Rezension „Crossroads, Ein Inspector Norcott Roman“

  • 1
little edition by Toni Scott

Rezension „Crossroads, Ein Inspector Norcott Roman“

Tags : 

little edition by Toni ScottEs gibt Geschichten, die verdienen eine besondere Leseumgebung. In diesem Fall geht es um den Krimi ‚Crossroads‘ von Jürgen Albers. Wir schreiben das Jahr 1940. Der britische Chief Detective Inspector Charles Norcott hadert mit dem Tod seiner Frau, was auch berufliche Spuren hinterlässt und so kann er wenig dagegen tun, auf einen Posten auf die Kanalinsel Jersey weggelobt zu werden.
Die Kanalinseln verbinden die gute englische Tradition mit französischem Flair, einer üppigen Bilderbuchvegetation, bedingt durch den warmen Golfstrom und die Nähe zu Frankreich. Fischerboote, die in der glitzernden See dümpeln, emsiges Treiben am Hafen, Touristen, Märkte. So idyllisch diese Aussicht, so schnell ist die Illusion vorbei.

Eine junge Frau wird auf der Nachbarinsel Guernsey ermordert, die Deutschen Truppen halten Frankreich besetzt und die kleine Inselgruppe wird zum Dreh- und Angelpunkt unterschiedlicher staatlicher Interessen. Die britische Armee zieht sich zurück, dafür kommen die Deutschen. Ein Großteil der Bevölkerung flieht, die Zurückgeblieben versuchen aus der völligen Isolation und Abgeschnittenheit das Beste zu machen. Norcott ermittelt nun auf Guernsey und wächst mit diesem neuen Team zusammen, findet Freunde und Unterstützung an Stellen, wo er es nicht vermutet hätte.

Ich denke, der Reiz der Kanalsinseln besteht aus der Mischung eines friedlichen Fleckchens Erde mit mediterranen Klimabedingungen, weit weg vom Festland und den alltäglichen Unbillen, verbunden mit einer touristisch ausgerichteten romantischen Erwartungshaltung an das Leben dort. Nicht umsonst hat auch der französische Schriftsteller Victor Hugo Guernsey zu seinem Exil erkoren. Als Schauplatz für einen Kriminalroman, eingebettet in einen historischen Kontext, entsteht eine ganz natürliche Kammerspielatmosphäre, die für Spannung und Dichte sorgt.

»Aber es war eine trügerische Ferne und diese Illusion war das erste Opfer der deutschen Invasion gewesen.«(S.313)

Albers hangelt sich nicht einfach von Ereignis zu Ereignis, er zeichnet ein ganz lebendiges Bild der Zeit und der Menschen auf dieser Insel. Und wie in einem Kammerspiel liegt der Fokus auf der psychologischen Dramaturgie. Charles Norcott, der Hauptprotagonist, ist ebenso einfühlsam, wie getrieben in seiner Arbeit als Polizeiermittler. Vielleicht sogar ein Stück zu sehr bemüht, ein anständiger Kerl zu sein, wenngleich angedeutet wird, dass er in der Vergangenheit nicht sehr zimperlich mit seinen Mitmenschen umgegangen ist. Die politische Lage, die Bedrohung durch die deutsche Invasion spiegelt Norcotts Innenleben. Und ich gehe so weit zu sagen, dass die durch die äußerlichen Umstände hervorgerufene Gefühlslage Norcotts unterdrückten Gefühlen entspricht.

»Norcott stand wortlos a Fenster seines Büros und sog die bedrückende Stimmung in sich auf, ließ sich ganz auf sie ein. Er wollte Trauer und Hoffnungslosigkeit tief in seinem Fühlen verankern. Sie würden Verbündete sein gegen William Henley.« (S.126)

Seine Kollegen, ich sage mal salopp, ein Haufen eingeschworener Dorfpolizisten, laufen bei den Ermittlungen zu Höchstform auf und doch trägt jeder von ihnen ganz individuelle Züge und hat eine eigene Geschichte. Für frischen Wind sorgt die Künstlerin und Aushilfslehrerin Vicky Rhys-Lynch, die die Ermittlungen unterstützt, aber auch auf der privaten Ebene Norcott die Möglichkeit gibt, sich mit seiner Vergangenheit und seiner Zukunft auseinander zu setzen.

»Offen gesagt, Chief Inspector, ein Kaffee wäre mir lieber. Ich konnte mit Tee noch nie etwas anfangen. Sehr unbritisch, in der Tat.« (S.41)

little edition by Toni ScottDieses Zitat ist ebenso ein Beispiel, wie Albers britischen Sprachgebrauch einbindet, ohne dass es, wie an anderen Stellen, als Slang ins Auge fällt: die Bekräftigung „indeed“, „in der Tat“ am Ende eines Satzes ist in der Tat „very British“. Spannend die Fährten, die Albers rund um einen Mord auslegt, der nicht der einzige bleiben wird.

