Leonies Wolkenreise | Eine Gute-Nacht-Geschichte

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Leonies Wolkenreise | Eine Gute-Nacht-Geschichte

Ein kleines Mädchen, das hieß Leonie und war genau so frech wie Du, saß mit ihrer Puppe im Arm auf dem Bett und starrte sehnsüchtig nach draußen. Vor dem Fenster stand ein großer Apfelbaum und daneben war ein Kräutergarten, in dem sie im Sommer Erdbeeren und Zitronenmelissenblätter pflückte. Und ganz hinten die Hecke mit der versteckten Lücke, durch die sie heimlich krabbelte und die alte Nachbarin besuchte.

Aber jetzt, am Abend, hatte Leonie nur noch Augen für den Himmel. Sie beobachtete nämlich am liebsten die Wolken. Langsame Schäfchenwolken, große Wolkenberge und manchmal auch wilde, dunkle Sturmwolken. Und wie jeden Abend wünschte sie sich, dass sie wie die Wolken am Himmel fliegen könnte. Und wenn es nur ein Mal wäre. Denn im Bett liegen und schlafen, das konnte ja jeder.

Leonie zog eine Schnute und wollte sich gerade unter ihre Decke kuscheln – aber halt! Da war doch was! Leonie rieb sich die Augen und blinzelte ungläubig. Auf ihrer Fensterbank saß ein kleines Männlein mit einem langen Bart und einer großen Zipfelmütze, die er sich keck aus dem Gesicht schwang.

„Wer bist Du denn?“, fragte Leonie.
„Ich bin das Sandmännchen.“
„Ach, das glaube ich nicht, ich bin auch noch gar nicht müde.“
„Nein, Du würdest lieber in den Himmel fliegen, nicht wahr?“, sagte das Sandmännchen.
„Woher weißt Du das?“ fragte Leonie.
„Weil ich Dir immer einen schönen Traum schicke, damit Du doch gut schläfst.“ „Oh, schickst Du mir jetzt auch wieder einen Traum?“, fragte Leonie.
„ Heute will ich Dir Deinen Wunsch erfüllen“, erwiderte das Sandmännchen.
„Aber wie soll das denn gehen?“ fragte Leonie.
„Pass mal auf!“, sagte das Sandmännchen.

Und dann holte es eine Strickleiter aus seiner Tasche und warf sie hoch, bis über den Rand einer großen weißen Wolke. Und Leonie und er kletterten schnell hinauf. Die Wolke fühlte sich wie ein riesiger, großer Wattebausch an. Als sie es sich so richtig gemütlich gemacht hatten, schwebten sie schon hoch über dem Haus. Die Blumen im Garten leuchteten wie Konfetti und ganz hinten, am Horizont tauchte die Sonne den Himmel in alle Farben des Regenbogens und dann war es plötzlich Nacht. Der Mond ging auf und es blitzte und blinkte, als ein verschlafener Stern nach dem anderen sich reckte und streckte und am Himmel erschien.

Die Wolke flog nun gemächlich über den Dorfplatz und weiter über Felder und Wiesen, ganz tief über einen Bach, dass Leonie das leise Glucksen und Gluckern des Wasser hören konnte und flog weite Kurven über Wälder und wie eine Achterbahn über die Berge. Alles sah so klein aus. Die Häuser wirkten wie kleine Puppenstuben aus dessen Fenstern Licht schimmerte. Leonie seufzte glücklich. Sie waren schon eine ganze Zeit geflogen und bestimmt waren sie schon weit weg von zuhause und Leonie gähnte verstohlen. Nachts zu fliegen und sich die Welt anzuschauen war doch ganz schön anstrengend!

Das Sandmännchen holte aus seiner Tasche eine blaue Decke heraus, die mit lauter silbernen Sternen bestickt war. Und damit deckte es Leonie liebevoll zu. Gerade so, wie es ihre Großmutter immer tat, wenn sie zu Besuch war. Leonie schaute schläfrig zum Mond und kuschelte sich noch tiefer unter die Decke. Und dann war sie eingeschlafen.

Am nächsten Morgen aber, als Leonie wieder aufwachte, da lag sie in ihrem eigenen Bett unter ihrer eigenen Bettdecke. Und zwischen den Blättern des Apfelbaums blitzte fröhlich die Morgensonne in ihr Zimmer. Leonie rieb sich den Schlaf aus den Augen und dachte, dass das mit Abstand der beste Traum war.
Und weißt Du was? Ich glaube, neben ihrem Fuß lugte ein kleiner blauer Zipfel mit einem gestickten Stern unter der Decke hervor.

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