Wissen, Phantasie und das Lesen mancher Bücher

Wie kann es sein, dass ich eine Erstauflage der deutschen Ausgabe von Bill Bryson, Eine kurze Geschichte von fast allem über Jahre jungfräulich im Regal stehen habe? Ich bin ein wenig entsetzt, als ich das handschriftlich notierte Datum auf der ersten Seite betrachte. Denn es zeigt mir, wie schnell die Zeit vergeht und wie wenig Zeit ich ganz offensichtlich in der nahen Vergangenheit hatte, mich diesem Buch und seinem Wissen zu widmen.

 

Ich bin der Meinung, dass man populärwissenschaftliche Literatur mit einer gewissen Aufmerksamkeit lesen sollte. Während des Überfliegens einer „Bunte“ muß ich mein Gehirn nicht einschalten, Bilder und Textfetzen durchspülen meine Hirnwindungen, was einer Tiefenentspannung nach Jakobsen gleichkommt. Aber mit Bill Bryson ist das anders. So leicht und unterhaltsam er die Geschichte der Naturwissenschaften erzählt, so möchte ich doch etwas davon behalten. Denn beim Lesen populärwissenschaftlicher Literatur möchte ich das Gelesene ja ganz bewusst aufnehmen. Ich bin mir dabei völlig im Klaren, dass ich einen einschüchternd großen Bereich von Vorgängen, Themen und Fakten der naturwissenschaftlichen Forschung und ihrer Geschichte nicht auch nur annähernd begreifen oder nachvollziehen kann. Das hindert mich allerdings und überhaupt nicht daran, mich trotzdem für Naturwissenschaft zu interessieren.

 

Gerne querbeet, denn es ist doch zu spannend, was wir darüber lernen können, wie unsere Welt funktioniert. Wie wir uns in Thesen verirren, Beweise entwickeln und widerlegen und am Ende bescheiden zur Kenntnis nehmen, dass wir im Rahmen unserer Möglichkeiten – und knapp daneben ist auch vorbei – doch nur immer wieder aufs Neue vermuten können. Sei es nun die aufregende Geologie, die völlig kontroverse Paläoanthropologie, spiraldynamische Astrophysik oder die ja nun jeden lebenden Funken auf dieser Welt betreffende Genetik.

 

Das Faszinierende sind die genialen Denkern entsprungenen Erkenntnisse, aber das wirklich Beeindruckende und vielleicht sogar für mich Überdauernde sind die Menschen dahinter, als oftmals in ihrem Denken Gefangene ihrer Zeit und Kultur, verschrobene oder nicht selten aufgeblasene Egos und damit in ihrer Menschlichkeit doch wieder irgendwie liebenswürdige Charaktere. Forschung ist in gewisser Weise auch die Erkenntnis seiner Selbst und auf einer tiefen Ebene philosophisch. Mit jedem Quark und jedem Protein komme ich mir selbst näher und damit der Frage nach dem Sinn und der Sinnhaftigkeit meiner Zeit auf dieser Welt. Und um diese möglichst sinnvoll zu nutzen, halte ich es denn doch mit unserem lieben guten Albert: „Phantasie ist wichtiger als Wissen, denn Wissen ist begrenzt.“

Über Alexandra Feßner

"Um kreativ zu sein, muß man die Grenzen der eigenen Vorstellung überwinden."
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