Fines de Claire an Butterstulle

little edition by Toni Scot

Date:06 Jun, 2017

Skills:Magazinartikel

Client:Schiffner Media | Das Beste Genießen

Fines de Claire an Butterstulle

Edle Tischkultur oder “Fines de Claires” an Butterstulle

 

Bretonische Austern kann man vom Pappteller essen, technisch ist das möglich. Aber ob der Genuss dann noch derselbe wäre? Hingegen selbst das profanste Butterbrot ließe sich durch einen edlen Teller in den Adelstand erheben. Na, gut, vielleicht braucht es auch noch etwas mehr dazu…

…aber was wäre das köstlichste Gericht ohne den passenden Rahmen, gebildet durch schöne Tischwäsche, edles Porzellan und feines Besteck.

 

Die Tischkultur ist seit jeher Ausdruck einer Philosophie, die weit über die Nahrungsaufnahme hinausgeht. Ob es um den besonderen Moment zu zweit geht, den Respekt gegenüber dem Gast bei einer feierlichen Einladung oder die Krönung mit Hingabe zubereiteter Köstlichkeiten ganz generell: das Erlebnis als Ritual, gespeist von Traditionen, der Kultur und auch modernen Einflüssen versinnbildlicht den Anspruch an Schöngeistigkeit.

 

Essen befriedigt den Magen, zu speisen den Geist.

 

Werfen wir also einen Blick auf das, was das Herz erfreut und sinnliche Momente beschert, ohne dass der Bauch zu kurz käme und tauschen den Pappteller gegen „Indisch-Blau“. Die Ursprünge des Porzellans lassen sich bis zur chinesischen Hochkultur 1122 – 770 v. Ch. zurückverfolgen. Durch Kaufleute und Reisende gelangte es schließlich auch nach Europa, wo das Geheimnis seiner Herstellung unter der Leitung von Johann Friedrich Böttger mühsam entschlüsselt und weiterentwickelt wurde.

 

Seine Besonderheit liegt in der seit jeher streng gehüteten Rezeptur aus Kaolin, Quarz und Feldspat, dessen Kristalle nach dem Sintern im Gegensatz zu anderen Steingutwaren verglasen und so dem Porzellan seinen besonderen Charakter verleihen.

 

Beeindruckt von den Erfolgen Böttgers und seiner Kollegen beauftragte„August der Starke“ 1710 den Alchimisten und Apotheker mit der Gründung der ersten europäischen Porzellanmanufaktur auf der Albrechtsburg bei Dresden, die noch heute als „Meißener Porzellan“ mit den seit damals bestehenden gekreuzten Säbeln als Symbol für feinstes Porzellanhandwerk einen internationalen Ruf genießt.

 

Das „weiße Gold“ durchläuft klassisch zwei Brennvorgänge und ist nach dem ersten Schrühbrand bei ca. 900° – 1000°C noch ein empfindlicher, poröser Scherben, auf dem dann die Glasur aufgetragen und im Glattbrand bei etwa 850°C mit dem Scherben verbunden wird. In der Herstellung unterscheidet man Hartporzellan, zu dem Meißen zählt und sich, durch einen höheren Kaolinanteil bedingt, durch sehr hohe Brenntemperaturen bis 1460 °C auszeichnet und Weichporzellan, dessen Brennwerte deutlich darunter liegen.

 

Eine Besonderheit stellt das von Thomas Frye 1748 in England entwickelte „Bone China“ dar, welches durch seine Anteile von feiner Rinderknochenasche eine zart durchscheinende Transparenz erhält und das filigrane Erscheinungsbild betont, eines der edelsten und wertvollsten Porzellane der Welt.

 

Hatte Meißen in seinen Anfängen noch das Monopol in Deutschland, gab es im 19. Jh. einen erneuten Aufschwung in der Porzellanindustrie, der durch Kaolinvorkommen in der Gegend um Franken zu Neugründungen von Firmen führte. Unternehmen wie „Arzberg“, „Seltmann Weiden“ oder auch „Villeroy & Boch“, gehören heute neben der „Königlichen Porzellan Manufaktur“ in Berlin, der Friedrich der Große im Jahr 1763 Namen und Zeichen gab, zu den namhaften Traditionsunternehmen und stehen für elegante Porzellankunst.

