Das leise Grün

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Das leise Grün

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Gärtnern ist keine Frage von Renommee oder Reichtum, Gärtnern ist ein Lebensstil. Beth Chatto

So ein Garten ist grün. Das liegt in der Natur der Dinge. Mein Garten ist ganz besonders grün. Das liegt an der Auswahl der Pflanzen. Ich habe nur einen kleinen Garten, was ich manchmal bedaure. Keine ausgedehnten Spaziergänge, kein kontemplatives Lustwandeln, dafür eine Anordnung wie ein Atrium, quadratisch, übersichtlich, geschlossen.

Ich mag Gelb als Farbe nicht, bevorzuge Ton in Ton, auch wenn eine farbprächtige Blumenfülle ihre Reize hat. Für diesen kleinen Garten habe ich mich für Grün entschieden. Für jede Art von Grün. Wie von Rauch überzogenes Grün, panaschierte Blätter, deren Grün in Weiß übergeht, lichtes Hellgrün, strahlendes, saftiges Grün, geheimnisvoll düsteres Grün, bläuliche Schatten.

Ich habe als einzige Farbe Weiß, welche keine Farbe im eigentlichen Sinn ist, in diesem Atrium. Reines, helles Weiß. Im Mai, wenn die Azaleen und Rhododendron blühen, zeigt sich der Garten voller Licht, voller gewellter, strahlender, zart gekräuselter Blüten. Das tränende Herz blüht in reinem Weiß, elegant recken sich die Blütenkelche vor der dunklen Eibe gen Sonne. Später dann folgen Rosen mit kleinen, gefüllten Pompons, Sommer verkündende Clematis ranken und Pfingstrosen. Wundervoll prächtige Pfingstrosen. Mit dem ersten Sommerregen folgen Hortensien, zeitlos, romantisch, ihre Farben wechselnd. Am Ende bleibt das Grün in all seinen Schattierungen.

Es ist ein leiser Garten, der ohne viele Zierblumen auskommt. Die Form, die Struktur ist alles. Ein Wechsel von Formschnitt, von Symmetrie und wild wuchernder Natur, die das Grün lebendig werden läßt. Dieser Garten ist kein Feuerwerk, er ist das leise Erzählen von den Jahreszeiten. Ein Innehalten, ein langes Atmen und den Blick ruhen lassen, gemächlich weiterziehen. Mein Garten will nicht eben mal schnell erlebt werden.

Er fordert Zeit ein. Zeit, den Blick im Detail zu verlieren, das Einzigartige im Kleinen zu entdecken. Den gezackten Rand des Blattes, die fleischige Textur, den changierenden Wechsel von Weiß zu Grün, von schmalen Trieben und überbordenden Blüten. Er will wahrgenommen werden und nicht konsumiert. Das leise Grün hebt die Zeit auf. In der Betrachtung, im Innehalten, im leise werden liegt das Versprechen. Ein Wispern aus den im Wind sanft rauschenden Bäumen, ein luftiges Plätschern der kleinen Wasserquelle. Das leise Grün ist konzentrierte Energie, die in weichen Wellen durch diesen Garten zieht. In der Eile, in der hektischen Betriebsamkeit nicht wahrnehmbar, verborgen. Erst, wenn ich selbst zur Ruhe komme, wenn meine Augen sich an das Grün gewöhnt haben, sehe ich. Und begreife.

Gärten existieren im Hier und Jetzt, im Augenblick. Der nächste Regen, der nächste Windstoß, der nächste Sonnenstrahl wird ihn verändern, ihm ein neues Gesicht geben. Der Garten ist immer in Bewegung, er hält nicht still, manchmal unbemerkt, im Frühling kaum aufzuhalten. Jede Ansicht ist einzigartig, morgen, nächstes Jahr, in einem Leben wird der Garten schon wieder anders aussehen, sich verändert, völlig gewandelt haben. Ich bin als stiller Betrachter Zeuge dieses Wachsens und wieder Vergehens, des immer wieder sich neu Entfaltens. Ich darf ihm in seinem Sein assistieren, ihn begleiten. Weisheit, alle Zeit überdauernde Weisheit, weil es das Leben selbst ist, während ich nur diesen Augenblick habe, den ich greifen kann.

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5 Comments

Nina

Juli 14, 2016at 3:07 pm

Liebe Toni,
vielen Dank für Deinen wunderschönen Text! In „leisem Grün“ finde ich mich absolut wieder. Leise, weil ich introvertiert bin und Grün, weil es meine Lieblingsfarbe ist. Fehlt nur noch der Garten. Ob es Zeit ist, sich auf die Suche zu machen…
Liebe Grüße, Nina

    little edition

    Juli 14, 2016at 3:37 pm

    Liebe Nina, vielen Dank für Dein schönes Lob! Wir so unter uns… Ich gucke mir gerne Bilder von Gärten auf Pinterest an, vielleicht hilft das ja auch Dir, so als Übergangsmaßnahme? Liebe Grüße zurück, Toni

      Nina

      Juli 14, 2016at 4:47 pm

      Liebe Toni,
      gute Idee, ich glaube ich werde es ausprobieren.
      Liebe Grüße, Nina

Ricarda

Juli 15, 2016at 11:14 am

Hello Toni,
danke für die Führung durch Deinen Garten! Ich konnte das Grün und die Ruhe dabei spüren. Auf meinem schattigen Balkon gedeihen viele Blumen leider nicht so, wie ich es mir wünsche. Daher überwiegt auch hier das Grün mit ein paar Sprenkeln Weiß und neuerdings wildem Lila.
Viele Grüße aus der Großstadt, Ricarda

    Toni Scott

    Juli 15, 2016at 1:05 pm

    Liebe Ricarda, so ein Balkon ist viel wert, gerade in der Stadt! Und auch auf ein paar Quadratmetern kann man es sich grün und gemütlich machen. Ich wünsche Dir einen schönen und schreibwilden Sommer auf dem Balkon! Liebe Grüße zurück, Toni

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