommunikation einbinden? Und wenn ja, wie?

Ein Aha-Erlebnis hatte ich vor gut und gerne zehn Jahren, als ich auf die Gewaltfreie Kommunikation (GFK) aufmerksam wurde. Entwickelt wurde sie von dem U.S. amerikanischen Psychologen Marshall B. Rosenberg, PhD. (1935 – 2015), im Englischen übrigens Nonviolent Communication, NVC. Seine Ausführungen lesen sich schlüssig, das Prinzip ist einfach und logisch. Die GFK besteht aus vier Schritten. Das Ziel: Achtsame und einfühlsame Kommunikation als Mittel verstanden zu werden und zu verstehen, für ein friedliches Miteinander.

Die Schritte:

  1. Wert- und urteilsfreie Beobachtung (Keine Interpretation!)
  2. Bestimmen des vorherrschenden Gefühls
  3. Erkennen des dahinter stehenden Bedürfnisses
  4. Bitte um Erfüllung und Dank.

Wenn ich a sehe, dann fühle ich b, weil ich c brauche.
Deshalb möchte ich jetzt gerne d.
M. Rosenberg

Rosenberg vermittelt seine Technik mittels der Giraffensprache im Dialog mit einem Wolf (steht für gewaltbereite Sprache). Mangels Giraffe und Wolfspuppe habe ich das mit meinen Kindern mit einem Zauberraben und Socke geübt. Und Socke war wirklich wenig einfühlsam! Die GFK ist ein Konzept, welches über die Übung zu einer Haltung wird. In den oben beschriebenen Schritten zu sprechen ist ein künstlicher Prozess. Die Trennung von Beobachtung und Be/Verurteilung und Interpretation ist eine hartnäckige Herausforderung. Und es ist erstaunlich, wie sehr man doch ins Stocken kommt, unabhängig davon, für wie reflektiert und eloquent man sich bisher eigentlich gehalten hat. Erst wenn die GFK automatisch in unsere Alltagskommunikation eingeflossen ist, wirkt sie als das, was sie ist: eine verbindende Sprache. Damit wir uns nicht missverstehen, es geht hier nicht um ein zen-mäßiges über allen Dingen stehen. Rosenberg erkannte selber Grenzen in der GFK und war durchaus dafür, auch mal wie Rumpelstilzchen aus der Haut zu fahren.

Kritiker unterstellen der GFK eine manipulative Intention. Das würde die Absicht Rosenbergs ins Gegenteil verkehren und einen Missbrauch seiner Idee bedeuten. Ich meine, Konflikte erst gar nicht eskalieren zu lassen, wertschätzend und ehrlich zu sprechen und so einen Raum schaffen, in dem es friedlich zugeht, weil jeder gehört wird, was kann an dieser Grundhaltung verkehrt sein? War es nicht auch Immanuel Kant, der gesagt hat

Die Freiheit des Einzelnen endet dort, wo die Freiheit des anderen beginnt.

Und da, wo eine Überschneidung von Freiheit stattfindet, da muß ich eben ausbalancierte Kompromisse eingehen oder neue Wege und Lösungen finden, die aus einer Überschneidung eine gemeinsame Schnittmenge machen.

 

Gewaltfreie Kommunikation auch online möglich.

Was beim Bäcker oder dienstlich im Umgang mit Kunden gilt, gilt auch für das Internet. Ich bin auch dort der gleiche Mensch. Und warum sollten dort andere Regeln gelten, als im analogen Leben? Die GFK als Philosophie hilft zu erkennen, daß @Bärli85, @retro und @cockroach-publishing (alle Namen sind frei erfunden, ich habe das aber nicht gegen gecheckt) reale Menschen sind. Menschen mit einer Geschichte.

Und was hat das jetzt mit dem Erziehungsauftrag zu tun?

Kommunikation als Thema läßt sich aus so vielen Perspektiven betrachten, auf Teilbereiche fokussiert untersuchen, in interdisziplinären Kontexten diskutieren. Unter dem Einfluss der Erfahrungen auf dem ersten Barcamp in Flensburg kommt neuer Input in den Suppentopf “Kommunikation”. Das Barcamp als Mitmachparty à la bring your own brain – #byob – könnte doch auch für das Internet gelten. Schalte Dein Gehirn an. Contribute, also bring Dich ein. Verteidige Werte und setze selber Standards. Denn eigentlich wollen wir doch alle etwas Gutes, Schönes und Wertvolles erschaffen!

Darum geht es im zweiten Teil in einer Woche. Weil wir nicht nur dienstliche Nutzer sind, sondern auch Menschen, haben wir alle einen Erziehungsauftrag. Wie können wir als Vorbild agieren. Erziehungsauftrag, Internet und Social Media – wie vermitteln wir als Eltern unseren Kindern einen gesunden Umgang und gute Umgangsformen. Das liest Du hier:

Social Media – Schluss mit der Disskusion und ein Freebie (Medienknigge)

 

Wer mehr über die Gewaltfreie Kommunikation und Marshall B. Rosenberg erfahren möchte:

Das NVC Center in Albuquerque

GFK bei Wikipedia

GFK-Monat

Auch bei youtube gibt es viele Videomitschnitte, in denen Marshall B. Rosenberg die Giraffensprache anschaulich vorführt.

Standardwerk:

GFK

Copyright Junfermann Verlag

 

Rosenberg, Marshall B.; Gewaltfreie Kommunikation. Eine Sprache des Lebens. 12. Aufl. (2010) Junfermann.

ISBN-10: 3-87387-454-7
ISBN-13: 978-3-87387-454-1

 

 

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