 

Ebenfalls königliches Porzellan findet sich bei der 1775 gegründeten Manufaktur „Royal Copenhagen“, die ihre Rohstoffe aus Frankreich bezog. Das Zeichen mit den drei Wellen symbolisiert die drei beherrschenden Meeresarme von Dänemark; den kleinen und großen Belt und den Sund vor Kopenhagen. Aber auch in England hatte man schon früh einen Sinn und ein Händchen für kostbare Tafelkunst, wie es die 1759 gegründete englische Manufaktur „Wedgwood“ beweist, die auf Nachfrage von Theodor Roosevelt sogar das „Weiße Haus“ belieferte. Es lohnt sich also, auch mal einen Blick über Deutschland hinaus zu werfen.

 

Eine Verbindung der besonderen Art geht das Oberfrankener Unternehmen „Rosenthal“ ein, in dem sie mit Gianni Versace außergewöhnliches Design mit perfekter Handwerkskunst zu überraschenden und begeisternden Kreationen verbinden. Versace führt an italienische  Fresken erinnernde leuchtende Farben und barocke ornamentale Formen zu zeitlosen Kompositionen zusammen, die Kunst und Kultur verbinden. Ein Anspruch, dem sich das Haus „Rosenthal“ von Beginn an verpflichtet fühlte und bereits 1903 mit seinem Jugendstil – Service „Botticelli“ innovative Akzente gesetzt hatte.

 

Aber auch aktuelle Stilelemente werden von den klassischen Traditionsunternehmen gerne aufgegriffen, die dann behutsam in ihre Kollektionen einfließen und eine Symbiose aus Tradition und Moderne bilden.

 

Gleiches gilt für die Silbermanufakturen, die in ihren Bestecken sowohl den kulturhistorischen Wandel, als auch den modernen Anspruch an Qualität und Funktionalität vereinen und dokumentieren. Ob nun mehr „Bauhaus“ oder „Art Deco“, die passende Wahl des Besteckes rundet nicht nur ein stimmiges Tafelbild ab, sondern zeugt auch von einem sicheren Gespür für Stil, mit dem Sie als Gastgeber Ihren Gästen eine besondere Ehre zuteil werden lassen.

 

Historisch betrachtet ist die westliche Tischkultur noch sehr jung und der stilvoll gedeckte und durch passendes Essbesteck ergänzte Tisch etablierte sich erst im 19. Jahrhundert. Weltweit gesehen essen weitaus mehr Menschen mit Stäbchen und der größte Teil mit den Händen, wobei es auch dort eine Esskultur und Regeln gibt.

 

Das älteste Essbesteck ist sicherlich der Löffel, der der schöpfenden Hand nachempfunden ist und sich schon in steinzeitlichen Funden nachweisen lässt. In der Renaissance entstand die Löffelmacherei als Zweig der beginnenden, Metall verarbeitenden Industrie. So entstand der einfache und aus einem Stück geschmiedete Löffel, der im späten Barock von Kunsthandwerkern stilisiert, nun aus edlen Metallen hergestellt und aufwendig mit Edelsteinen verziert und mit Sinnsprüchen und persönlichen Daten graviert wurde.

 

Diese Kunstwerke wurden traditionell als Geschenke und kostbare Erbstücke aufbewahrt und dienten weniger dem täglichen Gebrauch. Der Ausspruch „den Löffel abgeben“ findet hier seinen ebenso makaberen wie schlicht pragmatischen Ursprung.

Das Messer ist genau so alt wie der Löffel, diente aber neben dem mundgerechten Zerkleinern der Speisen auch anderen Aufgaben und wurde mit dem Löffel im so genannten „Besteck“ am Gürtel getragen. Zuerst aus Stein, wurde es schließlich aus Metall geschmiedet und aus der Waffe wurde eine zahme Tischvariante mit abgerundeter Spitze und verschiedensten Klingen mit mehr oder weniger ausgeprägten Sägen.

 

Einen weitaus hürdenreicheren Weg hat die Gabel hinter sich bringen müssen, die schon als kleiner Handspieß im römischen Reich und als zweizinkige Gabel im Mittelalter vom italienischen Adel benutzt wurde. Verschmäht, ignoriert, verboten und sogar als teuflisches Symbol diffamiert, war die Gabel in den unterschiedlichsten Epochen, Königshäusern und Klöstern gleichzeitig etabliert, verpönt oder schlicht unbekannt, wurde allerdings seit dem 17. Jahrhundert in der endgültigen, vierzinkigen Form hergestellt.