Der Witwer des Mordopfers Nora Henley ist so glatt, so wenig berechenbar, dass wir als Leser nicht sicher sind, ob wir ihm alles zutrauen sollen oder sogar müssen. Einen Einblick in Henley bekommen wir erst spät in der Geschichte und im Zusammenhang mit der die Protagonisten nervenden Vermieterin der Henleys, Mrs. Dobbs, deren inszenierte Darstellung ihrer Selbst natürlich nicht nur Fragen bei Norcott und seinem Team aufwirft, sondern auch den Leser aufhorchen lässt.

Henley vergleicht Mrs. Dobbs und seine Beziehung zu ihr mit einer Qualle, deren giftige Tentakeln sich um ihn schlingen. Eine wunderbar unverbrauchte Metapher, die umso mehr Gewicht bekommt, da wir bis dahin praktisch keinen Einblick in das Gefühlsleben Henleys bekommen.

Sie war wie eine von den seltenen Riesenquallen, die in sehr heißen Sommern manchmal an den Strand gespült wurden – schwammig, weich … fast unsichtbar warfen sie ihre Nesselfäden um ihre Opfer. Henley hatte einmal so eine Qualle gesehen, in deren giftigen Fäden noch ein halbverdauter Fisch hing … ein ekelhafter Anblick war das gewesen.« (S.317)

Die Ermittlungen im Mordfall Henley dehnen sich bis nach Frankreich aus und hier verweben sich nun historische Geschichte, Figuren und Handlungsstränge. Die deutschen Besatzer sind nicht nur braune Masse, sondern sorgsam differenzierte Charaktere, die der Handlung ebenfalls zu mehr Tiefe verhelfen. In Kombination mit den französischen Kollegen, die wie der Zitronensaft auf der Auster für mehr Würze – und auch Humor – sorgen, ist das Ermittlungsteam losgelöst von politischen Interessen ausschließlich an der Lösung des Falls interessiert und kann sich doch nicht aus den Fängen der Kriegsereignisse und deren Konsequenzen lösen.

»Mit einem elegantem Schwung steckte sich Grignard die Serviette in seinen Uniformkragen und behielt sein stilles Lächeln. Er kostete ausgiebig die Suppe, dann legte er den Löffel beiseite. »Sie haben wieder recht, Chief Inspector.« Er nahm noch einen Löffel voll Suppe, als wenn er seine Meinung noch einmal überprüfen wollte und genoss die aufmerksamen Blicke seiner drei Kollegen.
»Was? Ach Sie wollen wissen …?«
Norcott hätte den Franzosen gern ein wenig geschüttelt, aber er behrschte sich.
»Jaaa!«

Auch die Nebenschauplätze, die kleinen alltäglichen und auch kriegsbedingten Probleme der Bewohner, der Alltag jenseits der Touristenidylle, die Realität hinter der schönen Fassade,  ergänzen nicht nur die Haupthandlung, sondern sorgen für eben dieses lebendige Bild und erzählerische Dichte. Darüber hinaus wartet der Roman mit einer Karte und einem Glossar auf, welches auf Bedarf wertvolle Ergänzungen und Erklärungen zum Verständnis liefert und einen kleinen Ausblick in die Zukunft.

Der Autor verabschiedet seine Leser mit einem italienischen Gruß „Vai a casa tranquillamente – la commedia è finita!“ und führt uns damit aus der Zeitreise und der Reise auf eine gar nicht so beschauliche kleine Insel vor den Küsten Frankreichs zurück in die Gegenwart.

little edition by Toni ScottMein Fazit: Crossroads ist ein grundsolide erarbeiteter Kriminalroman, welcher sich exzellent bei einer Tasse Tee genießen lässt.

Auf ein Wort … Tina Köpke hat ein ausnehmend gut gestaltetes Cover entworfen, welches der Geschichte einen würdigen Rahmen verleiht, damit noch einmal die Professionalität des Buches unterstreicht und den Qualitätsstandard im Selfpublishing demonstriert.

Ich bin nun sehr gespannt auf den Folgeroman »Erased« und freue mich auf ein neues Lesevergnügen. Natürlich bei einer Tasse Tee!


Albers, Jürgen: Crossroads, Ein Inspector Norcott-Roman. Selbstverlag. 616 Seiten. 2017
ISBN-13:978-1545357613
ISBN-10:1545357613

Erhältlich via amazon als Taschenbuch oder E-Book oder beim Autor z.B. via Twitter

 

 

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Das könnte Dich auch interessieren!


1 Comment

{Rezension} Crossroads von Jürgen Albers | Bella's Wonderworld

August 26, 2017at 8:54 am

[…] Little Edition […]

Leave a Reply

Newsletter

Archiv