 

Bis ins 19. Jahrhundert wurde Besteck fast ausschließlich aus Silber verwendet. Durch seine Anfälligkeit gegenüber Schwefel kamen schon früh Horn- oder Perlmuttlöffel in Mode und auch Fischbesteck, dass zusätzlich eine stumpfe Schneide erhielt, um das feine Filet gefahrlos von den Gräten abzuheben, wurde vergoldet, um den Geschmack nicht zu beeinträchtigen.

 

Seit den 30gern etablierte sich zunehmend Edelstahl, der schon damals in einem Atemzug mit dem Markt führenden Unternehmen „Württembergische Metallwarenfabrik“ (WMF) genannt wurde und entgegen dem pflegeintensiveren Silber dem modernen Haushalt und dem gesellschaftlichen Wandel Rechnung trug.

 

Inzwischen ist es nur eine Frage des persönlichen Geschmacks, ob man sich für ein Silber- oder Edelstahlbesteck entscheidet oder welchen Anlass man mit welchem Besteck würdigen möchte. Selbst traditionelle Silbermanufakturen wie „Robbe & Berking“ führen neben ihren weltweit beachteten Silberbestecken exquisite Edelstahlkollektionen, die in Form und Design in keinster Weise hinten anstehen müssen.

 

Das Traditionshaus „Koch und Bergfeld“ besticht seit 1829 durch sorgfältige Handarbeit und fertigte im Auftrag von Fabergé bereits für den russischen Zarenhof. Aber auch individuelle Wünsche der Kunden werden berücksichtigt und weiterhin mit einzigartiger Präzision in der Bremer Silbermanufaktur gefertigt.

 

Die französische Antwort auf erlesene Tischkultur ist mit Sicherheit der klangvolle Name „Christofles`“.

 

Das seit 1830 bestehende Traditionshaus in Saint-Denis bietet alles, um Tischkultur zur Kunst zu erheben. Neben ausgesuchten Besteckkollektionen findet man hier ebenso feines Porzellan und eleganten Schmuck wie auch Interessantes zur Historie, denn  bereits im Jahre 625 wurde die erste königliche Goldschmiedewerkstatt in dem schon damals für seine Abtei berühmten Ort nördlich von Paris gegründet.

 

Wenn auch die Auswahl an Dekoren und Formen so facettenreich ist, wie ihre späteren Besitzer, was wäre eine Tischkultur ohne einen traditionsreichen Rahmen, der neben Sicherheit im Umgang auch einen Leitfaden für jeden Anlass bietet.

 

Wurde am Hofe und in der „besseren“ Gesellschaft nur auf Tellern serviert, kann sich inzwischen das „russische“ Eindecken mit Schüsseln zu einem besonderen Augenschmaus entwickeln. Es wäre doch einfach zu schade, die herrlichen und prunkvoll aus Porzellan gefertigten Suppenterrinen zu verstecken.

 

Erlaubt ist, was gefällt. Trotzdem sollte man ein paar einfache Regeln beachten, die auch den Gast vor unangenehmen Situationen bewahren. So liegt das Messer immer mit der Schneide zum Teller rechts davon, daneben der Löffel. Gabeln werden links platziert und Dessertbesteck oberhalb des Tellers. Der Griff einer Dessertgabel zeigt nach links, der Dessertlöffel hingegen liegt darüber mit dem Griff nach rechts.

 

Das Besteck wird in umgekehrter Menüreihenfolge eingedeckt, daraus ergibt sich die einfache Reihenfolge: „Von außen nach innen“. Es sollten allerdings nie mehr als 3 Besteckteile links und vier rechts vom Teller gedeckt werden.

 

Bei der Getränkewahl hilft ebenfalls eine einfache Regel: „Von rechts nach links“. Dem leichten Weißwein folgt ein kräftigerer Rotwein zum Hauptgang und ein Sekt oder Champagner zum Dessert. Dabei wird das Rotweinglas als Richtglas oberhalb des Messers ausgerichtet, an dem sich alle weiteren Gläser orientieren.

 

Wer es etwas unkomplizierter mag, dem sei ein höfischer Etikette durchaus gerecht werdendes Picknick empfohlen. Kleine Leckereien und Spezialitäten dürfen mit den Fingern gekostet werden und neben den appetitlich duftenden Köstlichkeiten ist sicherlich noch Platz für ein paar stilgerechte Teller und fein geschliffene Gläser.

 

Und ob Sie nun Ihre Austern geräuschvoll schlürfen oder in lautloser Verzückung vernaschen, überlasse ich ganz Ihnen und verweise gerne auf Goethes Worte:

 

„Aber kein Genuss ist vorübergehend, denn der Eindruck, den er hinterlässt, ist bleibend.“